Was ist Empathie und wie entsteht sie?

Empathie (Einfühlungsvermögen in andere und sich selbst) ist Voraussetzung für jede gute intime Beziehung. Wenn wir geboren werden, nehmen wir uns noch nicht als von anderen Menschen getrennt wahr. Unser Ego, was sich als separat von der Umwelt erkennt, existiert noch nicht. In diesem Zustand erleben wir das Unwohlsein anderer so, wie unser eigenes.

Nach einer Weile beginnen wir uns mit separaten Gefühlen und Wünschen wahrzunehmen. Jetzt verändert sich etwas Grundsätzliches:

Ein Kleinkind sieht alles um sich herum als eine Verlängerung von sich selbst. Es entwickelt eine egozentrische Sichtweise und nimmt sich als Mittelpunkt der Welt wahr. Ein 2jähriges Kind ist nicht in der Lage, darüber nachzudenken, ob und wie sich sein schreien auf die Mutter auswirkt. Es schreit ganz einfach, weil es sich gerade so fühlt. Es wird einen kleinen Welpen so hoch heben, wie es ihm gerade praktisch erscheint. Würde das Hündchen dann in seinen Händen vor Schmerz jammern, hätte das Kind kein Verständnis dafür. Der Welpe könnte im ungünstigsten Fall sogar sterben. Es würde im Kleinkind nicht mehr als Verwirrung und Verwunderung auslösen. Der Eigenanteil bliebe ihm völlig verborgen. Ein Kleinkind ist nicht in der Lage, sich in den Welpen einzufühlen! Es kann noch nicht empathisch auf seine Umwelt reagieren.

!! Empathie impliziert ein “sich eins fühlen mit etwas” – ein “sich auf etwas einstellen oder einlassen” !!

Um andere Menschen wahrzunehmen, sie zu sehen, zu hören und zu fühlen mußt du dich in sie einfühlen können. Du mußt dich in ihre Welt hinein begeben und so empfinden können, “als ob du sie wärst.” Das gibt dir die Möglichkeit, in jeder Situation Konflikte zu beenden. Du kannst so die Lage für alle durch entsprechendes Handeln verbessern. Einfühlungsvermögen führt zwangsläufig zu Mitgefühl.

Bedrohlich werden Menschen für andere, wenn sie in einer egozentrischen Blase leben. Das sind Menschen, die körperlich Erwachsene sind, auf emotionaler Ebene aber im Kleinkindalter verharren. Ihre Entwicklung von Einfühlungsvermögen ist ausgeblieben. Sie leben in einer Realität, die sie für sich allein errichtet haben. Wenn du in einer Beziehung mit einem solchen Menschen bist, dann fühlst du dich zwangsläufig meist einsam, ungesehen, ungehört, ungefühlt und unverstanden. Es scheint nicht nur so, als ob du in einer anderen Realität lebst. Ihr sendet euch Botschaften auf komplett verschiedenen Frequenzen und deinem Partner fehlt die Bereitschaft, sich zu bewegen, um sich auch auf dich einzustellen.

Um Empathie zu entwickeln, mußt du erkennen können, daß andere Menschen eigene Emotionen haben, denn damit gehen zwangsläufig eigene Gedanken und Vorstellungen einher. Du mußt dazu bereit sein, deren Wert und Berechtigung anzunehmen. Die Entwicklung von Einfühlungsvermögen und gesundem Mitgefühl hängt davon ab, unter welchen Umständen wir aufgewachsen sind. Wir lernen hauptsächlich durch das Vorbild unserer Eltern.

Hast du die Fähigkeit zur Empathie entwickelt?

Wir erwerben die Fähigkeit, uns in andere einzufühlen, wenn sich andere uns gegenüber in der Kindheit einfühlsam verhalten haben.

Frage dich:

  1. Habe ich das Gefühl, daß meine Eltern mich als Kind verstanden haben?
  2. Haben sie zumindest versucht, mich zu verstehen?
  3. Hatten sie Mitgefühl?
  4. Haben sie ihr Verhalten entsprechend meiner Gefühlslage angepaßt?
  5. Haben sie meine Gefühle anerkannt? Oder haben sie mir gesagt, daß ich so nicht fühlen sollte?
  6. Wie haben mich meine Eltern behandelt, wenn ich schlecht gelaunt, verängstigt oder empört war? Wurde ich dafür abgelehnt?

Fehlende Empathie der Eltern führt zu Bewältigungsstrategien beim Kind

Wenn unsere Eltern im Umgang mit uns kaum Empathie gezeigt haben, dann mußten wir uns als Kind für eine der beiden möglichen Bewältigungsstrategien entscheiden:

Fehlende Empathie anderen gegenüber

Wir haben beschlossen, daß unser Leben nur durch die emotionale Abtrennung von den Eltern und die Flucht in eine narzisstische Blase abgesichert werden kann. Wir haben beschlossen zu glauben, daß unser individuelles Erleben die einzige existierende Realität ist. Sie ist alles, was zählt.  (Lese auch “Abweisend Vermeidendes Bindungsverhalten“)

Fehlende Empathie uns selbst gegenüber

Wir haben beschlossen, daß unser Überleben davon abhängt, wie prompt und einfühlsam wir die Befindlichkeiten der Eltern wahrnehmen können, um ihre Bedürfnisse zu erkennen und ihr Verhalten vorherzusehen. Wir haben gelernt, uns entsprechend anzupassen und deshalb entschieden, daß unser individuelles Erleben unwichtig ist und nicht zählt. (Lese auch “Ängstlich Überinvolviertes Bindungsverhalten“)

BEIDE Verhaltensmuster sind ungesund.

Wir müssen klar sehen: Nicht empathisches Verhalten von Eltern ihren Kindern gegenüber hat immer Bewältigungsstrategien zur Folge. Sie verhindern bei diesen Menschen im erwachsenen Alter ein authentisches Sein. Du kannst kein erfülltes Leben führen, im zwanghaften Versuch Sicherheit zu erlangen, alle Energie in das Einfühlen und Anpassen an andere Menschen investierst. Um das zu tun, mußt du dich selbst komplett vernachlässigen und die eigenen Gefühle und Wünsche an den Nagel hängen.

Die Bedeutung von Empathie für unsere Beziehungsfähigkeit

Was lernt ein Kind von Eltern, die Einfühlungsvermögen haben? Was sind die positiven Auswirkungen?

  1. Das Kind lernt einen gesunden Umgang mit Gefühlen.
  2. Es wird keine narzisstischen oder co-abhängigen Muster entwickeln.
  3. Das Kind wird später anderen Menschen weder bewußt noch unbewußt Schaden zufügen, weil es mitfühlen kann.
  4. Das Kind lernt, keine Dinge zu tun oder zu sagen, die sein Gegenüber verletzen.
  5. Es lernt, sowohl den eigenen Blickwinkel als auch den Blickwinkel des anderen ernst zu nehmen und zu betrachten.
  6. Es wird Verständnis für andere Sichtweisen und damit Konfliktfähigkeit entwickeln.

Mangel an Empathie für andere – was kannst du tun?

1) Nimm die momentane Situation an. Deine Beziehungen werden reich an Konflikten sein, solange du kein Einfühlungsvermögen entwickelt hast. Du wirst deinem Partner wahrscheinlich oft wehtun, ohne es überhaupt zu merken.

2) Beginne mit der bewußten Entscheidung, Mitgefühl entwickeln zu wollen. Du wirst dieses Konzept am Anfang auf einem emotionalen Level nicht wirklich verstehen. Versuche deshalb vorerst, den Menschen in deinem Umfeld so oft wie möglich deine ungeteilte Aufmerksamkeit zu geben. Nimm die Erkenntnis an, daß du dein Leben bisher in einer Blase gelebt hast, in die keiner hinein kommen konnte und durfte. Es gibt viele Schichten zwischen dir und den anderen. Setze dir das Ziel, die Blase zum platzen zu bringen, damit du andere Menschen sehen, fühlen und hören kannst. Erst das versetzt dich in die Lage, dich auf ihre Frequenz einstellen zu können. Beginne, indem du es dir zur Gewohnheit machst, deine Umgebung bewußt ganz genau wahrzunehmen. Kümmere dich um eventuell aufkommende Widerstände, die es verhindern wollen, daß du die Blase verläßt. Sie werden da sein. Das ist normal, denn du hast sie ursprünglich bezogen, um dich vor Verletzung zu schützen. Sei dir dessen bewußt, daß du die Menschen um dich herum – und langfristig dich selbst – verletzt, wenn du dich auf diese Weise vor ihnen abschottest.

3) Frage dich, warum du dich nicht in andere einfühlen möchtest. Was könnte passieren? Was wäre schlimm daran, andere wirklich zu sehen, zu fühlen und zu verstehen? Die Blase ist da, um deine Realität zu kontrollieren. Frage dich, warum du glaubst, das zu müssen.

4) Erkenne: Wenn du dir der Dinge, die sich schlecht anfühlen, durch Flucht in die Blase nicht bewußt wirst, schaffst du dir eine Realität, die der wahren Realität nicht entspricht. Du gehst in den Widerstand zu ihr. Deshalb hat es langfristig unweigerlich negative Konsequenzen.

5) Wenn du den Willen aufbringen kannst, dich verletzlich zu zeigen und starke Gefühle zuzulassen  – auch die deines Partners – dann ändert sich alles. Solange du glaubst, stark bleiben zu müssen, kannst du dich nicht in einen Menschen einfühlen, der in einem emotionalen Zustand ist. Es würde dich dann unangenehm berühren und “deinen Frieden” stören. Diese Art Frieden hat einen hohen Preis – den der Einsamkeit.

Siehe auch: https://www.katikoerner.de/angst-vor-hingabe/

Für die kostenlosen Entwicklungs-Impulse anmelden
Deine Mailadresse wird nur zum Zweck des Newsletters verwendet. Jeder kann sich, sofern er will, jederzeit auch wieder austragen. Du entscheidest also ob und wie lange ich dir die Infos per Mail schicken darf.