Wenn Empathie fehlt

Einfühlungsvermögen ist eine Voraussetzung für jede gute intime Beziehung. Wenn wir geboren werden, nehmen wir uns noch nicht als von anderen Menschen getrennt wahr. Unser Ich, was sich als getrennt von der Umwelt erkennt, existiert noch nicht. In diesem Zustand erleben wir das Unwohlsein anderer so, wie unser eigenes.

Nach einer Weile beginnen wir uns mit eigenen Gefühlen und Wünschen wahrzunehmen. Jetzt verändert sich etwas Grundsätzliches:

Wenn Empathie fehlt – Entwicklung

Das Kleinkind sieht alles um sich herum noch als eine Verlängerung von sich selbst. Es hat eine egozentrische Weltsicht (primärer Narzissmus). Es kann also auch noch nicht darüber nachdenken, ob und wie sich seine Wut auf die Mutter auswirkt. Es schreit ganz einfach, weil es sich gerade so fühlt.

Einen kleinen Welpen würde es so hoch heben, wie es ihm gerade praktisch erscheint. Würde das Hündchen dann vor Schmerz jammern könnte es das nicht nachvollziehen. Wenn der Welpe im ungünstigsten Fall dabei stirbt würde das im Kleinkind lediglich Verwirrung oder Verwunderung auslösen. Nicht nur weil ihm der Eigenanteil verborgen bleibt. Es hat nur eine kognitive Form von Empathie . Auf seine Umwelt kann es also noch nicht mitfühlend reagieren.

Empathie impliziert das “sich eins fühlen mit etwas”. Es ist die Fähigkeit sich auf etwas einzustellen oder einzulassen.

Wenn die Mutter ihr Baby anlächelt lächelt es reflexartig zurück. Etwas später lernt es die Gefühle anderer zu kategorisieren: Es versteht, dass die Mama traurig ist, wenn sie Tränen auf den Wangen hat, ohne es zu fühlen.

Unter guten Prägungsbedingungen wird das Kind im Laufe der Zeit durch wiederholte Erfahrungen mit seinen Mitmenschen die Fähigkeit zu warmer Empathie (echtem Mitgefühl) entwickeln.

Um andere Menschen tatsächlich wahrzunehmen (sie zu sehen, zu hören und zu fühlen) müssen wir uns in ihre Welt hinein versetzen können. Diese Fähigkeit ermöglicht es uns für Konflikte Lösungen zu finden, die für alle Beteiligten von Vorteil sind. Einfühlungsvermögen führt zwangsläufig zu Mitgefühl.

Bedrohlich werden Menschen für andere, wenn sie in einer egozentrischen Weltsicht stecken bleiben und in eine private Schein-Realität flüchten. Wenn sie nur körperlich aber nicht emotional ausreifen und die Entwicklung von Einfühlungsvermögen einfach ausbleibt.

Wenn du eine Beziehung mit einem solchen Menschen eingehst, dann fühlst du dich zwangsläufig oft einsam und nicht gesehen, gehört, gefühlt und verstanden. Ihr lebt in verschiedenen Welten, sendet auf verschiedenen Frequenzen und deinem Partner fehlt die Bereitschaft, sich auch ab und an auf dich einzustellen.

Empathie entwickeln wir nur dann, wenn wir erkennen, dass andere Menschen eigene Emotionen haben, denn damit gehen zwangsläufig eigene Gedanken und Vorstellungen einher. Es braucht die Bereitschaft, deren Berechtigung anzunehmen.

Einfühlungsvermögen und gesundes Mitgefühl erlernen wir hauptsächlich durch das Vorbild unserer Eltern und wichtiger Bezugspersonen.

Wenn Empathie fehlt – Ursachen

Wir erwerben die Fähigkeit uns einzufühlen, wenn sich Bezugspersonen in der Kindheit uns gegenüber empathisch verhalten haben.

Frage dich bitte einmal:

1) Habe ich mich von meinen Eltern als Kind verstanden gefühlt?

2) Haben sie sich zumindest bemüht, mich zu verstehen?

3) Haben sie mir Mitgefühl gezeigt?

4) Haben sie sich auf meine Gefühlslage eingestellt?

5) Haben sie meine Gefühle anerkannt? Oder haben sie mir gesagt, dass ich anders fühlen sollte?

6) Wie haben mich meine Eltern behandelt, wenn ich traurig, verängstigt oder empört war? Wurde ich dafür abgelehnt?

Wenn Empathie fehlt – Strategien

Wenn unsere Eltern im Umgang mit uns wenig Einfühlungsvermögen gezeigt haben, dann mussten wir uns in der Kindheit schützen. Wir waren gezwungen uns für eine der folgenden Bewältigungsstrategien zu entscheiden:

Fehlende Empathie anderen gegenüber

Wir haben beschlossen, dass unser Leben nur durch die emotionale Abschottung von den Eltern und die Flucht in eine narzisstische Blase abgesichert werden kann. Wir haben beschlossen daran zu glauben, dass unser individuelles Erleben die einzige existierende Realität ist. Sie ist alles, was zählt.  (Lese auch Abweisend Vermeidendes Bindungsverhalten“)

Fehlende Empathie uns selbst gegenüber

Wir haben beschlossen, dass unser Überleben davon abhängt, wie prompt und einfühlsam wir die Befindlichkeiten unserer Eltern wahrnehmen können, um ihre Bedürfnisse zu erkennen und ihr Verhalten vorherzusehen. Wir haben gelernt, uns entsprechend anzupassen und deshalb entschieden, dass unser individuelles Erleben unwichtig ist und nicht zählt. (Lese auch Ängstlich Überinvolviertes Bindungsverhalten“)

BEIDE Verhaltensmuster sind ungesund.

Es ist wichtig zu verstehen: Uneinfühlsames Verhalten von Eltern ihren Kindern gegenüber hat fatale Konsequenzen. Die Abwehrstrategien, die diese Kinder entwickeln verhindern im erwachsenen Alter Authentizität und eine gesunde Grenzsetzung. Wenn wir alle Energie in die Anpassung an andere investieren müssen, um uns sicher zu fühlen können wir kein glückliches Leben führen. Denn dazu müssen wir uns selbst komplett vernachlässigen und die eigenen Gefühle und Wünsche an den Nagel hängen.

Wenn Empathie fehlt – Beziehungsfähigkeit

Was lernt ein Kind von Eltern, die Einfühlungsvermögen haben? Was sind die positiven Auswirkungen?

1) Das Kind lernt einen gesunden Umgang mit Gefühlen.

2) Es wird keine narzisstischen oder coabhängigen Muster entwickeln.

3) Es wird später anderen Menschen keinen Schaden zufügen wollen, weil es mitfühlen kann.

4) Es lernt andere nicht bewusst zu verletzen.

5) Es lernt, sowohl den eigenen Blickwinkel als auch den Blickwinkel des anderen ernst zu nehmen.

6) Es wird Verständnis für andere Sichtweisen und Konfliktfähigkeit entwickeln.

Wenn Empathie fehlt – Lösungen

1) Nimm die Ist-Situation erst einmal an: Deine Beziehungen sind konfliktreich, weil du kein Einfühlungsvermögen entwickelt hast. Du wirst deinem Partner wahrscheinlich oft wehtun, ohne es überhaupt zu merken.

2) Beginne mit der bewussten Entscheidung, dass du Mitgefühl entwickeln möchtest. Du wirst dieses Konzept am Anfang auf emotionaler Ebene nicht wirklich verstehen. Versuche deshalb vorerst, den Menschen in deinem Umfeld so oft wie möglich deine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Nimm die Erkenntnis an, dass du dein Leben bisher in einer abgeschotteten Privat-Realität gelebt hast, in die kein anderer eintreten konnte. Du hast Schichten zwischen dir und anderen Menschen errichtet. Setze dir das Ziel diese Schichten abzutragen, um sie sehen, fühlen und hören zu können.

Erst das versetzt dich in die Lage, dich auf ihre Frequenz einzustellen. Beginne, indem du es dir zur Gewohnheit machst, deine Umgebung bewusst genau wahrzunehmen. Kümmere dich um eventuell aufkommende Widerstände, die es verhindern wollen, dass du deine Privat-Welt verlässt. Es ist normal, wenn sie sich zeigen, denn du hast sie ursprünglich erschaffen, um dich vor Verletzungen zu schützen. Sei dir dessen bewusst, dass du Menschen um dich herum – und langfristig dir selbst – weh tust, wenn du dich auf diese Weise von ihnen abschottest.

3) Frage dich, warum du dich nicht in andere einfühlen möchtest. Was glaubst du könnte passieren? Was wäre schlimm daran andere wirklich zu sehen, zu fühlen und zu verstehen? Du versuchst durch Flucht in deine eigene Welt die Kontrolle zu bewahren. Frage dich warum du glaubst, das tun zu müssen.

4) Wenn du dir der Dinge, die sich schlecht anfühlen, durch Flucht nicht bewusst wirst, schaffst du dir eine Scheinrealität, die der wahren Realität nicht entspricht. Du widerstehst ihr. Langfristig hat das unweigerlich negative Konsequenzen.

5) Wenn du den Willen aufbringen kannst, dich verletzlich zu zeigen und Gefühle zuzulassen  – auch die deines Partners – dann ändert sich alles. Aber solange du glaubst stark sein zu müssen kannst du dich nicht in einen Menschen einfühlen, der Emotionen zeigt. Es würde dich unangenehm berühren und deinen Frieden stören. Diese Art Frieden hat einen hohen Preis – den der Einsamkeit.

Mehr dazu: https://www.katikoerner.de/angst-vor-hingabe/

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