Wenn Sicherheit langweilt
Viele bindungsverletzte Menschen kennen das: Sie sind ratlos und traurig darüber, dass sie nichts fühlen, wenn ihr Partner zugewandt und verlässlich für sie da ist.
In der Arbeit mit ihnen spüre ich oft ihre Verzweiflung, wenn sie über einen Menschen sprechen, der mal leidenschaftlich und dann wieder distanziert war.
Ihre Atmung verändert sich und der Körper wird unruhig, und da ist ein Drang zu beschreiben, wie sich diese Unberechenbarkeit konkret gezeigt hat. Wenn sie über verlässliche Partner sprechen, sinken ihre Schultern. Die Stimme wird flacher und ruhiger und sie fühlen nur noch Langeweile.
Wenn ich ihnen die Frage stelle, was in ihrem Körper passiert, wenn sie über die schmerzhafte Beziehungserfahrung sprechen, beschreiben sie oft Enge, ein Zusammenziehen in der Brust, ein aufgebracht sein und ein elektrisierendes, erregendes Gefühl.
Und wenn ich sie bitte, den Fokus auf die stabile Beziehung zu richten senkt sich ihr Blick:
„Die ist ruhig, aber es fühlt sich nicht aufregend an.“
Inhaltsübersicht
Wenn Sicherheit langweilt – Hintergründe
Diese Symptome sind intelligent und nichts geschieht zufällig.
Bindungs- und Anziehungsmuster organisieren sich oft um ungelöste Spannung. Wenn uns etwas früh im Leben überwältigt und keiner da war, der uns bei der Verarbeitung dessen hätte helfen können, dann verschwindet diese Energie nicht.
Der kindliche Körper spannt sich an, um einen Moment zu überleben. Der Moment vergeht, aber es gibt keine Reparatur, keine Beruhigung, keinen ausreichenden Ausdruck.
Die Trauma-Energie sucht nach Lösung im Außen. Sie trägt diese schmerzhafte Empfindung, Sehnsucht und Angst in sich.
Wenn das Unterbewusstsein eine Chance wittert, die alte Erfahrung mit einem Menschen zu wiederholen fühlt sich das vertraut – wie eine unbeschreibliche ‚Chemie‘ oder Vorherbestimmung an.
Ich stelle dann oft die Frage, wann sich Liebe zum ersten Mal so elektrisierend angefühlt hat. Die Antworten geben Aufschluss. Diese zwei beschreiben den Grundtenor:
„Meine Mutter war großartig, wenn sie da war. Aber emotional ist sie immer wieder verschwunden. Ich wusste nie, welche Version ich bekomme.“
„Mein Vater war selten zuhause. Ich hab ihm oft von einem Baumhaus vorgeschwärmt. Ich erinnere mich noch an die Momente, als er auch Feuer und Flamme dafür zu sein schien. Leider war er dann doch oft zu müde.“
→ Da ist sie – diese schwer beschreibliche Elektrizität der Unsicherheit.
Als Kind hat ihr System gelernt: Liebe bedeutet Aufregung, dranbleiben und sich bemühen.
Liebe war von Sehnsucht und Trauer umgeben. Sie war flüchtig.
Wenn dieses Kind später als Erwachsener auf Unberechenbarkeit trifft, leuchtet diese alte Erinnerung auf.
Der Körper empfindet das Muster als etwas Lebendiges, weil das Nervensystem diese Art der Aktivierung mit Bindung gleichsetzt.
→ Erotische Energie und Überlebensenergie vermischen sich.
In einer stabilen Beziehung gibt es keine krassen Ausschläge. Keine Anspannung und kein Streben. Der Körper ist ruhig. Doch das System vieler Menschen kann damit nichts anfangen. Es merkt nur, dass etwas fehlt.
Wenn Sicherheit langweilt – Arbeit mit Klienten
Wenn ich mit meinen Klienten in diese Ruhe hineingehe und sie bitte, in ihr zu verweilen, wird der Atem langsamer und das Gesicht entspannt sich. Sie sagen dann so etwas, wie:
„Es fühlt sich… ungewohnt an, als müsste ich nichts dafür tun.“
Und das hat etwas weiches und zartes.
Ein Kind, das gelernt hat, dass Liebe Anstrengung erfordert, begegnet erstmals der mühelosen Hingabe. Der Körper weiß aber noch nicht, wie er Sicherheit als erotisch deuten soll.
In meiner Arbeit sehe ich immer wieder Klienten, die sich in der Anspannung am lebendigsten fühlen und das Verlangen verlieren, wenn es sicher wird. Sie verwechseln Unberechenbarkeit mit Tiefe, weil ein unverarbeitetes Trauma nach einer Lösung sucht.
Der kindliche Anteil, der den Schmerz einer überwältigenden Erfahrung in sich trägt, wird abgespalten und bleibt in der Vergangenheit stecken. Er behält das emotionale Alter, in dem er entstanden ist. Wenn er dann im erwachsenen Alter aktiviert wird, reagiert der Körper, als wäre er fünf oder zehn Jahre alt.
Die Gedanken, die dir suggerieren, dass du Intensität magst versuchen dich im Vertrauten zu halten. Und auch dein Nervensystem wird dir flüstern, dass sich das wie Zuhause anfühlt.
Dein Verlangen ist nicht infrage zu stellen. Es will neugierig erforscht werden. Meinen Klienten frage ich dann vielleicht:
„Was passiert, wenn du 2Minuten in der Ruhe bleibst?“
Dann kommt die Unruhe und vielleicht auch die Enge in der Brust. Und wenn der Klient lange genug dort bleibt zeigt sich das ursprüngliche Gefühl – Traurigkeit.
Wenn das alte unverarbeitete Gefühl verstoffwechselt werden kann, hat dein System die endlich die Möglichkeit erotische Energie neu zu organisieren.
Wenn Sicherheit langweilt – Selbsterfahrung
Ich habe das am eigenen Körper erlebt. Die Zeiten, in denen sich Intensität berauschend angefühlt hat. Der Schmerz, das Vielleicht und das Hin und Her. Wenn ich einem Menschen mit einer beständigen Präsenz begegnet bin, habe ich mich entspannt gefühlt. Aber Funken sprangen nicht über.
Ich musste erst lernen, in der Ruhe zu sitzen, um feinere Empfindungen wahrnehmen zu können und zu erkennen, dass Sicherheit überhaupt erst den Raum für tiefere Empfindung schafft. Was ich mir beweisen durfte ist:
Wenn mein Nervensystem nicht im Alarmzustand ist, kann mein Körper mehr fühlen, nicht weniger.
Wenn Sicherheit langweilt – Beobachtungen
In der Praxis ermutige ich meine Klienten dazu, zu experimentieren: Die Ruhe wahrzunehmen und ins Becken zu atmen, wenn sie mit einem beständigen Partner zusammen sind. Bis das Verlangen aus einer Erdung entsteht, nicht aus Dringlichkeit.
Oft zeigt sich natürlich auch Skepsis: Was, wenn es nicht kommt?
Ich ermutige sie dann präsent zu bleiben, nicht zu jagen und dem eigenen Körper zu Zeit geben. Er muss erst lernen, dass er sich auch ohne Bedrohung lebendig fühlen kann.
Der Klient beginnt immer besser zu verstehen, dass seine Symptome Weisheit in sich tragen. Seine Anziehung von Chaos war kein Fehler, sondern eine intelligente Anpassung.
Während er übt, in der Sicherheit zu bleiben, beginnt sich langsam etwas zu verändern. Die Ruhe wird wärmer und intimer und vielleicht bemerkt er erstmals Freude im Blickkontakt.
Die kindliche Trauer fühlt sich mit der Zeit anders an. Langsamer und tiefer.
Wenn sie in Bewegung gebracht wurde kehrt sie zum Kern zurück und der Körper lernt, dass Präsenz selbst erotisch sein kann.
Verlangen vertieft sich, wenn deine sexuelle Energie vom Überlebensmodus befreit ist.
Zwei Menschen mit ähnlichen Verletzungsebenen kollidieren nicht zufällig miteinander: Ein Partner wird durch Distanz aktiviert, der andere durch Nähe und beide halten die krasse Chemie zwischen ihnen für Schicksal.
Klienten fragen sich also verständlicherweise oft, ob das, was sich so unbeschreiblich bedeutsam angefühlt hat, tatsächlich ’nur‘ der Lösungsversuch eines alten unverarbeiteten Traumas war.
Leider ist das in der Regel so. Ihr Körper wurde durch die Anwesenheit eines Menschen mit einer bestimmten psychischen Struktur an etwas Unvollendetes erinnert.
Aber wenn diese Erinnerung mit Mitgefühl gehalten werden kann verändert sich alles: Erotische Anziehung dreht sich immer weniger um das Jagen nach Intensität und mehr um das Verkörpern von Lebendigkeit.
Verlangen wird im Laufe des Prozesses souveräner, weil ihr nun statt Fragmentierung Kohärenz zugrunde liegt.
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