Unsicherheit in der Beziehung:
Inhaltsübersicht
Alte Angst oder berechtigte Zweifel?
Du bist in einer Beziehung und fühlst dich trotzdem nicht wirklich sicher.
Vielleicht fragst du dich häufig, ob dein Partner dich noch liebt und brauchst immer wieder Rückversicherung.
Vielleicht interpretierst du Nachrichten, Tonfall und kleine Veränderungen in seinem Verhalten. Du spürst die Angst, ihn zu verlieren oder merkst, dass du dich immer mehr anpasst, um die Beziehung nicht zu gefährden.
Wenn du dich schon mit deinen eigenen Bindungsmustern beschäftigt hast fragst du dich nun vielleicht:
Ist das gerade meine alte kindliche Angst? Oder gibt mir diese Beziehung tatsächlich Grund, mich unsicher zu fühlen?
Diese Frage ist relevant. Denn die Antwort würde dir helfen gute Entscheidungen zu treffen:
Ist deine Unsicherheit ein Hinweis auf eine problematische Beziehung oder ein Zeichen dafür, dass du gerade die Chance hast für einen kindlichen Anteil in dir da zu sein?
Dein Nervensystem könnte auf eine alte Erfahrung reagieren. Genauso könnte es aber sein, dass deiner Unsicherheit ein realistischer Spiegel der Beziehungsqualität ist.
Und manchmal überlagern sich auch beide Ebenen.
Wenn du in früheren Beziehungen oder in deiner Kindheit erlebt hast, dass Nähe unzuverlässig, schwer vorhersehbar oder an Bedingungen geknüpft ist, kann dein System auch in einer grundsätzlich guten Beziehung Alarm schlagen.
Dann kann eine kleine Veränderung im Verhalten deines Partners starke Gefühle in dir auslösen.
Deshalb ist es hilfreich, zwischen dem äußeren Geschehen und dem inneren Erleben unterscheiden zu lernen.
Was passiert gerade?
Und was löst das, was passiert, in dir aus?
Menschen, die sich intensiv mit ihren Bindungsmustern beschäftigen verstehen, dass ihre Angst mit früheren Erfahrungen zusammenhängen kann.
Sie beginnen deshalb manchmal, ihrer eigenen Wahrnehmung zu misstrauen.
Sie denken:
Ich muss lernen, meinem Partner zu vertrauen.
Ich bin einfach zu ängstlich.
Ich muss an meiner Verlustangst arbeiten.
Ich darf nicht so bedürftig sein.
Dabei übersehen sie möglicherweise, dass ihr Partner tatsächlich wenig Verbindlichkeit zeigt, Vereinbarungen nicht einhält, emotional nicht erreichbar ist oder ihre Bedürfnisse wiederholt abwertet.
Innere Arbeit darf nicht dazu führen, dass du deine Realität ‚wegtherapierst‘.
Frage dich deshalb nicht nur, warum du dich unsicher fühlst, sondern auch was es in dieser Beziehung gibt, auf das deine Unsicherheit möglicherweise sinnvoll reagiert.
Und: Innere Sicherheit impliziert keine Freiheit von Angst!
Auch in einer guten Beziehung kann es Konflikte, Missverständnisse, unterschiedliche Bedürfnisse und Momente der Verunsicherung geben.
Entscheidend ist vielmehr, was mit deiner Unsicherheit geschieht.
Kannst du darüber sprechen?
Kann dein Partner deine Gefühle hören, ohne dich dafür abzuwerten?
Könnt ihr unterschiedliche Bedürfnisse miteinander verhandeln?
Sind beide motiviert nach einem Konflikt aktiv zu reparieren?
Kannst du Nein sagen ohne bestraft zu werden?
Kannst du anderer Meinung sein? Kannst du sagen, was du brauchst?
Und kannst du dabei du selbst bleiben?
Denn Beziehungssicherheit zeigt sich nicht nur darin, wie viel Nähe zwischen zwei Menschen vorhanden ist.
Sie zeigt sich auch darin, wie frei du in der Verbundenheit sein kannst.
Deshalb möchte ich dir eine Frage mitgeben, die mehr über eine Beziehung verrät:
Fühle ich mich in dieser Beziehung sicherer, wenn ich offen und authentisch bin oder wenn ich mich stärker anpasse?
Lese diese Frage bitte nicht zu schnell. Spüre noch einmal nach:
Stelle dir vor, du würdest aufhören, die Stimmung deines Partners zu beobachten und nicht mehr versuchen, Konflikte möglichst früh zu verhindern. Was würde passieren?
Was würde passieren, wenn du deine Bedürfnisse nicht mehr herunterspielst und auch mal enttäuscht oder wütend bist?
Wenn du nicht mehr versuchst, besonders verständnisvoll, geduldig oder unkompliziert zu sein?
Würde deine Beziehung dadurch sicherer werden oder würde sie ins Wanken geraten?
Gerade Menschen mit einem starken Bedürfnis nach Harmonie erleben oft etwas Verwirrendes. Wenn sie darauf achten, sich weniger zu streiten wird die Beziehung ruhiger.
Aber wenn sie einfach weniger artikulieren, was sie brauchen, dann ist das keine Entwicklung.
Ein Mensch, der sehr gut darin geworden ist, die Bedürfnisse anderer zu erspüren, kann eine Beziehung oberflächlich stabil halten, indem er sich immer weiter zurücknimmt.
Indem er verständnisvoll ist, die Perspektive des anderen übernimmt und sich vielleicht für seine eigenen Bedürfnisse entschuldigt.
Natürlich fühlt sich die Beziehung „sicherer“ an, wenn du nichts mehr forderst. Aber das ist keine echte Sicherheit.
Selbstreflexion: Was macht deine Beziehung mit dir?
Wenn du herausfinden möchtest, woher deine Unsicherheit in der Beziehung kommt, können dir die folgenden Fragen helfen.
1 Was genau macht mir Angst?
Was würde es für mich bedeuten, meinen Partner zu verlieren?
Würde ich mich wertlos fühlen? Allein? Nicht liebenswert? Gescheitert?
Habe ich Angst vor dem Schmerz, der mit einer Trennung verbunden wäre?
2 Was passiert tatsächlich zwischen uns?
Versuche, deine Situation möglichst nüchtern zu betrachten. Welche konkreten Verhaltensweisen deines Partners lösen deine Unsicherheit aus?
Ist er verlässlich? Ist er ansprechbar? Hält er Absprachen ein? Kann er Verantwortung für seinen Anteil an Konflikten übernehmen?
Ist Nähe und Aufmerksamkeit grundsätzlich vorhersehbar? Oder musst du häufig rätseln, woran du bist?
Je genauer du zwischen Beobachtung und Interpretation unterscheiden kannst, desto klarer wird dein Bild.
3 Was tue ich, wenn ich Angst bekomme?
Werde ich anhänglich? Kontrolliere ich? Frage ich immer wieder nach?
Ziehe ich mich zurück? Versuche ich, es meinem Partner recht zu machen?
Oder verschließe ich mich emotional, bevor ich überhaupt verletzt werden kann?
Hier zeigt sich häufig deine persönliche Schutzstrategie!
4 Was verliere ich dabei als Erstes von mir selbst?
Was passiert mit mir, wenn meine Angst übernimmt? Verliere ich meine Grenzen? Meine Meinung? Meine Bedürfnisse?
Meine Würde? Meine Lebensfreude? Mein Vertrauen in meine eigene Wahrnehmung?
Eine Beziehung zeigt kann dir zeigen, wo du dich selbst noch verlässt, um die Bindung zu erhalten.
5 Kann ich in dieser Beziehung widersprechen?
Kannst du sagen, dass du etwas nicht möchtest? Dass du mit etwas nicht einverstanden bist oder etwas anderes brauchst?
Und was geschieht dann? Ist es okay für dein Gegenüber?
6 Wie geht mein Partner mit meinem Schmerz um?
Wird dein Erleben ernst genommen, wenn du sagst, dass dich etwas verletzt hat?
Versucht dein Partner zu verstehen und kann er seinen Anteil erkennen?
Oder dreht er den Fokus um, sodass du nun seine Gefühle auffangen musst?
Verschwindet dein ursprüngliches Thema, weil du dich am Ende damit beschäftigst, ob du überhaupt das Recht hattest, verletzt zu sein?
Wie ein Mensch mit deinem Schmerz umgeht, sagt oft sehr viel über seine emotionale Reife aus.
7 Darf ich in meiner Beziehung frei sein?
Sicherheit und Freiheit sind keine Gegensätze. Eine reife Beziehung sollte beides ermöglichen:
Du darfst du selbst bleiben und dich verbunden fühlen.
Kannst du eigene Interessen haben, andere Menschen wichtig finden und dich verändern, ohne dass die Beziehung dadurch bedroht erscheint?
8 Wer bin ich in meiner Beziehung?
Die Liebende? Die Vernünftige? Die Verständnisvolle? Die Starke?
Der Vermittler? Oder die, die immer wartet?
Bist du in deiner Beziehung noch der, der du wirklich sein möchtest?
Realitätscheck bei Unsicherheit in der Beziehung:
Wenn du deine Beziehung besser einschätzen möchtest, vervollständige spontan diese Sätze:
In meiner Beziehung kann ich …
In meiner Beziehung muss ich …
Wenn ich Nein sage, …
Wenn ich Bedürfnisse habe, …
Wenn ich traurig oder verletzt bin, …
Wenn mein Partner anderer Meinung ist, …
Wenn ich mich verändere, …
Wenn ich einen Fehler mache, …
Wenn wir Konflikte haben, …
Wenn ich ganz ich selbst bin, …
Lese deine Antworten anschließend nicht mit dem Blick eines Richters. Versuche vielmehr, neugierig zu sein.
Was erzählen sie dir über deine Beziehung? Und was erzählen sie dir über dich?
Die Frage ob du zu bedürftig bist führt oft in eine Sackgasse. Denn sie lenkt deine Aufmerksamkeit ausschließlich auf dich selbst.
Frage dich was du brauchst, um dich in einer Beziehung sicher und frei fühlen zu können und ob das in deiner jetzigen Beziehung grundsätzlich möglich ist.
Natürlich wäre es ein Fehler jede Angst deinem Partner anzulasten. Ein Fehler wäre aber auch, jede Angst als dein persönliches Problem zu betrachten.
Nimm beides ernst – deine innere Welt und die Realität.
Vielleicht entdeckst du, dass deine alten Ängste in einer grundsätzlich tragfähigen Beziehung aktiviert werden.
Dann ist es wichtig, zu lernen, diesen alten Schutzmustern nicht mehr automatisch die Führung zu überlassen.
Vielleicht stellst du aber auch fest, dass sich die Unsicherheit in der Beziehung immer wieder zeigt, weil tatsächlich etwas nicht zu deinen Bedürfnissen und Werten passt.
Dann besteht die Entwicklung nicht darin, zu lernen, damit klarzukommen, sondern darin, deiner Wahrnehmung wieder zu vertrauen.
Und vielleicht stellst du fest, dass beides stimmt:
Dass du alte Wunden hast, die in deiner Beziehung berührt werden. Und dass dein Partner Dinge tut, die diese Wunden immer wieder nähren.
Die Suche nach einem Schuldigen wäre auch hier fehl am Platz. Was du brauchst ist Klarheit:
Nimm wahr, was in dir geschieht und nimm wahr, was zwischen euch geschieht.
Fasse dann den Beschluss, dich für die Beziehung nicht mehr selbst zu verlassen.
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