Abweisend vermeidend – 9 Schlüssel zur Heilung

Bevor ich mit dir meine Erfahrungen teilen möchte, die ich in der Arbeit mit diesem Bindungstyp mache, braucht es noch eine Klarstellung:

Denn ich bekomme fast täglich von Menschen diese Frage gestellt:

„Hat mein Partner einen vermeidenden Bindungsstil oder ist er ein verdeckter Narzisst?“

Das ist bis zu einem gewissen Grad verständlich. Und auch ich stand vor Jahren einmal an diesem Punkt.

Abweisend vermeidend oder verdeckt narzisstisch?

Denn der abweisend vermeidende Bindungsstil ähnelt in der Art, wie er sich im privaten Beziehungskontext zeigt, dem des  verdeckten Narzissten , der in Fachkreisen als schwer therapierbar bzw. therapieresistent gilt.

Weil das Verhalten sich sehr ähneln kann lege ich Betroffenen ans Herz, sich besser die Frage zu stellen, wie sie sich in ihrer Beziehung die meiste Zeit fühlen.

Wenn die Antwort darauf nicht ausreicht, um eine klare Entscheidung treffen zu können, dann weist das auf ein inneres Thema hin, was beachtet werden will.

→ Falls du dich hier wiedererkennst, dann stelle dir viele neugierige Fragen:

Was zwingt dich dazu, dich selbst so zu vernachlässigen und zu verlassen? Welcher Anteil will an der Beziehung festhalten? Lerne den Kampf, der in dir tobt zu verstehen, weil er dich entscheidungsunfähig macht.

Und was deinen Wunsch nach Klarheit betrifft:

Die psychische Landschaft eines pathologischen Narzissten unterscheidet sich von der eines abweisend vermeidenden Bindungstyps. Aber nur eine individuelle Betrachtung erlaubt eine vorsichtige Prognose in Bezug auf Heilungsmöglichkeiten.

Die Voraussetzung für Veränderung ist ein Problembewusstsein. Und da dem pathologischen Narzissten ein stabiler, kongruenter Wesenskern fehlt hat er das nicht.

Im Umkehrschluss gilt:

Wenn ein Mensch abweisende Muster an sich erkennt und den ehrlichen Willen  zur Selbstreflexion hat, dann ist die Prognose sehr gut.

Wenn der Wunsch da ist, einem Partner auf Augenhöhe zu begegnen, dann ist es auch möglich, ungesunde Beziehungsmuster Schritt für Schritt aufzulösen.

Aber Menschen mit abweisend vermeidendem Bindungsstil fällt es nicht leicht, sich mit ihrer Bindungsproblematik auseinanderzusetzen. Nicht nur weil ihr Leidensdruck geringer ist, als der anderer unsicherer Bindungstypen:

Die Bereitschaft, sich mit den eigenen Konditionierungen zu beschäftigen bedeutet für sie, sich ohne existenzielle Not den bisher vermiedenen Ängsten und Schamgefühlen zu stellen.

Ängstliche Bindungstypen werden sich ihrer Bindungsproblematik in der Regel früher im Leben bewusst, weil sie häufig in Situationen geraten, wo ihr Schmerz die Angst vor Veränderung um ein Vielfaches übersteigt.

Natürlich gibt es auch bei ihnen Widerstände. Sie zeigen sich jedoch oft erst später, im Verlauf der Therapie.

Ganz wichtig ist aus meiner Sicht:

Abweisend vermeidende Bindungstypen sind NICHT die ’schlechteren‘ Menschen, weil sie sich oft erst spät im Leben zur Aufarbeitung ihrer Traumata entscheiden. Das es so ist liegt in der Art begründet, wie sie gelernt haben, sich vor Angst und Scham zu schützen.

Was ich immer wieder sehe ist: Wenn sie die ersten 3Schlüssel in ihrem Prozess gemeistert haben, dann bleiben sie in der Regel konsequent am Ball.

Nun zu den Punkten, denen ich beim abweisend vermeidenden Bindungstyp eine Schlüsselfunktion zuordnen würde.

Abweisend vermeidend – 9 Schlüssel zur Heilung

Die ersten 3Schlüssel bilden aus meiner Erfahrung die Grundlage im Heilungsprozess dieses Bindungstyps.

Eine große Herausforderung besteht darin, dass sie sich bis zu einem gewissen Grad gegenseitig bedingen.

1  Lerne dich selbst kennen.

Der Blick nach innen – in den Körper mit seinen Emfindungen – ist ein erster wichtiger Schritt, um den Zyklus der Unterdrückung von Gefühlen zu durchbrechen.

Und er hängt von der Lösung tief verinnerlichter Glaubensmuster, wie diesem ab:

„Ich werde nur akzeptiert und angenommen, wenn ich keine Gefühle zeige.“

Wenn du diesen Bindungsstil entwickelt hast, war die Unterdrückung von Emotionen bisher dein Schutz vor Angreifbarkeit.

Emotionen fühlen sich für dich überwältigend an, weil du dich dadurch anderen ausgeliefert fühlst.

Am Anfang deines Weges geht es um die Lösung dieser inneren Verknüpfungen, damit du deine Bedürfnisse und Wünsche wieder wahrnehmen kannst.

2  Gib deinen Gefühlen Raum.

Natürlich ist das zunächst beängstigend, weil es für dich zur Überlebensstrategie geworden ist, deine Emotionen NICHT zu fühlen.

Sicher hilft dir ein wenig die Erkenntnis, dass das für dich als Erwachsener ein veraltetes, destruktives Muster ist, aber sie löst den Widerstand nicht auf.

Vielleicht kannst du auch noch nicht zwischen dem Zulassen von Gefühlen und heftigen emotionalen Gefühlsausbrüchen („Emotional Dumping“) unterscheiden.

Vielleicht hast du bisher Partner(innen), die zu letzterem neigen ( ängstlich vermeidende Bindungstypen oder Menschen mit Borderline Symptomatik ).

Es wird etwas Zeit brauchen, bis du verinnerlicht hast, dass wir Gefühle nicht zwangsläufig auf ungesunde Weise an anderen abreagieren müssen.

Übe es zu fühlen, nach innen zu gehen und deinen Emotionen Raum zu geben. So wirst du sie auch wertschätzen lernen.

Deine Gefühle sind ein effektives Navigationssystem.

Sie helfen dir herauszufinden, was gerade in dir – unter der Oberfläche – passiert.

Oft erfährst du so etwas über ein unbefriedigtes Bedürfnis, für dessen Erfüllung du dann bewusst sorgen kannst. Und wenn das Gefühl da sein durfte löst es sich wieder auf.

3  Lerne deine Gefühle zu verarbeiten.

Mache dir bewusst, welche Strategien du bisher genutzt hast, um deinen Gefühlen zu entkommen.

Beobachte im Alltag diese innere Impulse. Halte inne, wenn du sie spürst. Nimm wahr, wovor du gerade flüchten willst.

Gib dem Gefühl im Geiste die Erlaubnis da zu sein. Richte den Fokus geduldig zurück in den Körper, wenn sich Gedanken aufdrängen wollen.

4  Befreie dich von Selbstbeschämung.

Beobachte die harsche innere kritische Stimme, die dich oft herabsetzt und beschämt. Sie ist der Wärter von Glaubensmustern, die in deiner Kindheit entstanden sind. Oft sind es Glaubensmuster, wie:

„Ich bin defekt.“ / „Ich bin nicht richtig.“.

Deine Sensitivität hinsichtlich Kritik ist nur ein Spiegel dessen.

Es wird dir vielleicht noch schwer fallen anzunehmen, dass es nichts gibt, was diesen harschen Umgang mit dir selbst rechtfertigt.

Schätze dein bisheriges Leben einmal ehrlich ein. Kannst du erkennen, wie oft du dir schon bewiesen hast, dass du okay bist?

Eine große Herausforderung wird darin bestehen, mit den Schamgefühlen („Ich bin nicht richtig.“) präsent zu sein, wenn sie sich zeigen. Dabei wirst du vielleicht professionelle Unterstützung brauchen.

Wenn du lernst, sie nicht mehr zu verdrängen, dann blockieren sie deine Veränderung nicht mehr. Sie lösen sich Schritt für Schritt auf.

5  Übe es dich verletzlich zu zeigen.

Punkte 1 bis 3 sind eine Voraussetzung für diesen Schritt, denn du hattest bisher wahrscheinlich oft gar keine Ahnung, was du gerade fühlst. Du warst es gewohnt im Kopf zu sein und der Zugang zu deinem Körper hat gefehlt.

Wenn du dich selbst wieder besser zu spüren beginnst kannst du Schlüssel5 in Angriff nehmen.

Gehe langsam vor, ohne dich unter Druck zu setzen. Teile ab und zu eine persönliche Erinnerung oder ein Gefühl mit einem Menschen, dem du vertrauen kannst.

Versuche deine Bedürfnisse zu artikulieren. Beobachte, was dann passiert: Wie fühlt es sich an? Fühlst du dich dadurch distanziert oder verbunden? Beweise dir immer wieder selbst, dass deine Angst keine Berechtigung mehr hat.

6  Werde etwas großzügiger.

Mit den Punkten 1 bis 5 hast du dich um Aspekte in dir gekümmert, die bisher immer zu kurz gekommen sind: um Bedürfnisse, die in deiner Kindheit nicht gestillt wurden.

Du hast dafür gesorgt, dass du langsam den Überlebensmodus verlassen kannst. Und das hilft dir, großzügiger mit anderen zu sein.

Wenn du dich im Fight-or-Flight-Modus befindest kannst du nur an dich selbst denken. Dieser Zustand war für dich bisher Normalität. Er wurde zu deiner unterbewussten Komfortzone.

Während deines Heilungsprozesses lernst du allmählich anderen etwas mehr zu vertrauen. Du lernst dich auf andere zu verlassen und einzulassen.

Übe dich im Geben, im dich öffnen, im Teilen und Mitteilen und nimm wahr, wie sich das anfühlt und auswirkt.

Das Gefühl des inneren Mangels wird sich lösen, wenn du realisierst, dass du dich damit sicher fühlen kannst.

7  Lerne es Bedürfnisse zu kommunizieren.

Du hast bisher aufgrund des unterbewussten Glaubens nicht genug zu haben, an allem was du bekommen konntest festgehalten.

Dein ängstlicher Partner hat wahrscheinlich übermäßig viel von sich selbst gegeben, aber vielleicht nicht die Dinge, die du eigentlich bräuchtest.

Die fehlende Kommunikation deiner Bedürfnissen hat bisher wahrscheinlich in deinen Beziehungen zu schmerzhaften Dynamiken beigetragen.

Und weil du selbst nicht so recht wusstest, was du eigentlich brauchst, hast du dich oft nicht gesehen und dein Partner sich ausgenutzt gefühlt.

8  Achte gut auf dich selbst.

Sorge emotional und körperlich gut für dich. Nach außen hin wirkt es vielleicht so, als ob du das schon tust. Aber wenn du genau hinschaust, wirst du bemerken, dass du dich bisher oft abgelenkt hast.

9  Befriedige deine Bedürfnisse auf eine gesunde Weise.

Erkenne, dass es neben lebensnotwendigen Grundbedürfnissen noch andere Bedürfnisse gibt: Sie erfordern, dass du dich spürst und andere in ihrer Einzigartigkeit wahrnimmst.

Es sind die Bedürfnisse, die dir Langzeitbefriedigung verschaffen. Ein paar Beispiele:

Wenn du merkst, dass du dich gerade einsam fühlst, dann kompensiere sie nicht mehr dadurch, dass du Filme anschaust, in dem Menschen in intimen Situationen dargestellt werden.

Kompensiere die Einsamkeit nicht mit der Pseudo-Teilhabe an der Verbundenheit zweier Schauspieler. Suche stattdessen bewusst tiefere Gespräche mit Menschen, die dir wichtig sind.

Wenn du dich gerade etwas unsicher fühlst, lenke dich nicht mit Fernsehen, Spielen oder mit noch mehr Arbeit von dem Gefühl ab.

Finde stattdessen heraus, was es konkret ist, das dich unsicher macht. Entwickle dann eine Strategie, die dir hilft dich in diesem Bereich sicherer zu fühlen.

Abweisend vermeidend – Message an meinen Partner

Es gibt Dinge, die dir ein abweisend vermeidender Partner mitteilen würde, wenn er in seinem Prozess fortschreitet und lernt, Bedürfnisse zu fühlen und vorsichtig zu artikulieren:

1  Ich benötige Zeit, um mich in Beziehungen emotional öffnen zu können,

.. denn ich bin es gewohnt, mich ganz und gar auf mich selbst zu verlassen. Deshalb brauche ich genügend Zeit und Raum, um herausfinden, wen ich in meinem Leben lassen möchte.

2  Nach einem Arbeitstag brauche ich Zeit für mich, um inneren Druck abzubauen,

.. denn ich fühle mich sicherer, wenn ich das allein, nur mit mir selbst tun kann. Wenn das von dir respektiert wird, bin ich schneller wieder dazu in der Lage, Kontakt mit dir aufzunehmen.

3  Ich wünsche mir klare, sachliche Kommunikation,

.. denn ich habe Schwierigkeiten damit zu erraten, was du brauchst. Und ich mache nicht gern Fehler.

Ich kann viel besser damit umgehen, wenn du deine Wünsche präzise formulierst.

4  Ich stoße Menschen oft weg, wenn ich mich kritisiert fühle,

.. denn in der Tiefe glaube ich ganz oft, deinen Bedürfnissen nicht gerecht werden zu können.

Vielleicht können wir Kompromisse finden, wenn du Bedürfnisse hast, die in unserer Beziehung unbefriedigt bleiben.

5  Beziehungen sind schwierig für mich und sie machen mir Angst.

Je konstanter, sicherer und ausgeglichener ich dich in unserer Beziehung erlebe, desto besser kann ich mich im Laufe der Zeit öffnen.

6  Es fällt mir schwer, Gefühle auszudrücken, 

.. denn das macht mich verletzlich. Und Verletzlichkeit verbinde ich mit Schwäche.

Aber ich bin mit dir zusammen, weil ich das will. Und ich möchte dir mit dem, was ich für dich tue zeigen, wie sehr ich dich mag.

Weitere Infos zu diesem Bindungsmuster findest du hier: Der abweisend vermeidende Bindungsstil

Wenn du magst begleite ich dich gern in 1:1 Sitzungen durch diesen Prozess. Du würdest dann nach jeder Sitzung von mir zusätzliche, individuell auf dich zugeschnittene Aufgaben und Anregungen per Mail zugesandt bekommen.

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