Das Trauma, nicht gesehen zu werden

Für viele Menschen ist es schwer zu erkennen, dass sie keine gesunde, einfühlsame Erziehung erfahren haben.

Sie sehen nicht, was ihnen gefehlt hat und starten ins erwachsene Leben ohne zu wissen, dass ihre Psyche ein Defizit aufweist.

Andere ahnen vielleicht, dass etwas gefehlt hat – sie können aber nicht benennen, was es konkret gewesen ist.

Das Trauma nicht gesehen zu werden – Hintergründe

Wenn deine Freunde in der Kindheit wohlhabender waren, eine intakte Familie oder zumindest ‚funktionierende‘ Eltern hatten – im Gegensatz zu dir, dann fällt dir das auf.

Was du schwerer festmachen kannst, das sind die subtilen dysfunktionalen Interaktionen zwischen Bezugspersonen und ihrem Kind.

Eltern, die liebevoll erscheinen und sich für die Aktivitäten, Freunde und schulischen Belange ihres Kindes interessieren, haben nicht zwangsläufig die Fähigkeit sich feinfühlig auf die Individualität ihrer Kinder einlassen zu können.

Manche Eltern sehen sie ihre Kinder nicht als eigenständige Individuen, getrennt von sich selbst, – mit eigenen Interessen, Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen. Sie belohnen vielleicht nur eine entsprechende Leistung oder versuchen ihren Kindern großzügig all das zu geben, was sie selbst in ihrer Kindheit vermisst haben.

Das Trauma nicht gesehen zu werden – Bedürfnisse

Doch das entspricht nicht dem, was Kinder wirklich brauchen und wollen.

Psychisch gesunde, bindungssichere Eltern haben das starke Bedürfnis ihre Kinder zu verstehen, mit ihnen mitzufühlen und sie zu spiegeln. Das beginnt schon im Säuglingsalter.

Spiegeln heißt z.B. die Gedanken und Gefühle des Kindes durch Nachahmung seines Gesichtsausdrucks oder die sinngemäße Wiederholung seiner Worte wiederzugeben, um zu zeigen, dass es gehört und verstanden wird.

Dieser Prozess hilft Kindern, sich gesehen, bestätigt und gehört zu fühlen, und ist entscheidend für eine gesunde emotionale Entwicklung – für die Entwicklung eines Selbst-Gefühls, eines Zugangs zum eigenen Wert und für Selbstachtung.

Er unterstützt Kinder dabei:

  • ihre Gefühle zu erkennen und zu benennen
  • ihre Gefühle zu bestätigen und anzunehmen
  • Selbstvertrauen und Selbstwert aufzubauen
  • Selbstwahrnehmung und emotionale Intelligenz (EQ) zu entwickeln
  • ein positives Selbstbild zu entwickeln
  • Bedürfnisse und Gefühle angemessen auszudrücken
  • Empathie für andere zu entwickeln
  • gesunde Beziehungen im Erwachsenenalter aufbauen zu können.

Das Trauma nicht gesehen zu werden – fehlendes Spiegeln

Entscheidend für die Entwicklung eines gesunden Selbst ist die Fähigkeit der Mutter (der primären Bezugsperson), ihre Reaktionen einfühlsam und intuitiv auf die Bedürfnisse und wechselnden Gefühle ihres Kindes abzustimmen.

Sie teilt die Freude ihres Kindes und bleibt ruhig und präsent, wenn es traurig ist.

Eine emotional gesunde Mutter reguliert intensive Emotionen des Kindes und fängt sie auf. Sie fühlt mit, benennt seine Gefühle korrekt und lehrt ihm so, seine Wahrnehmungen und inneren Empfindungen ernst zu nehmen, ihnen zu vertrauen und auf sie zu reagieren.

Durch diesen Abstimmungsprozess fühlen sich Babys und Kinder geliebt und verstanden und entwickeln ein eigenständiges psychisches Selbst.

Wenn ein Kind unzureichend gespiegelt wird fühlt es sich allein und unsicher. Es lernt, dass seine Bedürfnisse, Gefühle und Gedanken unwichtig, falsch oder beschämend sind.

Das Trauma nicht gesehen zu werden – Auswirkungen

Wiederholte Erfahrungen dieser Art bringen Kinder oft dazu, ihre Bedürfnisse und Gefühle zu unterdrücken und sich stattdessen an den Erwartungen und Emotionen der Mutter zu orientieren. Ein Kind passt sich seiner Umgebung an und entwickelt Vorstellungen davon, wer es „sein sollte“, um zu überleben.

Seine Schutzaspekte können sich in der Neigung zu Rückzug, Überfürsorge für andere, Selbstgenügsamkeit, Aggression, Überanpassung oder Leistungsdruck manifestieren, um Liebe und Anerkennung abzusichern.

Ein stabiles Selbstgefühl und das Bewusstsein für eigene Bedürfnisse, Gefühle und Gedanken bleiben so auf der Strecke. Chronisch getriggerter Scham und Co-Abhängigkeit sind die Folge.

Menschen wissen oft nicht, dass sie das Trauma nicht gesehen worden zu sein in sich tragen. Suchen verzweifelt im Außen nach Lösungen für ihr inneres Gefühl von Mangel und Leere. Möglicherweise entstehen so zwanghafte Verhaltensweisen oder Abhängigkeiten, um sich zu beruhigen, oder sie geraten in schmerzhafte Beziehungen.

Das Trauma nicht gesehen zu werden zeigt sich besonders deutlich in Beziehungen, in denen sich die Partner einsam und ungeliebt fühlen. Sie reagieren vielleicht mit starker Wut oder ziehen sich zurück, wenn sie sich nicht verstanden, wertgeschätzt oder einfühlsam behandelt fühlen.

Statt das ursprüngliche Trauma zu betrachten bleiben sie in unerfüllten Beziehungen, akzeptieren Missbrauch, versuchen ihr Gegenüber zu verändern oder beginnen Affären.

Bevor sie das Problem wirksam heilen können, müssen sie es anerkennen und aufhören, andere dafür verantwortlich zu machen. Manchmal kann Paartherapie helfen, doch häufig ist bei Menschen, die sich weit oben auf der Narzissmus– oder Borderline-Skala bewegen eine intensive Einzeltherapie notwendig.

Tiefer einsteigen ins Thema kannst du über mein Buch „Wenn ich dich brauche, um mich selbst zu lieben.“.

Das Trauma nicht gesehen zu werden – Heilunsprozess

Es erfordert Mut, sich dem Schmerz und der Leere aus der Kindheit zu stellen und die Wunden zu heilen, die wir in uns tragen.

Um das Trauma nicht gesehen zu werden heilen zu können, müssen wir selbst zu diesem liebevollen Elternteil für uns werden, – was schwierig sein kann, wenn wir nicht erfahren durften, wie das eigentlich aussieht.

Gleichzeitig ist es wichtig über einen Prozess (Schattenarbeit) Abwehrmechanismen, wie Vermeidung, Verleugnung und Ablenkung überflüssig werden zu lassen.

Schritte, die helfen können, deine Gefühle zu würdigen:

  • Besuche eine Community, die den Rahmen dafür halten kann.
  • Sprich mit einem Therapeuten oder einer Therapeutin.
  • Schreibe deine Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche auf.
  • Sei präsent bei deinen Gefühlen.
  • Lege eine Hand auf’ dein Herz und frage dich, was du fühlst, was du brauchst und was du willst.
  • Finde deine Schutz- und Schatten-Aspekte und bringe sie in Balance.
  • Baue zu deinen inneren kindlichen Aspekten eine tragfähige Beziehung auf.

Last but not least: Der Prozess verläuft für keinen von uns nicht linear. Rechne also mit Rückschritten.

Sei geduldig mit dir selbst. Es braucht Zeit und Wiederholungen, um alte Gewohnheiten zu verlernen und neue Fähigkeiten zu entwickeln. Wenn du Hilfe brauchst buche gern ein Einschätzungsgespräch für deine individuelle Situation.