Scham durch bedingungslose Präsenz heilen
Die Wurzel von unsicherem Bindungsverhalten besteht – unabhängig vom konkreten Bindungsstil – aus der inneren Überzeugung, auf irgendeine Weise nicht ‚der Norm‘ zu entsprechen und defizitär zu sein.
Ihr Ursprung liegt in der Regel in der Prägungsphase deiner Kindheit. Und wenn du sicher bist, dass deine Kindheit okay war, dann ist es wichtig zu wissen, dass es für ein Kind keinen emotionalen oder körperlichen Missbrauch braucht, um ein verzerrtes Selbstbild zu entwickeln.
Auch aus unbefriedigten Bedürfnissen oder der Wahrnehmung, dass die Eltern gestresst und angespannt sind, kann ein Kind den Schluß ziehen, dass mit ihm etwas nicht stimmt und dass es nicht liebenswert ist.
Später wird es sich in seinen erwachsenen Beziehungen oft nach Verbundenheit sehnen und gleichzeitig Angst davor haben.
Inhaltsübersicht
Was chronische Scham ausmacht
Chronische Scham ist das Gefühl auf irgendeine Weise nicht okay zu sein – nicht gut genug, nicht schön genug, nicht schlau genug .. Nicht genug. Mangelhaft.
Schuld bezieht sich auf eine Handlung („Ich habe etwas schlechtes getan.“). Du kannst dich entscheiden, zukünftig davon abzulassen. Scham geht tiefer: Sie betrifft dich als Mensch („Ich bin schlecht.“).
Du fühlst dich diesem Zustand des Daseins ausgeliefert. Denn wenn mit dir etwas nicht in Ordnung ist, dann ist das nicht änderbar. Das Schlimme daran ist:
→ Chronische Scham gestattet es dir nicht, dich selbst aufrichtig zu mögen.
Wenn in deinem Unterbewusstsein Scham verankert ist, dann zwingt sie dich dazu, dir deine Daseinsberechtigung und deinen Wert von einem Moment zum anderen immer wieder neu zu erarbeiten.
Doch egal wie sehr du versuchst, dir deinen Wert zu beweisen oder deine Schwächen zu verbergen – du wirst keine dauerhafte Gewissheit darüber gewinnen, liebenswert zu sein. Dazu bräuchte es etwas anderes:
Was chronische Scham lösen kann
Es braucht einen Weg, der dir hilft deinen Wesenskern wieder als von Grund auf gut zu erfahren – nicht durch ‚Selbstoptimierung‘, sondern so, wie du in diesem Augenblick bist.
Nur das könnte dich aus dem endlosen Kreislauf der Bewertungen („Ich bin nicht okay.“ / „Du bist nicht okay.“) befreien.
Die Frage ist: Wie kannst du es lernen, dir selbst neugierig zu begegnen und dich anzunehmen? Wie kannst du dich deinem individuellen Sein öffnen?
→ Die ersten Schritte bestehen darin, dir selbst zu erlauben, deine Empfindungen, Gefühle und Erfahrungen zuzulassen.
Solange du dich gegen das, was du erlebst wehrst – solange du es vermeidest, bewertest oder versuchst zu kontrollieren und zu manipulieren, nimmst du dich selbst nicht an.
Jedes Mal, wenn du eine deiner Erfahrungen verurteilst, erlaubst du dir nicht, so zu sein, wie du bist. Dadurch gerätst du in einen inneren Konflikt und Zwiespalt.
→ Chronische Scham und Selbstvorwürfe können sich erst lösen, wenn du dich mit deiner Erfahrung anfreundest – egal, wie sie gerade aussieht.
Und ja, dir das zu erlauben ist herausfordernd, wenn dir keiner beigebracht hat, ehrlich und unmittelbar mit deinen Gefühlen umzugehen.
Was dir stattdessen vermittelt wurde:
Was chronische Scham zementiert
Vielleicht hast du gelernt eine Tablette zu nehmen, ins Fitnessstudio zu gehen oder den Fernseher einzuschalten, wenn du unruhig, depressiv oder ängstlich bist.
Wie viele Menschen glaubst du vielleicht, dass die einzige Lösung für unangenehme Gefühle darin besteht, ihnen irgendwie zu entkommen.
Wenn ich meinen Klienten dabei helfen möchte, sich ihren Erfahrungen zu öffnen, sagen sie oft Dinge wie:
„Diese Traurigkeit fühle ich schon mein ganzes Leben lang. Was bringt es, sie wieder zu fühlen? Davon habe ich echt genug!“
Ihre Aversion dagegen ist nachvollziehbar. Doch hinter dem Widerstand gegen das Fühlen verbirgt sich meist ein Narrativ, das sagt:
„Wenn ich mich auf meine Gefühle einlasse verschlingen sie mich. Dann falle ich in ein großes schwarzes Loch.“
Dieser zugrunde liegende Glaube stammt von dem hilflosen Kind in dir, das nicht lernen durfte, mit seinen Gefühlen gesund umzugehen. Für das Kind von damals war es tatsächlich wahr:
Seine Traurigkeit war größer als es selbst, weil ihm die Fähigkeit gefehlt hat, intensive Gefühle zu verarbeiten. Die einzige Möglichkeit bestand darin, sie angesichts des Schmerzes abzuschalten.
Es ist verständlich, dass du nun vielleicht noch immer instinktiv versuchst, vor deinen Gefühlen zu flüchten – obwohl du als Erwachsener inzwischen die Fähigkeit hättest, anders damit umzugehen.
Du trägst deinen Schmerz schon dein ganzes Leben lang in dir und hast dich von ihm niedergedrückt gefühlt. Und weil der Schmerz in deiner Kindheit größer war, als du – weil du ihm allein hilflos gegenübergestanden hast, war das Verdrängen die einzige Möglichkeit, die du hattest.
Es ist also nur logisch, dass du keinen Sinn darin siehst, dich schweren Gefühlen zu öffnen. Zumal es tatsächlich nutzlos und unerquicklich ist, dich von Gefühlen überwältigen oder mitreißen zu lassen – und unbewusst zu leiden.
Aber das meine ich nicht mit „dir deine Gefühle und Wahrnehmungen zu erlauben“. Ich meine vielmehr ihnen aktiv zu begegnen, dich auf sie einzulassen und dich ihnen zu öffnen.
Scham wahrnehmen
Das scheinbare Paradoxon ist:
→ Ein Gefühl bewusst wahrzunehmen („Ja, das ist das Gefühl, was sich gerade zeigt.“) hilft dir, dich aus seinem Griff zu befreien.
Wenn du dich deinem Schmerz stellst und ihm im Geiste die Erlaubnis gibst da zu sein, dann wirst du etwas Erstaunliches feststellen:
Du wirst bemerken, dass deine Öffnung kraftvoller ist, als die Gefühle, denen du dich öffnest. Die offene Begegnung deiner Angst ist stärker als die Angst selbst.
Diese Erfahrung bringt dich – mitten in dem, was du gerade durchmachst – in den Kontakt mit Attributen, wie Stärke, Freundlichkeit, Stabilität und Verständnis. Sie sind in dir angelegt.
Wenn du deinem Gefühl erlaubst, da zu sein, beginnen sich seine Verhärtungen zu lösen. Und es kann sich entfalten. Das führt dich zu einer tiefen, geerdeten Wahrnehmung deiner selbst.
Und ganz gleich, wie schmerzhaft oder beängstigend deine Gefühle erscheinen: Die Bereitschaft, ihnen zu begegnen, ruft eine innere Stärke in dir hervor, die dich in eine lebensfrohere Richtung führt.
Die Arbeit mit meinen Klienten überzeugt mich immer wieder zutiefst von dieser Wahrheit.
So wie unter den stürmischen Wellen an der Oberfläche des Ozeans Tiefe und Stille verborgen liegen, so verbirgt sich die Kraft deines wahren Wesens unter deinen aufgewühlten Gefühlen.
Wenn du gegen die Wellen von Gefühlen ankämpfst, dann hält dich das an der stürmischen Oberfläche fest. Und dort bist du abgeschnitten von deiner inneren Welt und von deinem Wesenskern.
→ In jedem Moment, in dem du deine Empfindungen zulässt und dich ihnen öffnest, bist du für dich selbst da.
Du sagst Ja zu dir – so wie du bist und wie du dich gerade fühlst. Das ist ein zutiefst liebevoller Akt dir selbst gegenüber.
Aber wie fängst du damit an, dir selbst deine Gefühle zu erlauben? Wie freundest du dich mit deinen Gefühlen an, ganz gleich, wie schwierig sie gerade sein mögen?
Gefühle da sein lassen
Fange dort an, wo du gerade bist: Erkenne sie zunächst einmal an.
ANERKENNEN
Wenn dich das, was ich schreibe verwirrt oder irritiert, könntest du damit beginnen, deine Verwirrung oder Irritation neutral zu beobachten, ohne sie loswerden zu wollen.
Oder wenn du bereit bist, dich dem ungeliebten Teil in dir zuzuwenden, könntest du wahrnehmen, wie sich dieser Mangel an Liebe in deinem Körper anfühlt. Nimm die Empfindungen in deinem Körper wahr und begegne ihnen mit Bewusstheit:
„Ja, genau das ist jetzt gerade da.“
Wenn du nicht mehr gegen deine Wahrnehmung ankämpfst oder ihr ausweichst, bist du nicht länger in einem inneren Kampf gefangen. Du beginnst dich zu entspannen.
ZULASSEN
Als Nächstes kannst du dem Gefühl erlauben, da zu sein: Gib ihm im Geiste Raum.
Zulassen heißt nicht, sich in dem Gefühl zu verlieren oder es auszuagieren, sondern vielmehr, einen inneren Raum um die körperliche Empfindung herum zu öffnen.
So als würdest du dem Gefühl Luft zum Atmen geben, damit es nicht eingeengt oder zusammengedrückt wird.
Spüre den Raum um das Gefühl herum und nimm wahr, wie dieser Raum dem Gefühl erlaubt, zu sein wie es ist, – ohne Druck oder Widerstand.
Erlaube dir nun, in diesem Raum zu ruhen. Während du das tust, wirst du bemerken, dass das Gefühl sanfter wird.
Du bist zu dem größeren Bewusstsein geworden, in dem deine Verletzlichkeit gehalten werden kann.
Es gibt nichts mehr, wogegen du jetzt kämpfen musst. Dein Körper beginnt sich zu beruhigen.
ÖFFNEN
Wenn sich allmählich Ruhe einstellt, kannst du noch einen Schritt weitergehen und schauen, ob du dich dem Gefühl direkt öffnen und deine Schutzmauern fallen lassen kannst.
Im Grunde öffnest du jetzt dein Herz für dich selbst. Es entsteht ein Strom aus zugewandtem Verständnis gegenüber deiner Empfindung. So ähnlich, wie du deinem Kind oder deinem besten Freund mitfühlend begegnen würdest, wenn es ihm oder ihr gerade nicht gut geht.
EINTRETEN
Vielleicht kannst du nun mit deiner Aufmerksamkeit direkt in das Zentrum des Gefühls gehen.
Wenn dein Bewusstsein vollständig in das Gefühl im Körper eintritt, dann ist es nichts Fremdes mehr. Nichts, was dich quälen oder überwältigen kann.
Wenn du im Zentrum deines Gefühls präsent sein kannst, spürst du seine wahre Natur:
Fließende Energie. Dort kannst du loslassen und dich hingeben, weil du nicht mehr kämpfen musst. Du kannst bedingungslos präsent mit ihm sein.
Wenn du deine alte kindliche „Ich bin nicht okay.“ – Wunde fühlst, dann kann deine bedingungslose Präsenz diesen alten Schmerz lösen.
Du verdaust ihn und er bleibt nicht länger eingefroren. So kann er dein System nicht weiter blockieren.
Wenn deine Verletzungen auf so einfache, unmittelbare Weise zu heilen beginnen, wird der ängstliche innere Rückzug, in dem du als Kind stecken geblieben bist überflüssig.
→ Mit allem, was in dir ist präsent zu sein, ist ein Akt der Liebe. Er öffnet die Tür zu deinen bisher vergrabenen inneren Ressourcen.
Und wenn du mehr und mehr für dein Innenleben da bist, fühlt sich das wie ein nachhause kommen an.
Dein Gefühl von innerer Sicherheit wächst, was dir hilft, allem zu begegnen, was du im Moment gerade durchlebst.
Wenn du so zu dir selbst zurückkehrst, dann spürst du, dass du vollkommen okay bist, wie du bist. Du beginnst deine Güte zu sehen und dein Leben zu schätzen, mit all seinen Schwierigkeiten.
→ Das Erlauben deiner Gefühle, Wahrnehmungen und Empfindungen ist ein Tor zu Selbstannahme und gesunder Selbstliebe.
Deine Gefühle sind Botschaften. Sie weisen dich auf ein Problem hin und das Problem liegt ganz oft in deiner Selbstwahrnehmung. Sie sagen dir nicht nur, was zu tun ist – sie reflektieren, in welchem Licht du dich selbst, andere Menschen und die Welt siehst.
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