Emotional nicht verfügbar?

Emotional nicht verfügbar – Symptome

Wenn du einen Partner hast, der emotional nicht verfügbar ist kennst du wahrscheinlich den Schmerz durch das Gefühl, wie durch eine unsichtbare Mauer voneinander getrennt zu sein.

Es tut unsagbar weh, wenn sich ein Mensch, der dir viel bedeutet vor dir verschliesst: Immer dann, wenn es um Gefühle oder Beziehungsangelegenheiten geht weicht er vielleicht aus – entzieht sich stillschweigend ganz dem Gespräch oder sucht nach Ausflüchten und Entschuldigungen. Vielleicht spürst du dann auch eine merkwürdige Unbeholfenheit.

Unterbewusst greift er zu früh im Leben erlernten Abwehrstrategien, um eine gewisse Distanz abzusichern: Vielleicht sucht er dann Streit, mäkelt an dir herum oder hat kaum Zeit für dich und stürzt sich stattdessen in andere Aktivitäten.

Als Partner fühlst du dich natürlich entsprechend einsam, unwichtig oder abgelehnt. Und wenn du dich (noch) nicht gut um dich selbst kümmern kannst, magst du dadurch im Laufe der Zeit sogar in depressive Phasen rutschen.

Es sind meist Frauen, die sich über ihre emotional nicht erreichbaren (abweisend vermeidenden) Partner beklagen. Das Fatale ist: Oft sind diese Frauen sich dessen gar nicht bewusst, dass sie Probleme mit echter Nähe selbst in sich tragen – auch wenn sie sich subtiler zeigt.

WEIL sie sich zu vermeidenden, distanzierten Menschen hingezogen fühlen kommt ihre eigene Angst vor Intimität nicht ans Licht.

Ihr Gegenüber sorgt ja für ‚ausreichend‘ emotionale Distanz, sodass sie sich im Glauben wiegen können, sich nichts sehnlicher zu wünschen, als tiefe emotionale und körperliche Verbundenheit.

Fazit: Wenn du Bindungsverletzungen in dir trägst, dann wirst du – unabhängig vom Bindungsstil, den du entwickelt hast – wahrscheinlich auch Probleme haben, echte Intimität dauerhaft zuzulassen.

Solange du Aspekte deiner Persönlichkeit bewusst oder unbewusst ablehnst, wird dir Nähe irgendwann unerträglich werden.

Nun werde ich aber die offen sichtbare emotionale nicht Verfügbarkeit abweisend vermeidender Bindungstypen näher betrachten.

Wichtig ist hier zu betonen, dass eine Abgrenzung zum verdeckten Narzissmus bei starker Vermeidung manchmal recht schwierig ist.

Emotional nicht verfügbar – Ursachen

Vorab möchte ich betonen, dass es natürlich auch Menschen gibt, die sich situationsbedingt temporär emotional zurückziehen.

Die Wurzel der chronischen Form liegt in der Regel in unterbewussten Abwehrmechanismen als Folge einer nicht optimalen kindlichen Prägungsgeschichte.

Wenn du zeitweise einfach einmal andere Dinge (Bildung, Projekte, Hobbies, gesundheitliche Belange etc.) priorisierst hat das nichts mit emotionaler Nichtverfügbarkeit zu tun.

Auch, wenn du gerade eine Trennung hinter dir oder den Partner durch Tod verloren hast, wirst du dich sicher zunächst einmal emotional verschließen. Dann bist du einfach noch nicht bereit, dich für eine neue Beziehung zu öffnen.

Es kann aber auch sein, dass du Angst davor hast, dich emotional auf einen anderen Menschen einzulassen, weil du in einer oder mehreren Beziehungen (wie z.B. der Eltern-Kind-Beziehung) verletzt wurdest und Liebe mit Schmerz verknüpft hast.

Oft überlappen sich die Gründe auch, was es manchmal nicht leicht macht, eine sichere Aussage darüber zu treffen, ob das Problem ein chronisches ist oder ob die Zeit es von selbst wieder lösen wird.

Viele chronisch emotional nicht erreichbare Menschen können zu Beginn einer Beziehung sehr offen über ihre Gefühle und ihre Vergangenheit sprechen. In der Kennenlernphase können sie emotional zugewandt wirken. Erst wenn eine gewisse Bindung und Verbindlichkeit entsteht wird die Unfähigkeit, sich verletzlich zu zeigen und sich zu einem anderen Menschen zu bekennen sichtbar.

Menschen, die Suchtverhalten zeigen (hinsichtlich einer Substanz, einer Handlung oder einer Person) haben in der Regel auch große Probleme damit sich emotional zu öffnen. Jede Sucht ist laut Dr. Gabor Maté die Flucht vor einem unverarbeiteten Schmerz. D.h. Sucht ist eine Bewältigungsstrategie.

Und wie oben schon angedeutet:

Die Sucht nach einem emotional distanzierten Partner verdeckt deine eigene Angst vor Nähe und ermöglicht deren Verleugnung.

Emotional nicht verfügbar – Anzeichen

Anzeichen, die darauf hinweisen, dass ein Mensch emotional nicht verfügbar ist:

Flirten und Schmeichelei: In der Kennenlernphase charmantes, verführerisches Auftreten und eine fast schon übertriebene Offenheit, Einfühlsamkeit und Verletzlichkeit.

Kontrolle und fehlende Flexibilität: Fehlende Bereitschaft die eigenen Routinen zu kompromittieren. Eine Beziehung soll sich mehr oder weniger um die eigenen Bedürfnisse drehen.

Verbale Hinweise: Andeutungen, „nicht gut in Beziehungssachen“ zu sein oder nicht an Beziehungen zu glauben.  → Wenn du ähnliche Verletzungen in dir trägst wirst du dazu neigen, diese Hinweise auszublenden und dich von den ursprünglich entgegengebrachten Komplimenten blenden lassen!

Vergangenheit: Keine Langzeitbeziehungen. Sie fanden immer ein Ende, wenn sich Verbindlichkeit entwickelt hat und die Beziehung intimer wurde.

Suche nach Perfektion: Fokus auf Fehlern des Partners, um die Rechtfertigung dafür zu finden, wieder auf die Suche nach der/dem Richtigen zu gehen.

Wutausbrüche: Viel unterdrückter Ärger und die Neigung andere (unbewusst) zur emotionalen Regulation zu nutzen.

Arroganz: Verdecken von innerer Unsicherheit und einem schlechten Selbstbild. → Intimität und Hingabe erfordern Selbstvertrauen!

Chronische Unzuverlässigkeit: Respektloser Umgang mit anderen aus dem unbewussten Drang heraus, eine stabile Beziehung zu vermeiden.

Zudringlichkeit und Ausweichen: Die Neigung zu Extremen. Fehlende Bereitschaft, der Entwicklung einer Beziehung ihren natürlichen Lauf zu lassen. → Auch das Verheimlichen von Dingen aus der Vergangenheit verhindert die Entstehung von echter Nähe.

Verführung und Charme: Verführer sind im Innersten davon überzeugt, dass sie einen Partner langfristig nicht halten können. Sie vermeiden es deshalb authentisch zu sein.

Anzeichen für eine massive emotionale nicht Verfügbarkeit sind oft schon in der Kennenlernphase zu beobachten. Besonders dann, wenn eine starke gegenseitige Anziehung besteht ist es wichtig, auf die Fakten zu achten.

Das Übersehen, Verleugnen oder Rationalisieren der Tatsachen und eine fehlende Selbstreflexion bringt langfristig viel Schmerz. UND wenn du immer wieder mit stark vermeidenden Partnern in Resonanz gehst spiegelt das deine eigene Thematik wider.

Emotional nicht verfügbar – Lösungen

Wenn dir bewusst ist, dass du für einen Partner emotional nicht verfügbar bist, dann beginne damit, dir ehrliche Antworten auf diese Fragen zu stellen:

  • Bin ich (unbewusst) wütend auf das andere Geschlecht? Trage ich inneren Groll in mir? Mag ich Witze auf Kosten des anderen Geschlechts?
  • Habe ich Angst davor mich hinzugeben, weil ich nicht (wieder) verletzt werden will?
  • Glaube ich gar keinen Partner zu brauchen? Muss ich das immer wieder zum Ausdruck bringen? Bin ich sehr stolz darauf?
  • Glaube ich (unbewusst), dass immer etwas schief gehen wird? Dass Beziehungen nicht funktionieren? Dass sie nur Schmerz bringen?
    Beschwere ich mich oft über Probleme und habe ich Schwierigkeiten das Gute zu sehen und anzunehmen?
  • Bin ich chronisch misstrauisch? Suche ich nach Beweisen, um mein Misstrauen zu rechtfertigen?
  • Vermeide ich Intimität, indem ich ruhige, entspannte Momente zwanghaft mit Ablenkungen fülle?
  • Ist es mir unangenehm, über Gefühle zu sprechen? Habe ich Geheimnisse, weil ich mich für etwas schäme? Mich nicht liebenswert fühle?
  • Halte ich gern Optionen offen, falls mir „jemand besseres“ begegnen sollte?
  • Habe ich Angst davor, dass eine Beziehung zu viele Erwartungen (Einschränkungen) mit sich bringt?
  • Habe ich Angst, mich in einer Beziehung zu verlieren?

Wenn du ein paar Fragen mit ja beantwortet hast, dann ist es an der Zeit herauszufinden, warum das so ist und wie du das ändern kannst. Ohne diese innere Arbeit wirst du weiterhin nicht dazu bereit sein, das Risiko einzugehen, Nähe zu einem anderen Menschen zuzulassen (und ‚auszuhalten‘).

Und wenn du der Partner/die Partnerin eines Menschen bist, den du emotional nicht erreichen kannst, dann ist es kontraproduktiv, wenn du ihn unter Druck setzt. Hole den Fokus zu dir selbst zurück. Suche dir therapeutische Unterstützung, wenn es dir nicht gelingt, dich aus der Opferrolle zu befreien.

Du bist keineswegs machtlos, wenn du aus dem, was dir das Leben mit der Beziehung zu einem abweisend vermeidenden Partner offenbart, die richtigen Schlüsse ziehst. Er spiegelt dir Aspekte, die du in dir selbst verdrängt hast.

Wenn du sie zurück in dein Leben holst und beginnst gut für dich selbst zu sorgen, wird sich die Beziehungsdynamik verändern. Was daraus entstehen wird ist offen. Egal ob sich eure Wege dann trennen oder ob ihr einen gemeinsamen gesunden Weg findet – es wird zum Besten für euch beide sein.

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