Emotional nicht verfügbar

Die Merkmale

Wer einen Partner hat, der emotional nicht verfügbar ist kennt den Schmerz, der durch das Gefühl des getrennt seins entsteht, wenn der Mensch, der ihm viel bedeutet sich verschliesst. Immer dann, wenn es um Gefühle oder Beziehungsangelegenheiten geht weicht er aus. Er sucht nach Ausflüchten und Entschuldigungen, verhält sich irgendwie merkwürdig oder unbeholfen. Er nutzt unbewußt bestimmte Strategien, um eine gewisse Distanz abzusichern, sucht vielleicht oft Streit, kritisiert dich oder hat kaum Zeit und stürzt sich in andere Aktivitäten. Als Partner fühlst du dich entsprechend einsam, ungeliebt, unwichtig oder sogar abgelehnt. Du magst im Laufe der Zeit auch in depressive Phasen rutschen. Oft sind es Frauen, die sich über emotional nicht erreichbare Männer beklagen, aber es gibt auch die umgekehrte Konstellation. Die meisten Betroffenen sind sich dessen nicht bewusst, dass sie die Problematik selbst ebenso in sich tragen. Sie erkennen ihre eigenen Probleme mit Intimität nicht.

Die Sucht nach einem emotional distanzierten Partner verdeckt oft die eigene Angst vor Nähe und ermöglicht deren Verleugnung.

Neben bindungsgestörten Menschen, die chronisch emotional nicht verfügbar sind gibt es natürlich auch jene, die sich situationsbedingt temporär emotional zurückziehen. Die Wurzel der chronischen Form liegt in der Regel in Konditionierungen als Folge einer nicht optimalen kindlichen Prägungsgeschichte. Es ist ganz normal, wenn du zeitweise auch einfach einmal andere Dinge (Bildung, Projekte, Hobbies, gesundheitliche Belange etc.) priorisierst. Auch, wenn du gerade eine Trennung hinter dir oder den Partner durch Tod verloren hast wirst du dich vielleicht zunächst einmal emotional verschließen. Dann bist du einfach noch nicht bereit für eine neue Beziehung. Es kann auch sein, daß du Angst davor hast dich emotional einzulassen, weil du in einer oder mehreren Beziehungen (wie z.B. auch der Eltern-Kind-Beziehung) verletzt wurdest und Liebe mit Schmerz verbindest.

Oft überlappen sich die Gründe auch, was es manchmal nicht leicht macht, eine sichere Aussage darüber zu treffen, ob das Problem ein chronisches ist oder ob die Zeit es von selbst wieder lösen wird. Viele chronisch emotional nicht erreichbare Menschen können zu Beginn einer Beziehung offen über ihre Gefühle und ihre Vergangenheit sprechen. In der Kennenlernphase können sie emotional zugewandt auftreten. Erst wenn eine gewisse Bindung entsteht wird die Unfähigkeit, sich zu öffnen und sich zu einem anderen Menschen zu bekennen sichtbar. Personen, die Suchtverhalten zeigen (substanziell oder hinsichtlich einer Handlung bzw. einer Person) haben in der Regel auch große Probleme damit sich emotional zu öffnen. Ihre Sucht ist eine Bewältigungsstrategie.

Subtile Anzeichen, die darauf hindeuten, daß ein Mensch emotional nicht verfügbar ist:

Flirten und Schmeichelei: Ganz besonders charmantes verführerisches Auftreten und eine fast schon übertriebene Offenheit und Verletzlichkeit in der Eroberungsphase.

Kontrolle und fehlende Flexibilität: Fehlende Bereitschaft die eigenen Routinen zu kompromittieren. Eine Beziehung sollte sich mehr oder weniger um diese Bedürfnisse drehen.

Gesprochene Hinweise: Andeutungen, “nicht gut in Beziehungssachen” zu sein oder nicht an Beziehungen zu glauben. (Wenn du ähnliche Verletzungsebenen hast tendierst du dazu, diese Hinweise auszublenden und läßt dich von den anfangs entgegen gebrachten Komplimenten und Liebesschwüren blenden.)

Vergangenheit: Keine Langzeitbeziehungen: Beziehungen haben bisher immer ein Ende funden, wenn sich Verbindlichkeit entwickelt hat und die Beziehung intimer wurde.

Suche nach Perfektion: Ausschau nach Makeln, die man natürlich immer findet, um sich dann weiter auf die Suche nach der/dem Richtigen zu machen.

Wutausbrüche: Sie sind ein Indiz für unterdrückten Ärger und sprechen für die Neigung andere (unbewusst) emotional zu missbrauchen.

Arroganz: Überheblichkeit, um Unsicherheit und ein schlechtes Selbstbild zu verdecken. (Intimität und Hingabe erfordern Selbstvertrauen.)

Chronische Unzuverlässigkeit: Ein respektloser Umgang mit anderen, der aus dem unbewussten Drang, eine stabile Beziehung zu vermeiden entsteht.

Zudringlichkeit und Ausweichen: Die Neigung zu Extremen, da man nicht dazu bereit ist, der Entwicklung einer Beziehung ihren natürlichen Lauf zu lassen. (Auch das Verheimlichen bestimmter Aspekte der Vergangenheit durch Schamgefühle verhindert die Entstehung von echter Nähe.)

Verführung und Charme: Verführer wollen Authentizität vermeiden. Im Innersten sind sie davon überzeugt, dass sie einen Partner langfristig nicht halten können.

Diese Anzeichen sind oft schon frühzeitig in der Kennenlernphase zu beobachten. Besonders dann, wenn eine starke gegenseitige Anziehung besteht ist es wichtig, auf die Fakten zu achten. Das Übersehen, Verleugnen oder Rationalisieren der Tatsachen und eine fehlende Selbstreflexion (Was wir anziehen spiegelt immer unsere eigene Problematik wider!) bringt uns mit Sicherheit langfristig viel Schmerz.

Emotional nicht verfügbar – Lösungen

Gib dir ehrliche Antworten auf bisher vielleicht umgangene Fragen:

1) Bin ich (vielleicht unbewusst) wütend auf das andere Geschlecht? Trage ich einen inneren Groll in mir? Mag ich z.B. Witze auf Kosten des anderen Geschlechts? (Wenn ja, dann sollte ich nach alten ungeheilten Wunden suchen und mich um sie kümmern.)
2) Habe ich Angst davor mich zu verlieben, weil ich nicht (wieder) verletzt werden will?
3) Glaube ich so unabhängig zu sein, dass ich gar keinen Partner brauche? Muss ich das immer wieder zum Ausdruck bringen? Bin ich sehr stolz darauf?
4) Glaube ich (vielleicht unbewusst), dass immer etwas schief gehen wird? Dass Beziehungen nicht funktionieren? Dass sie sowieso immer nur Schmerz bringen?
Beschwere ich mich über meine Probleme und habe ich gleichzeitig Schwierigkeiten das Gute zu sehen und anzunehmen?
5) Bin ich chronisch misstrauisch? Suche ich nach Beweisen, um das Misstrauen, das ich aufgrund alter Verletzungen habe zu rechtfertigen?
6) Vermeide ich Intimität, indem ich ruhige, entspannte Momente zwanghaft mit Ablenkungen fülle?
7) Ist es mir unangenehm, über mich und meine Gefühle zu sprechen? Habe ich Geheimnisse, weil ich mich für etwas schäme? Weil ich mich aufgrund bestimmter Dinge, die mich betreffen nicht liebenswert fühle?
8) Halte ich gern Optionen offen, falls mir “jemand besseres” begegnen sollte?
9) Habe ich Angst davor, dass eine Beziehung zu viele Erwartungen (Einschränkungen) mit sich bringt? Habe ich Angst, mich in einer Beziehung zu verlieren?

Wenn du ein paar Fragen mit ja beantwortet hast, dann ist es an der Zeit diese Dinge zu klären. Erst dann wirst du dazu bereit sein, das Risiko einzugehen und Nähe zu einem anderen Menschen zulassen (und aushalten). Wenn du dich aktuell in einer Beziehung zu einem Menschen befindest, der emotional nicht erreichbar ist, dann ist es kontraproduktiv, wenn du versuchst ihn unter Druck zu setzen. Mit therapeutischer Unterstützung kannst du dich aus deiner Opferrolle befreien. Dann verändert sich die Beziehungsdynamik. Du bist keineswegs machtlos, wenn du aus dem, was dir das Leben mit dieser Beziehung offenbart, die richtigen Schlüsse ziehst. Das Resonanzgesetz besagt, dass sich das Außen als Spiegel unseres Inneren zeigt. Die Richtigkeit dessen kannst du an deinem eigenen Leben und ganz besonders auch an deinen Beziehungserfahrungen überprüfen. Schau bitte einmal genau hin.

Siehe auch: Warum habe ich Probleme mit Intimität