Intermittierende Verstärkung
In der Lernpsychologie nennt man die gelegentliche, sporadische Bekräftigung einer gewünschten Verhaltensweise intermittierende Verstärkung.
Anders als bei einer kontinuierlichen Verstärkung läuft der Lernprozess unter intermittierender Verstärkung schleichend ab.
→ Die erlernte Reaktion oder Verhaltensweise ist aber viel schwerer wieder zu löschen !!
Inhaltsübersicht
Intermittierende Verstärkung im Labortest
Wissenschaftler setzten eine Ratte in einen Käfig, in dem sich ein Hebel befand, der bei Betätigung ein Stück Futter freigab. Die Ratte lernte in kurzer Zeit auf den Hebel zu drücken, um an ihr Futter zu kommen.
Nach ein paar Monaten setzten sie die Futtergabe über den Hebel ab. Die Ratte verlor relativ schnell das Interesse daran. Die beiden Versuche waren konsistent im Ablauf (Futter im 1.Fall / kein Futter im 2.Fall). Es kam zu einer kontinuierlichen Verstärkung.
Die Wissenschaftler wollten nun wissen was passieren würde, wenn sie das Futter unregelmäßig freigeben. Mit anderen Worten:
Wie würde die Ratte reagieren, wenn sie das Futter über die Hebelvorrichtung nur ab und zu und ohne Vorhersehbarkeit bekommt?
Ihre Annahme war, dass das Interesse der Ratte am Hebel auch hier im Laufe der Zeit nachlassen würde. Doch das Gegenteil trat ein.
Die Ratte entwickelte einen zwanghaften Drang, den Hebel in immer kürzeren Abständen zu drücken. Sie schien eine Art Suchtverhalten zu zeigen.
Nun war noch die Frage zu klären, wie die Ratte nach dieser Wirkung der intermittierenden Verstärkung mit der kompletten Einstellung der Futtergabe umgehen würde. Die Vermutung war, dass sie auch in diesem Fall nach einiger Zeit das Interesse am Hebel verlieren wird.
Aber es bestätigte sich nicht:
Die Ratte entwickelte eine noch massivere Fixierung auf den Hebel. Ihre Abhängigkeit von ihm führte zu einem derartig starken Zwangsverhalten, dass sie sogar ihre Fellpflege vernachlässigte und körperlich abbaute.
Diese Experimente lehren uns Wichtiges über die Wechselwirkungen von Belohnung und Verhalten:
→ Der verhaltensverstärkende Effekt durch die unzuverlässige Befriedigung eines Bedürfnisses erzeugt unter bestimmten Voraussetzungen eine starke Abhängigkeit.
Bei der Ratte ist das die fehlende Alternative durch ihre Gefangenschaft im Käfig.
Intermittierende Verstärkung und Spielsucht
Bei der Spielsucht ist das Muster, nach dem die finanzielle Belohnung ausgeschüttet wird ebenfalls nicht erkenn- und vorhersehbar. Das starke Verlangen nach der Belohnung wächst auch hier je länger sie ausbleibt, was das zwanghafte weiterspielen erklärt.
Erzielt der Betroffene irgendwann einen Gewinn, dann spürt er – nahezu unabhängig von der Höhe der Auszahlung – eine tiefe Befriedigung und Erleichterung. Er wird süchtig nach diesem angenehm fliessenden, entspannenden Gefühl.
→ Unvorhersehbare Belohnungen tragen dazu bei, dass ein Verhalten besonders hartnäckig aufrechterhalten wird.
Im Beziehungskontext verengt sich die Aufmerksamkeit dadurch zunehmend auf die nächste erhoffte Phase von Nähe und Zuwendung.
Intermittierende Verstärkung in Beziehungen
Als Therapeutin – und ehemals selbst Betroffene – weiß ich, was es bedeutet einem Traumabond zu unterliegen:
Es war eine Erfahrung, die mein Leben von Grund auf verändert hat. Was ich damals nicht wusste:
Wenn Menschen mit Bindungsverletzungen eine Paarbeziehung eingehen, kann es zu einer Dynamik kommen, die durch intermittierende Verstärkung angefeuert wird.
Nämlich wenn die emotionalen Bedürfnisse eines Partners (Zuneigung, Mitgefühl, Nähe, Offenheit, Verlässlichkeit etc.) vom anderen nur sporadisch und unvorhersehbar befriedigt werden.
Das hält den ‚bedürftigeren‘ Partner in einem schmerzhaften Mangel gefangen.
Die Beziehung nimmt ihn regelrecht in Besitz.
Denn im abhängigen Partner wächst neben Verzweiflung und Schmerz gleichzeitig das Verlangen nach Linderung.
Es zwingt ihn dazu, den Verstand auszuschalten und seine Würde zu opfern. Wie jeder Süchtige setzt er nun alles daran seine Droge zu bekommen, – in diesem Fall ist das die Liebe und Aufmerksamkeit seines Partners.
Wenn er von ihm dann ab und zu ein wenig Zuwendung bekommt, fühlt sich dieser kleine Akt für ihn wie das „Himmelreich auf Erden“ an.
Wenn Erleichterung mit Liebe verwechselt wird
Was in dieser Dynamik geschieht, ist psychologisch besonders aufschlussreich.
Je länger du auf emotionale Nähe verzichten musst, desto größer kann die Bedeutung werden, die du den wenigen Momenten der Zuwendung beimisst.
Nicht unbedingt, weil diese Zuwendung außergewöhnlich tief oder die Beziehung besonders wertvoll wäre, sondern weil sie etwas beendet, das inzwischen kaum noch auszuhalten ist:
Die quälende Unsicherheit, das Gefühl des Mangels und die Angst, den anderen endgültig zu verlieren.
Die Nähe wirkt dann nicht nur angenehm. Sie wirkt erlösend.
Für einen Moment fällt die Anspannung ab. Die Zweifel werden leiser und die Hoffnung kehrt zurück. Vielleicht fühlt sich dein Partner plötzlich wieder erreichbar an, und mit ihm auch dein eigenes Gefühl, liebenswert und wichtig zu sein.
Doch hier liegt die verhängnisvolle Verwechslung:
Die Erleichterung, die nach einer Phase emotionaler Entbehrung eintritt, deutest du als Beweis für die besondere Qualität der Liebe.
Dabei sagt die Intensität eines Gefühls zunächst wenig darüber aus, wie tragfähig eine Beziehung tatsächlich ist.
Nähe kann sich auch deshalb so überwältigend schön anfühlen, weil du zuvor lange unter ihrer Abwesenheit gelitten hast.
Wenn du diesen Unterschied nicht erkennst, beginnst du, die seltenen Momente der Verbundenheit höher zu bewerten als die anhaltende Erfahrung von Unsicherheit, Einsamkeit und emotionalem Mangel.
Du misst Beziehung dann nicht mehr daran, wie es dir in ihr überwiegend geht. Du misst sie daran, wie gut es sich anfühlt, wenn der Schmerz endlich für einen Moment nachlässt.
→ Diese süchtige Fixierung auf das Objekt Partner verwechselst du dann mit unsterblicher Liebe.
Nicht nur an den Menschen gebunden, sondern an das, was möglich scheint
Ein weiterer Aspekt wird in solchen Beziehungen häufig übersehen:
Du hältst nicht ausschließlich an dem fest, was du mit deinem Partner tatsächlich erlebst, sondern auch an dem, was du dir mit ihm erhoffst.
Vielleicht gab es zu Beginn eine außergewöhnliche Nähe, sodass dieser Mensch etwas in dir berührt hat, das lange unberührt geblieben war.
Vielleicht hast du dich zum ersten Mal seit Langem gesehen, begehrt oder verstanden gefühlt.
Und vielleicht gibt es diese Momente ansatzweise bis heute – nur eben nicht verlässlich genug, um daraus eine tragfähige Beziehung entstehen zu lassen.
Die Erinnerung an das Erlebte und die Hoffnung auf seine Wiederkehr können eine starke innere Bindung erzeugen.
Jeder neue Moment der Nähe scheint zu bestätigen, dass die erhoffte Beziehung doch noch möglich ist.
So entsteht eine Dynamik, in der nicht mehr nur die tatsächliche Beziehung zählt. Auch die Vorstellung davon, was aus ihr werden könnte, bekommt immer mehr Gewicht.
Du hältst dann nicht mehr an einer Beziehung fest, die dich im Hier und Jetzt trägt, sondern an der Möglichkeit, dass sie eines Tages genau das tun wird.
Besonders schmerzhaft ist es, wenn du beginnst, deine eigene Anpassung als Voraussetzung für diese Entwicklung zu betrachten:
„Wenn ich verständnisvoller werde, weniger fordere, geduldiger bin oder endlich die richtige Art finde, mit ihm umzugehen, wird er vielleicht doch noch bereit sein, mir die Sicherheit zu geben, nach der ich mich sehne.“
Damit verschiebt sich die Verantwortung für die Beziehung zunehmend allein auf dich.
Du versuchst, durch dein Verhalten eine Beziehung möglich zu machen, die dein Partner aus eigener Bereitschaft nicht mit gestaltet.
Und während du immer mehr Energie darauf verwendest, diese Möglichkeit aufrechtzuerhalten, gerät eine wichtige Frage aus dem Blick:
„Was ist zwischen uns tatsächlich möglich – und was existiert vor allem in meiner Hoffnung?“
Wissenschaftler oder Ratte?
Wenn du dich in einer solchen Beziehungsdynamik befindest, dann bist du entweder in der Rolle des Wissenschaftlers, der die Ratte mit dem Potenzial der Belohnung in der Hand quält ODER du findest dich in der Rolle der Ratte wieder, die in einem Zyklus von Schmerz und Erleichterung gefangen ist.
Intermittierende Verstärkung wirkt im Beziehungskontext durch die Zurückhaltung der Erfüllung von Bedürfnissen.
Besonders häufig sind es die emotionalen Bedürfnisse, – der Wunsch nach Aufmerksamkeit, intimer Kommunikation, Nähe und Zuverlässigkeit.
Ein Partner mit vermeidendem Bindungsverhalten neigt dazu, diese emotionalen Bedürfnisse zu rationieren und sie dem Partner zeitweise komplett zu verweigern, weil er unterbewusst Bindung und Beziehung mit Schmerz und Gefahr assoziiert.
Intimität erzeugt in ihm Angst und Stress. Hinter seinem intermittierenden Verhalten steckt also keine Absicht.
Anders ist das beim pathologischen Narzissten. Er nutzt intermittierende Verstärkung, um das Machtgefälle in einer Beziehung zu zementieren.
Die starke Sehnsucht von co-abhängigen Menschen und Borderlinern macht sie besonders anfällig für solche Beziehungsdynamiken. Nicht zufällig werden sie oft als „Love Addicts“ bezeichnet.
→ Die Verweigerungsmanöver, die intermittierend verstärkend wirken sind erlernte Bewältigungsstrategien. Sie dienen dem Versuch, die Kontrolle über sich selbst (die eigenen Emotionen) und die Beziehung zurück zu gewinnen.
Die nicht zuverlässige, sporadische Befriedigung der Bedürfnisse des Partners ist letztlich das Resultat von Ängsten und Unsicherheiten. Sie dient der Absicherung der Macht über ihn, denn sie garantiert ihm, dass er sich auf eine bestimmte, gewünschte Weise verhält.
Die Ratte im wissenschaftlichen Versuch kann der Situation nicht entkommen, weil sie in einem Käfig sitzt.
Wenn du irgendwann nicht mehr weißt, was für dich stimmt
Die tiefgreifendste Veränderung findet in solchen Beziehungen oft nicht zwischen dir und deinem Partner statt, sondern in der art, wie du dir selbst begegnest.
Am Anfang weißt du noch ziemlich genau, was du dir von einer Beziehung wünschst: Nähe, Verlässlichkeit, Offenheit und das Gefühl, mit deinen Bedürfnissen willkommen zu sein.
Du bemerkst noch, wenn etwas nicht stimmt und spürst deine Enttäuschung, deinen Ärger oder deine Traurigkeit.
Doch wenn sich Nähe und Entzug immer wieder abwechseln, wird sich dein innerer Fokus allmählich verschieben.
Du wirst dich zunehmend damit beschäftigen, warum dein Partner sich zurückzieht. Du wirst seine Reaktionen analysieren, nach Erklärungen für sein Verhalten suchen und herausfinden wollen, was du tun kannst, damit die Verbindung wieder sicherer wird.
Vielleicht beginnst du, deine Erwartungen infrage zu stellen und dir seine emotionale Abwesenheit so lange zu erklären, bis du deine eigene Enttäuschung kaum noch ernst nehmen kannst.
Du entwickelst ein immer feineres Gespür für die Befindlichkeit des anderen – und verlierst dabei den Kontakt zu deiner eigenen.
Das ist eine Form von Selbstentfremdung, die in belastenden Bindungsdynamiken entstehen kann.
Du weißt irgendwann sehr genau, was deinen Partner unter Druck setzt, wovor er Angst hat und weshalb er sich verhält, wie er sich verhält.
Aber du weißt immer weniger, was dieses Verhalten mit dir macht und wo deine persönliche Grenze liegt.
Dein Denken kreist um die Frage, wie du die Beziehung retten kannst.
Und deine eigenen Empfindungen werden zunehmend zu etwas, das du regulieren, kontrollieren oder überwinden musst, damit die Beziehung bestehen bleibt.
Du verlierst das Vertrauen in deine eigene Wahrnehmung.
Und deshalb reicht es häufig nicht, rational zu erkennen, dass eine Beziehung dir nicht guttut. Du kannst etwas verstanden haben und dich trotzdem außerstande fühlen, entsprechend zu handeln.
Denn dafür müsstest du deinen Partner nicht nur anders sehen. Du müsstest auch wieder lernen, dich selbst ernst zu nehmen – selbst dann, wenn deine Bedürfnisse mit seinen nicht vereinbar sind.
Aber was führt bei dir dazu, dass du dich nicht rechtzeitig aus einer Beziehung löst, die nicht deinen Werten und Bedürfnissen entspricht?
Die Anfälligkeit liegt in deiner inneren Welt begründet. Auch du hast wahrscheinlich ein Bindungs- und Entwicklungstrauma aufzuarbeiten.
Raus aus der Fixierung – zurück zu dir selbst
Sich aus einer solchen Beziehungsdynamik zu lösen, ist keine Frage der Einsicht.
Wahrscheinlich weißt du längst, dass dir diese Beziehung nicht guttut und du hast dir schon oft vorgenommen, beim nächsten Mal konsequent zu bleiben.
Doch wenn dein Partner dir wieder näher kommt, kehrt die Hoffnung zurück. Und mit ihr die Vorstellung, dass jetzt alles anders werden könnte.
Um dich lösen zu können musst du lernen:
- deine Bedürfnisse wieder wahrzunehmen, ohne sie sofort zu relativieren.
- deine Enttäuschung ernst zu nehmen, ohne sie durch Verständnis zum Verschwinden zu bringen.
- auszuhalten, dass die Entscheidung für dich selbst mit Trauer, Sehnsucht und Unsicherheit verbunden sein kann.
- nicht länger darauf zu warten, dich durch die Liebe eines anderen endlich sicher, wertvoll oder vollständig zu fühlen.
- diese Sicherheit in dir selbst aufzubauen.
Du wirst Nähe und Verbundenheit dann nicht länger mit deiner Selbstachtung zahlen wollen.
Im Laufe deines Prozesses wird sich der Drang, um die Beziehung kämpfen zu müssen auflösen. Du lernst wieder zwischen dem, was du fühlst, dem, was du hoffst, und dem, was tatsächlich ist zu unterscheiden.
Sehr selten sind beide Partner bereit sich der Realität einer solchen Beziehung zu stellen.
Aber selbst wenn das so ist arbeite ich mit ihnen in Einzelsitzungen, denn diese Beziehungen können nur heilen, wenn beide Partner ihren individuellen Individuationsprozess nachholen.
Mehr zur Dynamik in dysfunktionalen Beziehungen findest du im Artikel Toxische Beziehung heilen
Wenn du professionelle Hilfe brauchst begleite ich dich gern ein Stück auf dem Weg raus aus der Sucht – zurück in die Entscheidungsfreiheit und in ein sicheres Bindungsverhalten.

