Kontrolle durch Unverbindlichkeit
Vielleicht bist du gerade verunsichert, weil du dich in einen Menschen verliebt hast, der anfangs Feuer und Flamme für dich war und sich nun nicht so recht zu dir bekennen will.
Er sucht deine Nähe, aber vermeidet Verbindlichkeit. Er hält dich in einem Schwebezustand, in dem vieles möglich scheint, aber nichts wirklich sicher ist.
Vielleicht triggert das deine alten Wunden. Den Glauben, nicht zu genügen. Die Angst, nicht wichtig genug zu sein, damit sich jemand wirklich für dich entscheidet.
Vielleicht versuchst du deshalb, ihn besser zu verstehen, geduldiger zu sein oder herauszufinden, was du tun könntest, damit er sich endlich zu dir bekennt.
Doch während du damit beschäftigt bist, die Gründe für sein Verhalten zu verstehen, gerät etwas anderes zunehmend aus dem Blick: Du musst dich mit einer Ungewissheit arrangieren, die du nicht selbst gewählt hast.
Wenn du die Beziehung nicht aufgeben möchtest, bleibt dir scheinbar nur, abzuwarten. Zu hoffen. Dich anzupassen. Und immer wieder neu einzuschätzen, wie viel Nähe gerade möglich ist, ohne ihn zu verlieren.
Was dabei leicht übersehen wird: Unverbindlichkeit ist nicht einfach nur das Fehlen einer Entscheidung.
Sie kann eine bestimmte Funktion erfüllen. Und manchmal ist diese Funktion, die Kontrolle über eine Beziehung zu behalten, ohne die Verantwortung dafür übernehmen zu müssen.
Inhaltsübersicht
Unverbindlichkeit als Bindungsmuster
Man könnte meinen, dass jeder Mensch Schwebezustände als belastend empfindet. Schließlich kosten sie Kraft, weil sie uns daran hindern, uns innerlich auf etwas einzustellen und unser Leben entsprechend auszurichten.
Doch nicht jeder erlebt Unverbindlichkeit auf dieselbe Weise.
Während der eine unter der fehlenden Klarheit leidet, empfindet der andere sie als Entlastung:
Er kann Nähe erleben, ohne sich festlegen zu müssen. Er kann sich Optionen offenhalten, ohne auf etwas verzichten zu müssen. Und er kann sich jederzeit zurückziehen, ohne zuvor eine verbindliche Entscheidung revidieren zu müssen.
Besonders Menschen mit einem abweisend vermeidenden Bindungsstil können Schwierigkeiten damit haben, sich festzulegen. Sie verbinden Verbindlichkeit möglicherweise mit Einschränkung, Abhängigkeit oder dem Verlust ihrer Freiheit.
Sich nicht entscheiden zu müssen, bedeutet für sie, die Kontrolle über die eigene Lebensgestaltung zu behalten.
Das muss keine bewusste Strategie sein.
Häufig geht es um den Versuch, unangenehme Gefühle zu vermeiden: die Angst, sich falsch zu entscheiden, etwas zu verpassen, Erwartungen nicht erfüllen zu können oder sich durch die Nähe eines anderen Menschen zunehmend verpflichtet zu fühlen.
Es gibt allerdings auch eine andere Form der Unverbindlichkeit.
Manche Menschen nehmen durchaus wahr, dass ihr Verhalten den anderen verunsichert. Sie wissen, dass dieser auf eine Entscheidung wartet, hoffen und sich an kleinen Zeichen der Zuwendung festhält. Trotzdem verändern sie nichts.
In solchen Konstellationen kann Unverbindlichkeit zu einem Mittel der Machtausübung werden. Nähe wird gewährt und wieder entzogen, Hoffnung aufrechterhalten und Klarheit verweigert.
Ein Partner bleibt beschäftigt mit der Frage, woran er ist, während der andere weitgehend darüber bestimmt, wie viel Nähe und Verbindlichkeit zugelassen werden.
Dieses Verhalten kann auch bei verdeckt narzisstischen Beziehungsmustern vorkommen. Entscheidend ist dabei nicht, ob jemand eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur hat, sondern welche Funktion das Verhalten in der Beziehung erfüllt.
Nicht jede Unverbindlichkeit ist Manipulation.
Aber auch ein Verhalten, das aus Angst entsteht, kann für ein Gegenüber zutiefst verletzend und auf Dauer zerstörerisch sein.
Warum manche Menschen lieber alles offen halten
Es gibt unterschiedliche psychologische Gründe dafür, warum Menschen Entscheidungen vermeiden und sich selbst wie auch andere in Schwebezuständen halten.
- Die Angst, ihre Freiheit zu verlieren
Für manche abweisend vermeidenen Bindungstypen bedeutet eine Entscheidung oft nicht nur, sich für etwas zu entscheiden. Sie bedeutet gleichzeitig, andere Möglichkeiten aufzugeben.
Solange alles offenbleibt, müssen sie auf nichts endgültig verzichten. Sie können die Vorteile einer Beziehung genießen und sich zugleich die Vorstellung bewahren, jederzeit einen anderen Weg einschlagen zu können.
Die Schwierigkeit besteht darin, dass sie Freiheit vor allem als Abwesenheit von Verpflichtungen verstehen.
Wer sich nicht festlegt, muss auch auf nichts verzichten. Zumindest nicht unmittelbar.
Er muss sich nicht mit der Endgültigkeit seiner Entscheidungen auseinandersetzen und kann sich die Illusion erhalten, dass alle Möglichkeiten weiterhin zur Verfügung stehen.
Der Preis dafür wird häufig erst später sichtbar.
Denn auch das Nichtentscheiden hat Konsequenzen: Beziehungen verändern sich, Menschen verlieren das Vertrauen, und Möglichkeiten verschwinden, während man versucht, sie sich offenzuhalten.
Wer sich nicht entscheiden möchte, entscheidet sich deshalb nicht automatisch für Freiheit. Manchmal entscheidet er sich lediglich dafür, die Konsequenzen seiner Entscheidungen so lange wie möglich aufzuschieben.
- Die Angst, die falsche Entscheidung zu treffen
Andere erleben Entscheidungen als potenzielle Fehler.
Sie befürchten, sich für den falschen Partner zu entscheiden, etwas zu übersehen oder später festzustellen, dass sie sich selbst um eine bessere Möglichkeit gebracht haben.
Vielleicht kennen sie dieses Gefühl bereits aus anderen Lebensbereichen und haben gelernt, dass Fehler mit Kritik, Enttäuschung oder Schuld verbunden sind.
Dann kann der Versuch, jede Entscheidung zunächst ausreichend zu durchdenken, irgendwann zu einer Form der Vermeidung werden.
Sie suchen nach mehr Klarheit, warten auf das richtige Gefühl oder glauben, erst dann entscheiden zu können, wenn sie sich ihrer Sache wirklich sicher sind.
Doch diese Sicherheit stellt sich nicht immer ein.
Gerade bei Entscheidungen, die Nähe, Vertrauen und Verletzlichkeit voraussetzen, gibt es keine Garantie dafür, dass alles gut ausgehen wird.
Wer erst handeln möchte, wenn sämtliche Zweifel verschwunden sind, wartet deshalb vielleicht für immer.
Und manchmal dient das Bedürfnis, sich selbst erst vollständig verstehen zu müssen, weniger der Klärung als dem Versuch, eine Entscheidung weiterhin vermeiden zu können.
- Die Angst vor negativen Konsequenzen
Bindungsverletzte Menschen erleben Entscheidungen manchmal auch als Situation, in der sie nur verlieren können.
Entscheiden sie sich für eine Beziehung, befürchten sie, ihre Freiheit einzubüßen und entscheiden sie sich gegen die Beziehung, müssen sie möglicherweise Schuldgefühle, Verlust oder die Enttäuschung des anderen aushalten.
Sie befinden sich in einem inneren Konflikt, für den sie keine Lösung sehen, die sich wirklich gut anfühlt.
Also entscheiden sie sich zunächst für keine der Möglichkeiten.
Das kann kurzfristig Erleichterung verschaffen. Solange nichts entschieden ist, müssen sie sich mit den befürchteten Konsequenzen nicht unmittelbar auseinandersetzen.
Doch sie verschwinden dadurch nicht.
Wer eine Entscheidung vermeidet, vermeidet nicht zwangsläufig den Schmerz. Er verschiebt ihn häufig nur – und überlässt einem anderen Menschen einen Teil der emotionalen Kosten.
- Die Angst vor Nähe und Verletzlichkeit
Nicht jede Unverbindlichkeit hat mit der Angst vor einer falschen Entscheidung zu tun. Manchmal ist es die Nähe selbst, die Schwierigkeiten bereitet.
Wer gelernt hat, sich auf andere Menschen nur begrenzt zu verlassen, kann ein starkes Bedürfnis nach Selbstständigkeit entwickeln. Nähe wird dann zwar gesucht, aber zugleich als potenzielle Gefahr erlebt.
Solange eine Beziehung unverbindlich bleibt, lässt sich eine gewisse Distanz aufrechterhalten.
Man kann sich verbunden fühlen, ohne sich vollständig einzulassen und Zuneigung zeigen, ohne sich in gleichem Maße verletzlich zu machen.
Verbindlichkeit würde dagegen bedeuten, sich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen, Bedürfnisse zu zeigen und anzuerkennen, dass ein anderer Mensch tatsächlich Bedeutung gewonnen hat.
Das kann Ängste auslösen, die sich nicht allein durch rationales Nachdenken auflösen lassen.
Unverbindlichkeit wird dann zu einem Distanzhalter: Sie ermöglicht Nähe nur bis zu einem gewissen Grad.
Mehr dazu im Artikel Angst vor Hingabe und im Video zur Angst vor Intimität.
- Unverbindlichkeit als Mittel der Machtausübung
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum manche vermeidenden Bindungstypen an Unverbindlichkeit festhalten:
Sie profitieren davon, dass der andere auf eine Entscheidung wartet.
Wer keine klare Position bezieht, muss sich nicht festlegen. Er muss weder verbindlich zusagen noch eindeutig absagen. Er kann die Beziehung in einem Zustand halten, in dem der andere weiterhin hofft und investiert.
Das Gegenüber ist dadurch zunehmend damit beschäftigt, die Beziehung zu sichern:
Es versucht, Konflikte zu vermeiden, Verständnis aufzubringen, Erwartungen zurückzunehmen oder sich so zu verhalten, dass die ersehnte Verbindlichkeit doch noch entsteht.
Die Aufmerksamkeit richtet sich immer stärker auf den anderen.
Und darin liegt die Macht dieser Dynamik:
Ein Partner bewegt sich nicht, während der andere immer mehr Energie darauf verwendet, etwas in Bewegung zu bringen.
Besonders problematisch wird es, wenn die Ungewissheit gezielt aufrechterhalten wird, um den anderen emotional abhängig zu machen oder die eigenen Interessen durchzusetzen.
Dann geht es nicht mehr nur um Angst oder Überforderung, sondern die Unsicherheit des Partners wird zum eigenen Vorteil genutzt.
Solche Beziehungen entwickeln zunehmend missbräuchliche Züge. Das gilt besonders dann, wenn Nähe und Rückzug gezielt eingesetzt werden, um Hoffnung zu erzeugen, Grenzen zu unterlaufen oder den anderen in der Beziehung zu halten.
Eine verwandte Dynamik beschreibe ich auch im Video Dualseelenprozess oder Suchtverhalten.
Warum Unverbindlichkeit den anderen so stark beschäftigen kann
Wenn du selbst in einer solchen Beziehung steckst, fragst du dich vielleicht, warum dich die Beziehung so sehr beschäftigt.
Du weißt vielleicht längst, dass dir die Ungewissheit nicht guttut.
Vielleicht hast du dir sogar schon vorgenommen, dich nicht mehr davon abhängig zu machen, ob der andere sich meldet, Nähe sucht oder endlich eine Entscheidung trifft.
Und trotzdem kreisen deine Gedanken immer wieder um ihn und die Beziehung.
Das hat oft mehrere Gründe:
Wenn du dazu neigst, deinen eigenen Wert infrage zu stellen, kann die fehlende Entscheidung des anderen alte Überzeugungen aktivieren:
„Ich bin nicht wichtig genug. Ich genüge nicht. Wenn ich liebenswerter, verständnisvoller oder unkomplizierter wäre, würde er sich vielleicht für mich entscheiden.“
Du fragst nicht mehr, ob dieser Mensch zu dir passt, sondern ob du gut genug bist, dass er dich will.
Vielleicht beginnst du, deine Bedürfnisse zurückzustellen, weil du befürchtest, dass sie ihn unter Druck setzen könnten.
Du erklärst dir sein Verhalten und versuchst, Verständnis für seine Ängste und Verletzungen aufzubringen.
Die Fähigkeit, einen anderen Menschen in seiner inneren Not zu verstehen, ist wertvoll, aber problematisch wird es, wenn dein Verständnis dazu führt, dass du die Auswirkungen seines Verhaltens auf dich selbst nicht mehr ausreichend ernst nimmst.
Wenn du dich in dir selbst sicher fühlen würdest könntest du verstehen, warum dein Gegenüber Schwierigkeiten mit Verbindlichkeit hat, und gleichzeitig entscheiden, dass du unter diesen Bedingungen keine Beziehung führen möchtest.
Verständnis für die Ängste eines Menschen verpflichtet dich nicht dazu, die Folgen seiner Vermeidung zu tragen.
Hinzu kommt, dass unregelmäßige Nähe viel Aufmerksamkeit binden kann: Wenn auf Rückzug wieder Zuwendung folgt, entsteht leicht neue Hoffnung. Du erinnerst dich daran, wie schön es zwischen euch sein kann, und wartest darauf, dass dieser Zustand zurückkehrt.
Die wenigen Momente, in denen du dich sicher fühlst, bekommen dadurch möglicherweise ein unverhältnismäßig großes Gewicht.
Du orientierst dich immer mehr an dem, was sein könnte, statt an dem, was tatsächlich gelebt wird.
Und je mehr du investierst, desto schwieriger wird es, dich zurückzuziehen.
Schließlich möchtest du nicht nur einen Menschen loslassen, sondern auch die Hoffnung auf das, was aus dieser Beziehung noch werden könnte.
Und so kann eine Beziehung, die dir wenig Sicherheit gibt, einen großen Teil deiner inneren Aufmerksamkeit beanspruchen.
Eine nützliche Frage für dich:
„Was hält mich in einer Situation, in der ich immer wieder auf etwas warte, das ich nicht selbst herstellen kann?“
Unverbindlichkeit hat aber auch eine Konsequenz, die häufig unterschätzt wird: Sie entbindet niemanden dauerhaft von seiner Verantwortung:
Wenn du dich weigerst, eine Entscheidung zu treffen, überlässt du es irgendwann den Umständen oder anderen Menschen, wie es weitergeht.
Ein Partner, der lange genug auf Verbindlichkeit wartet, wird irgendwann vielleicht gehen, weil das Vertrauen verloren gegangen ist.
Vielleicht gehörst du aber auch zu den unsicheren Bindungstypen, für die das eine willkommene Entlastung ist:
Du musst dich nicht selbst trennen, keine eindeutige Position beziehen und nicht das Gefühl aushalten, einen anderen Menschen bewusst enttäuscht zu haben.
Auch das ist eine Form, Verantwortung abzugeben.
Du überlässt dem anderen die Aufgabe, eine Situation zu beenden, die du selbst nicht verändern willst.
Dabei übersiehst du, dass auch dein Nichtstun eine Wirkung hat. Wenn du dich nicht positionierst, bleibt das nicht ohne Einfluss auf den Verlauf einer Beziehung.
Du beeinflusst ihn gerade dadurch, dass du keine Klarheit schaffst.
Unverbindlichkeit überwinden: Was es wirklich braucht
Falls du dich in diesem Verhalten erkennst, möchte ich dich dazu einladen, genauer hinzusehen.
Verurteile dich nicht dafür, dass du Angst hast oder Schwierigkeiten mit Entscheidungen hast.
Solche Muster haben eine Geschichte. Vielleicht haben sie dir einmal geholfen, dich vor Enttäuschungen, Abhängigkeit oder schmerzhaften Konsequenzen zu schützen.
Doch eine Bewältigungsstrategie, die dir früher Sicherheit gegeben hat, führt heute dazu, dass du dich selbst und andere in einer Schwebesituation festhältst.
Der erste Schritt besteht deshalb darin, ehrlich anzuerkennen, welche Funktion die Unverbindlichkeit für dich erfüllt.
- Erkenne deinen persönlichen Gewinn
Frage dich, was du dadurch vermeidest, wenn du dich nicht entscheidest.
Musst du dich dadurch nicht mit deiner Angst vor Nähe auseinandersetzen?
Kannst du dir deine Freiheit bewahren?
Vermeidest du Schuldgefühle, Konflikte oder die Möglichkeit, einen Fehler zu machen?
Oder gibt es vielleicht noch einen anderen Gewinn?
Kannst du die Vorteile einer Beziehung genießen, ohne im gleichen Maße Verantwortung für sie übernehmen zu müssen?
Bleibt dir die Möglichkeit, Nähe nach deinen eigenen Bedürfnissen zu regulieren, während dein Partner auf mehr Verbindlichkeit wartet?
Es kann unangenehm sein, sich diese Fragen zu stellen. Vielleicht widerspricht die Antwort dem Bild, das du von dir hast.
Doch solange du nur darauf schaust, was dir schwerfällt, übersiehst du, was du durch dein Verhalten aufrechterhältst.
Wenn du nicht nur deine Schwierigkeiten anerkennst, sondern auch deinen Anteil an ihrer Aufrechterhaltung entstehen erste Veränderungen.
- Nimm deine Angst ernst, ohne dich von ihr bestimmen zu lassen
Wenn du Entscheidungen vermeidest, weil du Angst vor den Konsequenzen hast, ist es nicht hilfreich, dich einfach dazu aufzufordern, mutiger zu sein.
Du musst zunächst verstehen, was du befürchtest.
Was genau könnte passieren, wenn du dich festlegst?
Was würde es für dich bedeuten, einen Fehler zu machen?
Welche Gefühle möchtest du unbedingt vermeiden?
Und was glaubst du, würde es über dich aussagen, wenn deine Entscheidung jemanden enttäuscht?
Hinter deinen Ängsten liegen Überzeugungen, die du im Laufe deines Lebens entwickelt hast.
Vielleicht glaubst du, dass du für das Glück anderer verantwortlich bist. Oder du empfindest es als Versagen, wenn eine Beziehung nicht gelingt. Oder Abhängigkeit bedeutet für dich Kontrollverlust, sodass du Nähe nur dann zulassen kannst, wenn du jederzeit zurückweichen kannst.
Diese Überzeugungen verdienen es, hinterfragt zu werden.
Du kannst es lernen, deine Angst wahrzunehmen und auszuhalten, ohne ihr automatisch die Entscheidung zu überlassen.
Wenn es um Angst und Vermeidung geht, ist Mut ein entscheidender Teil der Lösung.
Mut heißt in diesem Zusammenhang, dass du die Möglichkeit unangenehmer Gefühle anerkennst und dennoch bereit bist, dich mit dem Leben auseinanderzusetzen, das du führen möchtest.
- Höre auf, auf absolute Sicherheit zu warten
Vielleicht glaubst du, dass du dich erst dann entscheiden kannst, wenn du dich vollständig verstanden hast.
Wenn du weißt, woher deine Ängste kommen, was du wirklich willst und ob du später bereuen könntest, dich für oder gegen etwas entschieden zu haben.
Natürlich kann dir Selbsterkenntnis dabei helfen, klarer zu sehen. Sie kann aber auch eine weitere Form der Vermeidung sein, wenn du sie zur Voraussetzung für jedes Handeln machst.
Du wirst nicht jede Unsicherheit auflösen können, bevor du eine Entscheidung triffst.
Manche Dinge lassen sich erst erfahren, wenn du bereit bist, dich auf sie einzulassen. Einiges ist erst im Rückblick zu verstehen.
Die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, entsteht also nicht allein dadurch, dass du immer mehr über dich weißt.
Sie braucht deine Kapazität, mit der verbleibenden Unsicherheit umzugehen.
- Übernimm Verantwortung für das, was du in Beziehungen auslöst
Wenn du weißt, dass dein Verhalten einen anderen Menschen in Ungewissheit hält, reicht es nicht aus, deine eigenen Ängste zu verstehen.
Du musst auch bereit sein, die Perspektive des anderen einzunehmen.
Wie fühlt es sich für ihn an, wenn du Nähe suchst, aber keine Verbindlichkeit zulässt?
Was geschieht mit seinem Vertrauen, wenn du Hoffnungen weckst, ohne zu wissen oder wissen zu wollen, ob du diese erfüllen kannst?
Und bist du bereit, ihm die Klarheit zuzugestehen, die du selbst möglicherweise vermeidest?
Natürlich musst du dich nicht zu einer Beziehung verpflichten, die du nicht möchtest. Du darfst unsicher sein und feststellen, dass deine Gefühle nicht ausreichen und dich gegen eine Beziehung entscheiden.
Aber du kannst deine Unsicherheit kommunizieren, ohne sie auf unbestimmte Zeit zum Problem des anderen zu machen.
Sage ehrlich, was du weißt, was du nicht weißt und wozu du momentan bereit bist. Und erkenne an, dass der andere auf dieser Grundlage seine eigenen Entscheidungen treffen darf.
- Frage dich, welches Leben du durch dein Verhalten verhinderst
Stell dir vor, du würdest in einem Jahr noch genauso mit Entscheidungen umgehen wie heute. Und dann in fünf oder zehn Jahren.
Wie würden deine Beziehungen aussehen?
Wie viel Nähe wäre möglich?
Welche Erfahrungen würdest du dir weiterhin vorenthalten?
Und wie viel Energie würdest du darauf verwenden, Möglichkeiten offenzuhalten, statt etwas aufzubauen?
Vielleicht stellst du fest, dass du mit deiner Vermeidung genau das verhinderst, wonach du dich eigentlich sehnst.
Eine Beziehung, in der du dich sicher fühlen kannst und ein Leben, in dem du dich nicht ständig vor den Konsequenzen deiner Entscheidungen schützen musst.
Du verbaust dir die Erfahrung, dass Nähe nicht zwangsläufig bedeutet, dich selbst aufzugeben.
Wenn du jede Entscheidung vermeidest, die Unsicherheit mit sich bringt, schützt du dich nicht nur vor möglichen Enttäuschungen. Du begrenzt auch die Möglichkeiten, die dir offenstehen.
Das Leben bleibt nicht stehen, während du auf absolute Sicherheit wartest.
Andere Menschen treffen ihre Entscheidungen. Beziehungen verändern sich. Chancen verstreichen.
Irgendwann musst du mit den Konsequenzen dessen leben, wofür du dich entschieden hast – oder dessen, wovor du immer wieder ausgewichen bist.
Und vielleicht beginnst du dann, Freiheit anders zu verstehen:
Als Fähigkeit, dich bewusst zu entscheiden, Verantwortung zu übernehmen und mit Gefühlen umzugehen, die daraus entstehen.
Wenn du in diesem Muster feststeckst
Vielleicht erkennst du dich in einigen dieser Beschreibungen wieder.
Vielleicht möchtest du dich anders verhalten und stellst trotzdem fest, dass du immer wieder auf Abstand gehst, dich zurückziehst oder Entscheidungen aufschiebst.
Dann hast du wahrscheinlich gelernt, dich auf diese Weise vor Gefühlen und Erfahrungen zu schützen, die du als bedrohlich erlebst.
Diese Muster lassen sich verändern. Dafür braucht es allerdings mehr als den guten Vorsatz, künftig mutiger zu sein.
Zuerst mußt du die inneren Zusammenhänge verstehen, die deine Vermeidung aufrechterhalten, um dann neue Erfahrungen im Umgang mit Nähe, Unsicherheit und Verantwortung möglich zu machen.
In meiner therapeutischen Arbeit begleite ich Menschen dabei, ihre Bindungsmuster zu verstehen und einen anderen Umgang mit sich selbst und ihren Beziehungen zu entwickeln.
Inzwischen sind rund 60 Prozent meiner Klienten Männer, die ein abweisend vermeidendes Bindungsverhalten entwickelt haben.
Wenn du Unterstützung brauchst nimm gern Kontakt zu mir auf.

