Das Trauma, nicht gesehen zu werden

Wenn du den Zugang zu dir selbst verlierst

Du hattest vielleicht eine Kindheit, in der es auf den ersten Blick an nichts Wesentlichem gefehlt hat:

Du wurdest versorgt, bist zur Schule gegangen und hattest sogar Eltern, die sich für deine Interessen und Leistungen eingesetzt haben.

Und trotzdem gibt es in dir etwas, was du vielleicht schwer fassen kannst.

Ein Gefühl von innerer Leere und die Unsicherheit, ob deine Wahrnehmungen richtig sind.

Es fällt dir schwer herauszufinden, was du wirklich willst.

Du möchtest von anderen verstanden, bestätigt und angenommen zu werden.

Aber dieses Bedürfnis beruhigt sich selbst dann nicht dauerhaft, wenn du Zuwendung bekommst.

Lange Zeit habe auch ich nicht verstanden, warum ich mich so fühle.

Bis mir etwas bewusst wurde:

→ Nicht jede emotionale Verletzung entsteht durch etwas, was uns angetan wurde. Manche entstehen durch das, was in einer Beziehung immer wieder gefehlt hat.

Wenn deine innere Wirklichkeit in der Kindheit zu wenig Raum bekommen hat, hast du vielleicht gelernt, dich an anderen zu orientieren, ohne wahrzunehmen, was in dir selbst vorgeht.

Das Problem:

Du fühlst dich nicht gesehen und nimmst gleichzeitig selbst kaum noch wahr, wer du jenseits deiner Anpassung eigentlich bist.

Was dahinter steckt

Wenn wir an eine schwierige Kindheit denken, fallen uns zuerst offensichtliche Belastungen ein:

Gewalt, Demütigungen oder Eltern, die durch ihre eigenen Probleme kaum für ihre Kinder da sein konnten.

Weniger leicht zu erkennen sind die subtilen Formen emotionaler Vernachlässigung.

In der Regel lieben Eltern ihre Kinder und sorgen nach ihren Möglichkeiten für sie.

Deine Eltern haben sich für deine schulischen Leistungen interessiert, deine Freizeit organisiert und dir vieles ermöglicht.

Aber vielleicht hatten sie Schwierigkeiten damit, dich als eigenständigen Menschen wahrzunehmen.

Mit deinen eigenen Gefühlen, Bedürfnissen, Grenzen und Vorstellungen davon, wie du dein Leben gestalten möchtest.

Viele Eltern glauben zu wissen, was gut für das Kind ist, was es erreichen sollte und wie es sich verhalten müsste.

Sie freuen sich über Leistungen, die ihren Vorstellungen entsprechen und bemühen sich, ihrem Kind das zu geben, was ihnen selbst in der Kindheit gefehlt hat.

Was dabei zu kurz kommen kann, sind neugierige, einfühlsame Fragen:

Wer bist du eigentlich?

Was bewegt dich?

Wie erlebst du die Welt?

Was ist für dich stimmig?

Das Kind fühlt sich geliebt und nimmt gleichzeitig wahr, dass bestimmte Seiten seiner Persönlichkeit nicht gern gesehen sind.

Das können Gefühle sein, die den Eltern unangenehm sind.

Manchmal wird auch die wachsende Eigenständigkeit des Kindes als Zurückweisung empfunden.

Oder kindliche Bedürfnisse werden mit guten Argumenten bewertet und korrigiert, statt sie zunächst zu verstehen.

Das Kind lernt dann auf subtile Weise:

„Mit mir ist es leichter, wenn ich anders bin, als ich mich gerade fühle.“

Dadurch beginnt das Kind sich vom eigenen Erleben zu entfremden.

Warum Kinder gesehen werden müssen

Kinder haben noch kein entwickeltes Selbstgefühl, wenn sie auf die Welt kommen.

Sie brauchen eine Bezugsperson als Spiegel, der ihnen hilft, ihre Gefühle einzuordnen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und sich als eigenständige Menschen zu erleben.

In der Entwicklungspsychologie wird der Begriff Spiegeln tatsächlich verwendet, um diesen Prozess zu beschreiben:

  • Ein kleines Kind freut sich und erlebt, dass seine Bezugsperson diese Freude mit ihm teilt.
  • Es ist traurig und wird nicht damit allein gelassen.
  • Es ist wütend und ein Elternteil hilft ihm, mit diesem Gefühl umzugehen, ohne es dafür zu beschämen.

Mit zunehmender Entwicklung bekommt das Kind Worte für seine innere Welt.

Es erlebt, dass Gefühle unterschiedliche Ursachen haben können, dass es Bedürfnisse ernst nehmen darf und dass unangenehme Empfindungen nicht schnell verschwinden müssen.

→ Für eine gesunde psychische Entwicklung braucht das Kind natürlich Grenzen. Es muss erleben, dass seine Wünsche nicht immer erfüllt werden.

Aber es braucht auch das Gefühl, dass es mit seinem Erleben grundsätzlich angenommen wird.

Ein feinfühliger Erwachsener kann sagen:

„Ich verstehe, dass du wütend bist, weil du weiterspielen möchtest. Trotzdem gehen wir jetzt nach Hause.“

Das Gefühl wird anerkannt, ohne die Grenze aufzuheben.

Das Learning des Kindes ist:

„Meine Gefühle dürfen da sein. Und ich muss mich für sie nicht schämen.“

Ein gesundes Selbstgefühl entsteht, wenn ich lerne, dass mein individuelles Erleben meine Beziehung nicht gefährdet, selbst wenn wir verschieden empfinden oder entscheiden.

Natürlich gelingt Eltern dieses Spiegeln nicht immer.

Missverständnisse, unüberlegte Reaktionen und Konflikte gehören auch zum Leben.

Wichtig ist nur, dass Bezugspersonen grundsätzlich auf das Kind eingehen und dass sie nach Streit aktiv für Rückverbindung sorgen.

Schäden entstehen, wenn die innere Wirklichkeit des Kindes oft übergangen, abgewertet oder an die Bedürfnisse der Erwachsenen angepasst wird.

Wenn Gefühle und Bedürfnisse wenig Resonanz erfahren

Kinder sind auf ihre Bezugspersonen angewiesen.

Weil sie sich nicht aus einer Beziehung zurückziehen können, die ihnen emotional nicht guttut müssen sie einen Weg finden, mit den gegebenen Bedingungen zurechtzukommen.

Manche Kinder wählen Anpassung:

Sie beobachten aufmerksam, was von ihnen erwartet wird und versuchen, möglichst wenig Schwierigkeiten zu machen.

Andere kompensieren über Leistung:

Sie entwickeln den Anspruch, besonders klug, erfolgreich oder vernünftig zu sein. Anerkennung wird zum Weg, sich den eigenen Wert zu bestätigen.

Wieder andere reagieren mit Rückzug:

Sie lernen, möglichst wenig zu brauchen, Gefühle mit sich selbst auszumachen und keine Hilfe zu erwarten.

Und manche wählen die Rebellion:

Sie reagieren mit Wut, Widerstand oder auffälligem Verhalten.

Auch darin zeigt sich der Versuch, mit einer Situation umzugehen, in der sie sich nicht verstanden fühlen.

→ Diese individuell gewählten Strategien sind Hinweise darauf, wie ein Mensch gelernt hat, mit schwierigen Situationen und Beziehungen umzugehen.

Gemeinsam ist diesen Strategien, dass der Fokus zunehmend nach außen wandert.

„Was erwarten die anderen von mir?“

„Wie muss ich mich verhalten, damit die Stimmung nicht kippt?“

„Was darf ich zeigen?“

„Was könnte mein Gegenüber enttäuschen?“

„Womit kann ich Anerkennung bekommen?“

Die Frage, was ich selbst empfinde und brauche, tritt immer mehr in den Hintergrund.

Du bist dann hervorragend darin, andere Menschen zu lesen.

Du bemerkst kleinste Veränderungen in ihrer Stimme, erkennst ihre Bedürfnisse und spürst, wenn etwas nicht stimmt.

Aber wenn dich jemand fragt, was du möchtest, fällt dir nichts ein.

Du wägst ab, was vernünftig wäre, was das Gegenüber erwarten könnte und welche Entscheidung keinen Konflikt auslöst.

Und vielleicht spürst du sogar ein schlechtes Gewissen, wenn du selbst etwas willst.

Das ist die schmerzhafte Folge fehlender emotionaler Resonanz:

→ Du entwickelst ein feines Gespür für andere Menschen, während die Verbindung zu dir selbst unsicher ist.

Wie sich fehlendes Gesehenwerden in Beziehungen zeigt

Im Erwachsenenleben beeinflussen innere Überzeugungen, welche Beziehungen wir eingehen, was wir in ihnen erwarten und wie wir auf Nähe, Distanz und Konflikte reagieren.

Wenn du früh gelernt hast, dass du dich anpassen musst: 

Es wird dir schwerfallen, deine Grenzen zu halten.

Du neigst vielleicht dazu, das Verhalten deines Partners zu analysieren und versuchst, seine Verletzungen zu verstehen.

Du wirst ihm Zeit geben und hoffen und übermäßig geduldig und verständnisvoll sein.

Dabei übersiehst du natürlich immer mehr deine eigenen Bedürfnisse.

Vielleicht kennst du aber auch die andere Seite:

Wenn du dich schnell übersehen, nicht ernst genommen oder nicht geliebt fühlst:

Wenn dein Partner nicht so reagiert, wie du es dir wünschst, entsteht zunächst innere Unruhe.

Und wenn du keine zufriedenstellende Erklärung bekommst reagierst du mit Wut und Rückzug.

Was im Außen wie ein Streit über eine konkrete Situation aussieht, hat oft eine tiefere Bedeutung:

„Bin ich dir wichtig?“

„Nimmst du mich überhaupt wahr?“

„Muss ich etwas leisten und mich verändern, damit ich für dich zähle?“

Natürlich ist nicht jeder Beziehungskonflikt auf Kindheitserfahrungen zurückzuführen.

Und manchmal verhält sich dein Partner vielleicht wirklich lieblos oder unzuverlässig.

Dann ist es wichtig, die Realität ernst zu nehmen.

Gute Frage wären dann:

„Was passiert hier gerade zwischen uns?“

„Was brauche ich?“

„Was ist mein Anteil an dieser Dynamik“

„Was liegt in der Verantwortung meines Gegenübers?“

Diese Unterscheidung ist wesentlich.

Es braucht eine gute Fähigkeit zur Selbstreflexion, um deine Gefühle ernst nehmen zu können, ohne automatisch aus ihnen heraus handeln zu müssen.

Warum du im Außen suchst, was dir im Inneren fehlt

Wenn du dich selbst nur eingeschränkt wahrnimmst und deinem eigenen Erleben wenig vertraust, wird die Reaktion anderer Menschen zu einer wichtigen Orientierung.

Ihre Anerkennung beruhigt dich und ihre Zuwendung gibt dir das Gefühl, wertvoll zu sein.

Distanz kann dagegen Zweifel auslösen, die weit über die konkrete Situation hinausgehen.

→ Wenn du viel Bestätigung brauchst hast du noch nicht gelernt, dich selbst zu beruhigen, ohne auf die Reaktion eines anderen Menschen angewiesen zu sein.

Die Sehnsucht, von einem anderen Menschen gesehen zu werden, ist menschlich.

Schmerzhaft wird es, wenn du dafür übersehen musst, was du selbst empfindest und brauchst.

Wir sind auf Beziehung und Resonanz angewiesen. Aber:

→ Eine gesunde Beziehung setzt voraus, dass du dich verbunden fühlen kannst, ohne deinen Wert unablässig aus der Reaktion des Gegenübers ableiten zu müssen.

Was Heilung wirklich bedeutet

Sich der eigenen inneren Welt zuzuwenden, wird zunächst ungewohnt sein, wenn du über Jahre gelernt hast, Gefühle zu kontrollieren, unangenehme Empfindungen zu erklären oder dich mit den Problemen anderer Menschen zu beschäftigen.

Wenn diese Strategien allmählich weniger notwendig werden, tauchen manchmal Gefühle auf, für die bisher kein Raum war:

Traurigkeit, Wut, Einsamkeit, Scham oder eine tiefe Sehnsucht nach Nähe.

Wichtig ist dann ist, sie in einem Tempo zuzulassen, zu verstehen und zu verarbeiten, das deine vorhandenen Ressourcen berücksichtigt.

→ Deine Schutzstrategien sind keine persönliche Fehlerhaftigkeit.

Es war einmal sinnvoll, wenig zu brauchen und verständnisvoll zu sein. Und Leistung hat dir Anerkennung verschafft, die du auf andere Weise nicht bekommen konntest.

Beginne zunächst zu verstehen, wovor sie dich schützen sollten und frage dich, ob sie dir heute noch dienen.

Heute darfst du wahrnehmen, was du empfindest, ohne dich dafür zu verurteilen und eine Grenze setzen, auch wenn ein anderer Mensch dann enttäuscht ist.

→ Es entstehen wieder Wahlmöglichkeiten, wenn du lernst deine innere Welt zu beobachten, ohne sie grundsätzlich infrage zu stellen.

Neue Fähigkeiten entwickeln sich durch wiederholte Erfahrungen im Umgang mit dir selbst – und in Beziehungen, in denen du dich zeigen und nach Konflikten wieder in Verbindung kommen kannst.

Konkrete Anregungen:

1 – Nimm wahr, was in dir geschieht.

Halte einen Moment inne, bevor du dich mit der Stimmung oder den Bedürfnissen eines anderen Menschen beschäftigst.

Was fühlst du gerade? Was geht dir durch den Kopf? Was brauchst du?

2 – Unterscheide zwischen Gefühl und Bewertung.

Du kannst dich zurückgewiesen fühlen, ohne zu wissen, ob dein Gegenüber dich tatsächlich zurückweist.

Beide Möglichkeiten verdienen deine Aufmerksamkeit.

3 – Erforsche deine Schutzstrategien.

Beobachte, ob du dich anpasst, zurückziehst, rechtfertigst, kontrollierst oder besonders viel Verantwortung übernimmst.

Frage dich, wovor dich dieses Verhalten schützen könnte.

4 – Übe, deine Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Beginne damit, eigene Wünsche überhaupt wahrzunehmen und ihnen einen Platz zu geben.

5 – Lerne, dich selbst nicht zu verlassen.

Du kannst einen anderen Menschen verstehen und dennoch eine Grenze setzen.

Du kannst ihn lieben und gleichzeitig erkennen, dass die Beziehung dir nicht guttut.

6 – Suche dir Unterstützung, wenn du allein nicht weiterkommst.

Eine therapeutische Begleitung erleichtert es dir, wiederkehrende Beziehungsmuster, tiefsitzende Scham und belastende Kindheitserfahrungen zu verstehen und neue Erfahrungen im Umgang mit dir selbst zu ermöglichen.

Du wirst auf diese Weise zunehmend mehr Wahlmöglichkeiten gewinnen.

Und du lernst, dich selbst als einen Menschen wahrzunehmen, dessen Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen Bedeutung haben.

Vielleicht erkennst du dich in einigen dieser Beschreibungen wieder und verstehst, warum du in Beziehungen oft so viel Energie darauf verwendest, verstanden zu werden.

Dieses Verständnis ist ein Anfang.

Es fehlt noch die Erfahrung, dich in dir selbst sicher zu fühlen, um anders handeln zu können.

In meiner Arbeit begleite ich Menschen dabei, ihre Bindungsverletzungen und die daraus entstandenen Schutzstrategien zu verstehen und zu heilen.

Es geht darum, deinen Anteil an wiederkehrenden Dynamiken zu erkennen und einen verlässlichen Zugang zu deiner inneren Welt zu entwickeln.

Wenn du dich in schmerzhaften Beziehungsdynamiken wiederfindest oder merkst, dass du trotz vieler Erkenntnisse immer wieder an denselben Punkt gelangst, kann eine individuelle Begleitung sinnvoll sein.

In einem Einschätzungsgespräch können wir gemeinsam schauen, was dich aktuell belastet und welche Form der Unterstützung zu deiner Situation passen könnte.

Eine Beziehung, in der du dich verbunden und frei fühlen kannst, wird erst möglich, wenn du nicht länger auf die Bestätigung eines anderen Menschen angewiesen bist, um dir selbst vertrauen zu dürfen.

Buchtipp – Beziehungspsychologie

Oft vermissen wir nicht den Menschen, der gegangen ist.

Wir vermissen den Teil von uns selbst, den wir nur in seiner Gegenwart leben konnten.

Warum Loslassen so schwer fällt, obwohl die Beziehung mehr wehtut als trägt – Kati Körner beleuchtet in ihrem Buch, wie co-abhängige und narzisstische Beziehungsmuster entstehen, wo sie ihren Ursprung haben und wie du dich Schritt für Schritt daraus löst.

Buch Kati Körner Ratgeber

Das Buch ist auch im tredition SHOP erhältlich (lieferbar)

Buch kaufen