Was bedeutet Hingabe?

Die bestmögliche Übersetzung für das englische Wort “Commitment” ist “Hingabe”. Es beschreibt den Zustand des sich Bekennens zu einer Sache oder Person. Hingabe impliziert, dass man die eigene Energie investiert. Je eindeutiger man sich zu etwas bekennt, desto uneingeschränkter wird man sich dem Ding oder Menschen emotional und körperlich zuwenden.

Hast du Angst vor Hingabe?

Wenn du Schwierigkeiten hast, dich voll und ganz zu etwas zu bekennen, stelle dir folgende Frage: “Welche negative Konsequenz erwarte ich, wenn ich mich und meine Energie in diese Sache einbringe?” Die meisten Ängste – wenn nicht sogar alle – kann man auf die Angst, etwas wichtiges zu verlieren, reduzieren. Wenn du z.B. befürchtest, dass du dir durch Bekenntnis Konflikte an Land ziehst, ist der Umkehrschluss dessen die Angst davor, deinen inneren Frieden zu verlieren.

Wie äussert sich die Angst vor Hingabe und was sind die Ursachen?

Die Angst, in eine Falle zu geraten und dadurch die Freiheit zu verlieren, ist Haupt-Ursache für Commitment-Probleme.

Wenn du Angst davor hast, dich zu etwas zu bekennen, dann hast du unbewusst eine Sucht nach Sicherheit durch Flucht entwickelt. Das ist der Grund dafür, warum du vor Entscheidungen oft zurück schreckst. Du hast Angst vor Entscheidungen, weil du glaubst, durch sie Optionen zu verlieren. Es ist Angst davor, eine falsche Entscheidung zu treffen und dann in möglichen Konsequenzen festzustecken. Das ist deine persönliche, unterbewusste Definition von Versagen.

Diese Angst hat ihre Wurzeln in der Kindheit. Unter idealen familiären Voraussetzungen würden Kinder lernen, dass sie bedingungslos geliebt werden. Sie würden spüren, dass sie auch dann willkommen sind und nicht verstossen werden, wenn sie sich einmal schlecht verhalten haben. Sie würden von ihren Bezugspersonen konstant vermittelt bekommen, dass sie nicht perfekt sein müssen, um geliebt und angenommen zu werden. Die Angst davor, aufgrund von Fehlerhaftigkeit verlassen zu werden, würde sich nicht in ihr Unterbewusstsein schleichen. Menschen, die diese Angst haben, gehen mit einer hohen Erwartungshaltung an sich selbst und andere durchs Leben.

Viele Kinder wurden frühzeitig mit einer Welt konfrontiert, die ihnen diese harsche Botschaft überbracht hat: “Du musst perfekt sein, und zwar so, wie ich es für dich definiere, um geliebt, angenommen und nicht verstossen zu werden.”

In dieser familiären Atmosphäre wurde Verantwortung zu einer bedrohlichen Sache. Verantwortung anzunehmen bedeutete gleichzeitig, sich immensem Druck zu unterwerfen. Vom Kind wurde so Druck und Verantwortung unbewusst miteinander verkoppelt. Verantwortung zu übernehmen bedeutete, dass man extrem viel auf’s Spiel setzen musste. Diese kindlichen Erfahrungen und unterbewussten Verknüpfungen sind die Ursache der Vermeidung von Hingabe und Verantwortung.

Menschen, die Probleme mit Hingabe haben, sind nicht in einer Atmosphäre von Liebe und Intimität aufgewachsen. Kontrolle, Disziplin und Anpassung waren der Grundtenor. Diese Kinder haben gelernt, immer “einen Fuss in der Tür” zu lassen, weil sie einer oder beiden Bezugspersonen nicht vertrauen konnten. Sich ganz hinzugeben bedeutete Gefahr. Sie waren (und sind ungeheilt) in einem konstanten Zustand emotionaler Panik. Es ist nur logisch, dass das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit extrem wichtig wurde. Es wurde für sie so wichtig, dass es um jeden Preis erhalten werden will. Ganz besonders bei der Angst vor Hingabe zu einem Partner gilt:

Das Mass an Freiheit wird zum Mass für den Grad der Sicherheit.

Menschen, die Bindungsangst – Angst vor der Bekenntnis zu einem Partner – haben, sehnen sich nach einer tiefen und sicheren Verbindung zu einem Menschen, auf den sie sich ganz und gar verlassen können. Sie haben ein verzweifeltes Bedürfnis nach Intimität. Aber sie fürchten das Verlassen werden und/oder das Verschlungen werden so sehr, dass sowohl der Gedanke, den Partner als auch der Gedanke sich selbst zu verlieren, sie dazu bringt, in einen Zustand der Erstarrung zu fallen.

Erstarrung ist eine Strategie, um Sicherheit zu gewinnen, denn Liebe und Bindung bedeuten für dich Kontrolle.

Betroffene Menschen hatten Eltern, die – wenn auch meist unbewusst – in erster Linie ihr eigenes Interesse im Sinn hatten, nicht das Interesse des Kindes. Das Kind fühlte sich wiederholt emotional und/oder physisch unsicher. Es musste Überlebensstrategien entwickeln. Um selbst die Kontrolle behalten zu können, hat das Kind gelernt, immer einen Fluchtweg offen zu halten. Genau das tun diese Menschen in ihren erwachsenen Beziehungen auch: Sie haben immer eine Fluchtmöglichkeit parat und vermeiden es, klare Entscheidungen zu treffen und damit Verantwortung zu übernehmen. Umgesetzt wird das auf passiv aggressive Art und Weise. Einer der Wege, um Kontrolle zurück zu erlangen, ist die körperliche und emotionale Erstarrung. Wenn man erstarrt, dann kann keiner etwas dagegen tun! Das Gegenüber ist völlig machtlos, wenn es mit diesem bewegungs- und emotionslosen Zustand konfrontiert wird.

Erstarrung und die Weigerung Entscheidungen zu treffen dienen dazu, dir ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln.

Erstarrung passiert dann, wenn der Überlebensmechanismus getriggert wird. Betroffene sehen in Momenten, in denen sie sich nicht zwischen Kampf und Flucht entscheiden können, keinen anderen Ausweg. Daraus erwächst auch ihre Neigung, die Dinge zu verschieben, die unangenehme Gefühle verursachen. In Angst auslösenden Situationen versteinern sie. Wenn ungeheilt kippen sie im Laufe der Jahre in einen Zustand von lähmungsartigem und kraftlosem Dahinleben.

Was kannst du tun, wenn du erkennst, dass du Angst vor Hingabe hast?

Voraussetzung ist die Bereitschaft, deiner Angst zu begegnen.

1) Erkenne, dass du dich täglich bestimmten Dingen hingibst. Du gibst deine Energie jede Sekunde des Tages in irgend etwas. Die Frage ist, in was gibst du sie? Ein paar Beispiele zur Erklärung: Ein Mensch, der sich nicht zu einer Beziehung bekennt, hat die Entscheidung getroffen, sich zu seiner Freiheit zu bekennen. Ein Mensch, der Dinge verschiebt, bekennt sich dazu, sich der Ablenkung hinzugeben. Ein Mensch, der sich weigert Entscheidungen zu treffen, hat sich dazu entschieden, keine Verantwortung zu übernehmen.

Jedes mal, wenn du dich NICHT zu einer Sache bekennst, gibt es etwas anderes, zu dem du dich gerade bekennst.

Und das liegt dann meist genau am anderen Ende der Skala. Nimm dir Zeit, deine “unbewussten Hingaben” herauszufinden, um klar zu sehen, wofür du dich tatsächlich aktuell entschieden hast. Dann kannst du dich fragen, ob das die Dinge sind, zu denen du dich auch bewusst bekennen willst.

Frage dich: “Wozu möchte ich mich tatsächlich bekennen?” Das ist eine dich allein ermächtigende und deinen freien Willen untermauernde Frage, im Gegensatz zu einer Druck erzeugenden, wie: “Wozu solltest du dich bekennen (wollen)?”

2) Werde dir der negativen Auswirkungen deiner Weigerung, dich zu etwas zu bekennen, bewusst. Nimm den Aspekt in dir, der Angst vor Hingabe hat, ganz bewusst an. Gib ihm deine Liebe und dein Verständnis. Dieser Teil von dir wurde kontrolliert. Er versucht immer wieder verzweifelt, sich in Sicherheit zu bringen. Wenn du diesem Teil von dir mit Ablehnung und Widerstand entgegen trittst, indem du ihn mit Zwang verändern willst oder ihn ablehnst, dann versuchst du dich damit selbst zu kontrollieren und würdest dir selbst gegenüber passiv aggressiv handeln.

Nähere dich ihm stattdessen mit Mitgefühl. So hilfst du ihm, sich freiwillig zu bewegen, weil er spürt, dass du das Beste für ihn willst. Genau das wird zu einer inneren Transformation führen.

3) Werde dir der Dinge bewusst, die du willst, statt dich auf das zu konzentrieren, was du nicht willst. Wenn du Angst vor Hingabe hast, dann befindest du dich in einem Zustand der Vermeidung. Deine Energie richtet sich mehr auf das, was du nicht willst. Wenn du diesen inneren Widerstand in dir wachsen spürst, finde heraus wovon du gerade weg willst und nutze es, um herauszufinden, was du stattdessen in diesem Moment brauchst. Dann bekenne dich dazu. Gib deine Energie hinein.

Wenn bei dir die Angst vor Hingabe an einen Menschen eine grosse Rolle spielt, dann könntest du dich vorerst zu einem Teil dessen, was die Beziehung zu dieser Person ausmacht, bekennen. Z.B.: “Ich entscheide mich dazu, mit meinem Partner täglich kommunizieren.”

4) Werde vertraut mit deinen Bedürfnissen und erfülle sie dir. Deine Bedürfnisse sind dir zum Feind geworden, wenn du in einer stark kontrollierenden Umgebung aufgewachsen bist. Du hast die Neigung entwickelt, Bedürfnisse zu unterdrücken, sie nicht zu kommunizieren und gehst sogar so weit, sie vor dir selbst und anderen zu verleugnen. Beziehungen bedeuten aber tiefes Verstehen und Einfühlung in den anderen. Sie bedeuten alles andere als Kontrolle. Beziehungen leben von gegenseitiger Unterstützung, auf eine Weise, die die Bedürfnisse beider berücksichtigt und befriedigt.

Wenn du deine Bedürfnisse nicht ausdrückst und verleugnest, aber auf der anderen Seite die deines Partners zu befriedigen versuchst, dann wirst du dich letztlich durch ihn kontrolliert fühlen. Du bemerkst dabei gar nicht, dass du ihm überhaupt keine Chance gegeben hast, dir deine Bedürfnisse ebenso zu erfüllen.

5) Komme in den Kontakt mit deinen Gefühlen. Menschen, die Angst vor Hingabe haben, glauben, dass sie ihre emotionale Verbindung immer wieder durchtrennen müssen, um die Kontrolle – und damit ihre Sicherheit – zu behalten. Deshalb fühlt sich Beziehung mit dir wie eine Achterbahnfahrt an.

Beschäftige dich intensiv mit Gefühlen, wie gefangen, eingesperrt oder eingeengt sein. Du bist aufgrund dieser Gefühle ununterbrochen dabei, emotionale Situationen zu abzudämpfen, um vermeintlich zu erwartenden Schmerz zu vermeiden. Der Wille zu fühlen (einschliesslich der Annahme von Schmerz) wird die ungesunden Vermeidungsmuster stoppen. Sie können dann dein Leben nicht mehr, unterbewusst gesteuert, regieren.

Du hast keine gute Selbstwahrnehmung und neigst dazu, dich zu belügen. Damit versuchst du die Auseinandersetzung mit tieferen Wahrheiten zu umgehen. Wenn du dich darauf einlässt, mit deinen Gefühlen präsent zu sein, dann wird das deine realen und ehrlichen Wahrheiten aufdecken und frei legen.

Das sind die Wahrheiten, die dir helfen werden, ein Leben zu leben, was authentisch ist und was du wirklich willst.

6) Erforsche deine Vorstellungen von Perfektion, damit du diese Idee loslassen kannst. Erkenne, dass dir dein innerer Kritiker zwar versucht Sicherheit zu bringen, aber letztlich damit dein Leben zerstört. Du kannst dein Leben nicht “richtig” oder “falsch” leben, weil das Beurteilungen, je nach persönlicher Perspektive, sind. Du wirst auch keinen perfekten Partner finden. Die Angst ist der Grund dafür, dass  du mit allem haderst. Damit rechtfertigst du dich, dich nicht mit der Angst auseinandersetzen zu müssen. Gehe durch sie hindurch und bewege dich vorwärts.

Richte deinen Fokuss bewusst auf das Positive der Dinge und Menschen, zu denen du dich bekennen willst. Liebe ist das Gegenteil von Angst. Wenn du Angst vor deinem Partner hast, was liebst du an ihm? Perfektionismus geht immer mit Kritiksucht Hand in Hand.

7) Übe dich in der Meditation. Sie holt dich aus dem unbewussten Dauerzustand von Panik, der deine vermeidenden, kontrollierenden und flüchtenden Impulse auslöst. Damit kannst du lernen, weitere Selbstsabotage zu verhindern. Meditation hilft dir zu lernen, mit dem was gerade ist, präsent zu sein.

Starte am Besten mit Mindfulness Meditation (the observer self).

8) Arbeite an deinem Selbstkonzept. Menschen, die Angst vor dem verlassen werden haben und sich deshalb nicht hingeben wollen, haben ein schlechtes Selbstbild. Wenn du deine Energie nie wirklich in eine Sache hinein gibst, dann erzielst du auch keine Ergebnisse, die dir ein gutes Gefühl über dich geben. Wenn du beginnst, dich zu etwas wahrhaft zu bekennen wird das automatisch deinen Selbstwert verbessern! Schreibe eine Liste deiner positiven Attribute. Was magst du an dir? Was sind deine Stärken?

Wenn du also diese grosse Angst vor Hingabe hast, dann hat das gute Gründe. Du hast in der Kindheit diese Selbstschutzstrategien entwickelt, um zu überleben. So zu sein und so zu bleiben ist dein gutes Recht. Es macht dich nicht zu einem schlechten Menschen. Aber bedenke, dass jede Form von Hingabe Risiken mit sich bringt. Auch die Hingabe dazu, dich zu nichts zu bekennen ( was, wie wir gesehen haben gar nicht möglich ist ).

Wir alle werden eines Tages diese Erde wieder verlassen. Wir sind aber gewiss nicht hier, um nur möglichst sicher zu diesem Tag zu gelangen. Risiken gehören zu unserem Leben dazu. Bitte bedenke, dass du auch dann ein Risiko eingehst, wenn du so bleibst, wie du bist. Es ist das Risiko nicht wirklich in vollen Zügen gelebt zu haben.

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