Ist Autonomie erstrebenswert und Abhängigkeit schlecht?

Nicht nur in unserer modernen Gesellschaft scheint sich diese Wertung immer mehr durchzusetzen.

Das Modell der Autonomie

In vielen spirituellen Kreisen wird gerade eine sowohl materielle als auch emotionale Unabhängigkeit propagiert. Der Grundtenor lautet dabei: Übernimm Verantwortung für dich, dein Leben und deine Bedürfnisse. Alles was du brauchst solltest du für dich selbst bereit stellen können. Glück und Liebe sollten von innen heraus erwachsen und nicht davon abhängig sein, was ein anderer tut oder unterlässt. Dein Wohlbefinden darf nicht in der Hand eines anderen Menschen liegen. Es liegt einzig und allein in deiner Verantwortung. Jeder Mensch sollte für sich selbst sorgen und lernen sich emotional von anderen abzugrenzen, damit er von ihnen “unbeeindruckt” bleiben kann.

Was sind die Folgen des Modells der Autonomie?

Wenn du nicht komplett physisch und emotional unabhängig von anderen bist, dann ist das eine Schwäche und ein Mangel! Dann bist du mit dem Gegenüber “verstrickt” und zeigst co-abhängiges Verhalten. Nähe und Verbindung zu anderen Menschen – eines unserer Grundbedürfnisse – bekommt einen bitteren Beigeschmack. Durch Begriffe wie “Dependent Personality Disorder” wird Abhängigkeit geradezu pathologisiert. Diese Weltsicht zieht bei vielen Menschen ein Gefühl von Isolation und allein sein nach sich. Sie suggeriert dir, daß es nicht angebracht ist, andere um etwas zu bitten, was du brauchst oder wünschst. Sie sagt, daß es falsch ist sich auf andere zu verlassen oder sich auf irgendeine Art und Weise abhängig zu machen. Wenn du also andere Menschen brauchst gerätst du so sofort in den Verdacht der Co-Abhängigkeit.

Spricht die menschliche Biologie für unsere Autonomie?

Aus biologischer Sicht ist Abhängigkeit ein Fakt und keine Option. Wir sind von den Ressourcen unserer Erde abhängig und wir sind abhängig von den Beziehungen zu anderen. Wenn wir eine Bindung zu einem anderen Menschen eingehen, dann formen wir mit ihm eine physiologische Einheit: Es wurde bewiesen, dass die Nähe unseres Partners Einfluss auf unsere Herzfrequenz, unsere Atemfrequenz und die Höhe der Ausschüttung von Hormonen im Blut hat. Seine Anwesenheit hat Einfluss auf unsere Stress-Antwort. Unser Empfinden der “Getrenntheit” und Isolation wird auch auf einem biologischen Level reduziert, wenn wir eine Beziehung mit einem anderen Menschen eingehen. Diese Verminderung des Gefühls von Getrenntheit reflektiert die Tatsache, dass wir näher ans Verständnis und an das Erleben des “Eins-Seins” kommen, wenn wir eine intime Beziehung zu einem anderen Menschen haben.

Was sagt die menschliche Psyche zur Autonomie?

Hier kennt man das sogenannte “Abhängigkeits-Paradoxon”: Wenn es in unserem Leben einen anderen Menschen gibt auf den wir uns verlassen können, dann werden wir paradoxerweise (??) unabhängiger. Deutlich zu beobachten ist das schon bei Kleinkindern. Wenn eine Mutter ihr Kleinkind in einem fremden Raum auf den Boden setzt wird es durch den Raum krabbeln und ihn erkunden. Es wird nach Spielzeug greifen und unabhängige Bewegungen in der neuen Umgebung machen. Verlässt die Mutter den Raum jedoch und schliesst die Tür wird es stoppen und unruhig werden. Es wird – im Versuch wieder in den Kontakt zu kommen – anfangen zu weinen und nach der Mutter rufen. Kommt die Mutter zurück wird es sich mit ihr verbinden und wieder beginnen seine Umgebung zu erforschen. In erwachsenen Beziehungen ist das nicht anders! Wenn wir wissen, dass es jemanden gibt, der uns unterstützt, der uns beisteht und auf den wir zählen können, dann wächst unsere Fähigkeit auf selbstbestimmte Art und Weise “raus ins Leben” zu gehen und neue Projekte anzugehen. Wenn wir uns in der Beziehung zu einem anderen Menschen sicher fühlen und wissen, dass wir uns auf ihn verlassen können, dann sind wir eher dazu bereit und in der Lage Risiken einzugehen und unsere Ziele zu verfolgen. Es macht uns sogar deutlich kreativer.

Ursachen der Entstehung des Modells der Autonomie

Es entspringt dem Empfinden und unterbewußten Schmerz von Menschen, deren Bedürfnisse durch andere nie befriedigt wurden. Der Begriff der “Selbsthilfe” resultiert aus diesem Vertrauensverlust in andere. Man trägt Glaubenssätze in sich, wie “Ich kann mich nicht auf andere verlassen.” oder “Ich muss für mich selbst sorgen.” In der Spiritualität wird oft Trost gesucht, wenn Trost in der physischen Dimension (in Beziehungen zu anderen Menschen) einfach nie vorhanden war und ist. Der Glaube, daß meine Bedürfnisse nicht durch andere befriedigt werden können entsteht, wenn ich diese Erfahrung in meinem Leben nie machen durfte. Dann besteht die einzige Möglichkeit der Sicherung meines Überlebens darin mich von anderen abzugrenzen, mich nach innen zu richten und in jeder Hinsicht unabhängig zu sein. Aber es erzeugt ein Problem – die Verleugnung und Verdrängung eines Grundbedürfnisses! Nach aussen wirken solche unabhängigen Menschen selbstsicher. Man glaubt, dass sie viel Selbstvertrauen haben. Aber es gibt einen grossen Unterschied zwischen Selbstvertrauen und dem Misstrauen anderen gegenüber.

Folgen des Modells der Autonomie

Es besteht die Gefahr, dass Menschen mit diesem Modell ihre “Abneigung” hinsichtlich der Abhängigkeit von anderen Menschen rechtfertigen. Sie umgehen damit unbewusst ihre ursprünglichen Schmerzen und die Trauer darüber, dass sie die Erfahrung von Unterstützung und Verlässlichkeit anderer nie machen durften. Sie werden dadurch blind für den Fakt einer gesunden wechselseitigen Abhängigkeit (Inter-Dependence). Dadurch können sie das grössere Bild nicht sehen: Das Universum konfrontiert uns mit der Möglichkeit unsere Beziehungen zu uns selbst und zu anderen zu heilen. Es spiegelt den Schmerz in uns durch die Beziehungen zu anderen Menschen. Ein Zustand der unabhängigen Selbstfürsorge führt nicht zur Heilung.

Für Menschen, die in der Kindheit gelernt haben, dass sie sich nicht auf sich selbst verlassen können besteht die Gefahr dieses Modell dafür zu benutzen, ihre Abgabe der Eigenständigkeit an spirituelle Führer und Gurus zu rechtfertigen. Sie haben sich im Laufe ihres Lebens komplett selbst verlassen und sind immer auf der Suche nach jemandem, der sie heilen kann. Sie haben für sich entschieden, dass der einzige Weg zu überleben darin besteht, sich an andere zu koppeln und mit ihnen zu verschmelzen. Sie verlassen und vermeiden sich selbst weiterhin. Und sie werden genau das und den Widerstand sich selbst gegenüber weiterhin in ihren Beziehungen gespiegelt bekommen. Sie werden immer wieder mit sich selbst “konfrontiert” werden.

Alle unsere Beziehungen – und die Art und Weise wie wir uns in ihnen fühlen – sind eine Reflexion unserer Beziehung zu uns selbst!

Wenn wir uns selbst misstrauen und glauben uns nicht auf uns verlassen zu können, dann wird uns das Leben immer wieder Situationen bescheren, wo uns genau das gespiegelt wird: Wir werden uns nicht auf andere verlassen können. Wir werden von anderen immer wieder “enttäuscht sein”.

Erkennen wir die Zusammenhänge nicht, dann wird uns das Universum letztlich dazu zwingen, eine Verbindung zu uns selbst herzustellen. Unsere Lebensumstände werden sich zuspitzen. Wir werden auf einen Weg gebracht, um herauszufinden, dass wir uns auf uns selbst verlassen können. Deshalb werden wir mit Situationen konfrontiert, wo das die einzige Option sein wird, die uns noch bleibt!

Erkennen der Zusammenhänge ist ein erster guter Anfang. Sei mutig. Heile deine Traumata und deine Beziehung zu dir selbst. Warte nicht solange damit, bis du durch Lebensumstände mit dem Rücken an der Wand stehst!

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