Bindung und Sucht

Unsichere Bindung und Sucht haben die selbe Wurzel und diese Wurzel heisst Entwicklungstrauma.

Der Suchtbegriff

Sucht ist ein komplexer Prozess, der Hirnabläufe, körperliche Reaktionen, Gefühle und soziale Strukturen eines Menschen involviert. Suchtverhalten zeigt sich in diesen konkreten Merkmalen: Es besteht ein starkes Verlangen nach der Droge. Sie schafft vorübergehend Erleichterung oder Freude, hat aber langfristig negative Konsequenzen. Der Betroffene ist dennoch nicht dazu in der Lage sein Verhalten abzustellen.

Sucht kann Substanz bezogen sein (Alkohol, Tabak, Heroin, Kokain etc.), sie kann aber auch eine Handlung (Sex, Spielsucht, Essen, Arbeit, Extremsport, Internet usw.) oder eine andere Person betreffen (Beziehungssucht: Siehe Intermittierende Verstärkung).

Die Ursache der Sucht

„Die Droge selbst ist nicht das Problem. Sie ist das Mittel, das ein Mensch nutzt, um seinem süchtigen Verstand für eine Weile zu entrinnen. “ sagt Dr. Gabor Mate. Wie ist das gemeint? Was macht anfällig für die Entwicklung von Suchtverhalten? Zugrunde liegender Faktor ist immer eine Form von Entwicklungstrauma, das heisst es gab in der Kindheit irgendeinen emotionalen Verlust. Im Falle schwerwiegender Süchte findet man in der Regel auch recht schwerwiegende kindliche Traumata, wie Gewalt, emotionalen oder körperlichen Missbrauch, Sucht oder psychische Erkrankung eines Elternteils. Derartige negative Erfahrungen erhöhen das Risiko später im Leben Suchtverhalten zu entwickeln besonders drastisch.

Doch Entwicklungstrauma ist nicht nur das Resultat schlimmer Erfahrungen. Viel öfter ist es ein  Ergebnis dessen, dass bestimmte Erfahrungen, die für die gesunde Entwicklung eines Kindes unabdingbar sind nicht gemacht werden konnten. Wenn fundamentale Bedürfnisse in der Kindheit nicht befriedigt werden beeinträchtigt das die Hirnentwicklung. Potenziale sind genetisch angelegt. Doch welche Gene angeschaltet werden und welche nicht hängt stark von der Umgebung ab, in der ein Kind heranwächst.

Im Fall von Sucht ist das Belohnungssystem unterentwickelt, also die Kreisläufe, die mit dem Botenstoff Dopamin zu tun haben, der auf den Menschen anspornend und motivierend wirkt. Verknüpfungen rund um das Belohnungssystem entwickeln sich nur dann gut, wenn das soziale Umfeld diese eine essenzielle Qualität bietet: Es bedarf einer Bezugsperson, die aufmerksam und ruhig auf das Kind eingeht, die antwortet und die Bezug und Gegenseitigkeit vorlebt.

Ein sensibles Kind leidet ganz besonders, wenn Eltern aufgrund des selbst erlebten Stresses emotional abwesend und unerreichbar sind. Es schadet seiner Hirnentwicklung und es sieht sich irgendwann dazu gezwungen anderweitig nach Belohnungsmöglichkeiten zu suchen.

Der Zweck der Sucht

Sucht dient dem Zweck Schmerz zu dämpfen bzw. Stress zu entfliehen. Egal ob wir Sucht von einem psychischen Blickwinkel betrachten (dem Bedürfnis vor Schmerz und Stress zu flüchten) oder aus einem hirnphysiologischen Blickwinkel (dem unterentwickelten Belohnungssystem) – wir sehen in beiden Fällen den starken Einfluss der frühkindlichen Prägung durch das individuelle Umfeld.

Sucht und Krankheit

Ist Sucht eine Krankheit, eine Bewältigungsstrategie oder beides?

Aus konventionell medizinischer Sicht hat Suchtverhalten Krankheitsmerkmale: Dysfunktionale Hirnabläufe sind messbar. Sucht führt zu bestimmten pathologischen Symptomen und es besteht eine starke Rückfallgefahr.

Sucht auf dieses enge oberflächliche medizinische Modell zu reduzieren ist aber falsch. Es entspricht aber der generellen Neigung, sich in der modernen Medizin mit Diagnosen und der Therapie von Symptomen zufrieden zu geben. Man nennt etwas Krankheit und gibt ihr einen konkreten Namen. Dabei handelt es sich genau genommen nur um die Manifestation (den Endpunkt) eines lebenslangen Prozesses, der durch bestimmte Verhaltens-, Denk- und Gefühlsmuster am Laufen gehalten wurde. Nur durch die Betrachtung der Hintergründe ist dieser Prozess zu verstehen.

Wir erkennen den Einfluss der individuellen Lebenserfahrungen eines Betroffenen nicht an, wenn wir Sucht als körperliche Erkrankung betrachten. Sucht ist ein Bewältigungsversuch und nicht die Wurzel der Problematik.

Bindung und Sucht

Ein Mensch mit Suchtverhalten ist in sich selbst verunsichert und entzweit. Die Grundbedürfnisse eines Kindes sind Authentizität und Bindung. Letzteres ist existenziell. Ein Mensch ist bei der Geburt und noch lange Zeit danach völlig hilflos. Wenn für das Kind ein Konflikt zwischen diesen beiden Grundbedürfnissen entsteht, dann wird es seine Athentizität aufgeben und sich selbst verlassen. Das ist der Beginn Angst besetzter unsicherer Bindungsmuster, die dazu führen, dass weiterer emotionaler Schmerz angehäuft wird. Im Laufe der Jahre wächst aufgrund der Anpassungs- und Bewältigungsversuche die Selbstentfremdung. Schamgefühle verstärken die innere Selbstablehnung und das verstärkt das Gefühl der Isolation. Je stärker das Leid, desto vehementer der Wunsch ihm zu entfliehen. Suchtverhalten steht so Tür und Tor offen, denn es ist der einzige schnelle Weg aus dem Schmerz – wenn auch nur für kurze Momente.

Der Preis ist hoch, den ein Mensch langfristig für seine Sucht – egal wie sie auch aussehen mag – bezahlt. Ihr den Boden zu nehmen erfordert etwas Arbeit. Wer sie aber in Kauf nimmt ist damit nicht nur sein Suchtverhalten los. Ihm wird eine Welt eröffnet, die er bisher noch nicht kennt. Er beginnt sich mit sich selbst und anderen Menschen wohl zu fühlen, kann den jetzigen Moment sehen und geniessen und sich mit sich und der Welt verbunden fühlen.

Hier findest du weitere Infos zu einem der Sucht zugrunde liegenden unsicheren Bindungsmuster: Bindungsangst 

Ich begleite dich gern mit meinen Therapie- und Coachingangeboten auf dem Weg heraus aus deiner Sucht.