Bindungstrauma und Anziehung

Der Begriff Bindungstrauma

Der Begriff Bindungstrauma stiftet oft noch Verwirrung. Man verbindet umgangssprachlich damit in der Regel Folgen von emotionalem oder körperlichem Mißbrauch. Genau betrachtet sind es aber weitaus öfter die verschiedenen Formen von emotionaler Vernachlässigung, die in einem Kind langfristig Traumaspuren hinterlassen und sein Selbstkonzept verändern. Traumata sind nicht selten die Folge eines familiären Umfelds, das bestimmte emotionale Grundbedürfnisse des Kindes nicht oder ungenügend befriedigen konnte.

Durch wiederholte schmerzhafte Erfahrungen („Ich bin nicht okay.“ / „Ich werde nicht gesehen.“) und eine fehlende Möglichkeit der Verarbeitung dessen kommt es in einem Anpassungsversuch, der der Angstlinderung dient zur Fragmentierung der kindlichen Psyche. Man könnte sich bildlich dazu einen Fluß vorstellen, der sich immer mehr verzweigt und zum Delta wird. Die Hauptader verliert zunehmend Wasser und damit ihre Kraft. Durch den Akt der Fragmentierung (Abspaltung) entstehen Schutz- und Schattenaspekte, die miteinander im Widerstreit stehen oder sich gar nicht kennen. Die daraus resultierende Selbst-Entfremdung zieht ein in diffuses Gefühl der Leere und des Energiemangels nach sich.

Das Wort Trauma

Das Wort Trauma stammt ursprünglich aus dem Griechischen. Es bedeutet soviel wie Wunde. Wenn eine Wunde frisch ist und blutet schmerzt sie bei Berührung. Im Laufe der Zeit schließt sie sich und heilt ab. Aber bei schlechter Wundversorgung und entsprechender Tiefe bildet sich Narbengewebe. Eine typische Eigenschaft von Narbengewebe ist Inflexibilität. Es kann nicht mehr wachsen und bleibt vielleicht sogar taub und gefühllos.

Auch psychische Traumata machen uns starr und unflexibel, und zwar im Denken, Fühlen und Handeln. Traumata verändern unser Selbstgefühl – das was wir Persönlichkeit nennen – , weil wir zum Zweck des Selbstschutzes einen Teil unseres Bewußtseins unterdrücken, verdrängen oder sogar komplett abspalten. Durch diesen Akt der Fragmentierung entstehen Schutz-Aspekte, mit denen wir uns in der Folge identifizieren. Wir glauben immer mehr die Verschmelzung jener Aspekte zu sein, die uns in der Kindheit Sicherheit und Geborgenheit gewährleistet haben.

Was wir Persönlichkeit nennen ist also genauer betrachtet ein Konglomerat derjenigen Anteile , die uns einst geholfen haben unsere (Verlust-) Angst zu lindern. Aspekte die dazu ungeeignet bzw. Verstärker dieser Angst waren sind zu Schatten-Aspekten geworden. Wir sind uns ihrer Existenz irgendwann nicht mehr bewußt. Der Grad der inneren Zerrissenheit und des daraus resultierenden Energieaufwands ist vom Grad des Bewußtseins und vom Grad der Disharmonie zwischen diesen inneren Aspekten abhängig.

Im Leben eines traumatisierten Menschen übernehmen also gewisse Schutz-Aspekte die Regie. Weil sein Unterbewußtsein aber immer auch nach Ganzheit strebt wird er sich zu Menschen hingezogen fühlen, die das, was ihm im Prozeß der Abspaltung verloren gegangen ist überbetont leben. Wenn diese Menschen ihm jedoch zu nahe kommen (wenn Intimität „droht“), werden die alten Schamgefühle des nicht okay seins aktiviert. Er ist dann gezwungen sie abzulehnen und von sich wegzustoßen, wie er es einst in sich selbst getan hat.

Diese Zusammenhänge können dir helfen besser zu verstenen, warum du bei der Partnersuche immer wieder auf ähnliche Typen triffst und warum dein Glück dann nur von kurzer Dauer ist. Um das greifbarer zu machen beschreibe ich dir jetzt ein besonders häufig zu beobachtendes Phänomen.

Bindungstrauma und Anziehung

Eine Frau, die unverarbeitete Bindungstraumata in sich trägt und in einem Elternhaus mit Machtgefälle groß geworden ist hat bei der Partnersuche oft den Eindruck, daß es nur 2 Typen von Männern gibt. Sie trifft jedenfalls immer nur auf diese beiden Typen:

Typ 1 zieht sie magisch an. Er ist attraktiv, wirkt durchsetzungsfähig, zielgerichtet und damit männlich genug, um sie zu erobern. Schnell stellt sich jedoch heraus, daß er dazu gezwungen ist seine verdrängten Ängste durch manipulatives Verhalten und Dominanz ihr gegenüber in Schach zu halten. Aus Bewunderung und Präsenz wird schnell Abwertung und Rückzug.

Typ2 ist ein verläßlicher Freund: liebevoll, aufmerksam, sensibel und konstant. Er ist super nett, aber so sehr ihr Verstand es sich wünscht, der Funken springt einfach nicht über. Dieser Typ Mann wirkt weniger maskulin. Er hat den Kontakt zu seiner Männlichkeit verloren, weil sie ihm frühzeitig abtrainiert wurde.

Es ist also nicht verwunderlich, daß Typ 1 von ihr wider jeder Logik  den Vorzug bekommt, obwohl er ausgeprägt narzisstische Züge zeigt, denn:

Anziehung lebt von der Spiegelung unserer Schatten und von Polarität. 

Ein emotional reifer Mann mit sicheren Bindungsmustern kommt in ihrem Leben (noch) nicht vor. Er fühlt sich zu Frauen hingezogen, die ihre Weiblichkeit lieben und frei von Angst und Bedürftigkeit in sich selbst ruhen. Frauen, die aufgrund ihrer verdrängten Ängste Kontrollzwängen unterliegen sind für ihn nicht interessant. Auch Frauen mit einer emanzipiert wirkenden Pseudo-Stärke, die sich direkt oder subtil in Verbitterung, Härte, Intolleranz und Arroganz allem Männlichen gegenüber äußert fallen durchs Raster.

Diese stark wirkenden Alleskönnerinnen werden in der Regel zum Magnet für Männer, die eine Mutterwunde in sich tragen. Sie haben auf irgendeine Weise einen Mangel an müttelicher Fürsorge erlebt und haben sich für die Gefühle der Mutter verantwortlich gefühlt. Das Fatale ist, daß sich der verdrängte verletzliche Aspekt der Powerfrau nach einem Mann sehnt, der ihr den Schutz und die Sicherheit bietet, die sie sich von ihrem Vater so sehnlichst gewünscht, aber nie bekommen hat. Solange ihr das nicht bewußt ist läuft sie Gefahr nach dem ersten Rausch starker Anziehung und Verliebtheit krasse Enttäuschungen zu erleben. Denn ihr ersehnter scheinbarer Retter wird sich als ein Mann entpuppen, der glaubt in ihr die Frau gefunden zu haben, die ihm endlich die uneingeschränkte Akzeptanz und Zuwendung entgegen bringt, die ihm seine Mutter, deren Liebe an Bedingungen geknüpft war verweigert hat. Er hat sich in den Schutz-Aspekt dieser Frau verliebt und ist nicht dazu bereit ihren unterdrückten Aspekt anzunehmen. Natürlich fühlen sich beide vom Gegenüber hinters Licht geführt. Aber es war kein vorsätzlicher Betrug:

Zwei abgespaltene Aspekte konnten in der Phase der Verliebtheit kurz das Ruder an sich reißen und wurden dann wieder ins Unterbewußte verdrängt.

Der liebe Kumpel-Typ dagegen glaubt oft lange Zeit, daß es an den Frauen liegt, die seinen Wert nicht sehen und auf Mistkerle stehen. Diese Sichtweise schützt ihn vor dem gewahr werden seiner Schatten. Auch ihm entgeht oft über Jahre die Lernaufgabe, die in seinen sich wiederholenden Beziehungserfahrungen steckt: Er ist aufgefordert sich seine unterdrückten männlichen Attribute der Stärke und Zielstrebigkeit zurückzuerobern.