Borderline Syndrom – was ist das?

Nach dem ICD (International Classification of Diseases) gehört das Borderline-Syndrom zu den emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen mit impulsivem Charakter. Es gilt als gesichert, daß frühkindliche traumatische Erfahrungen für die Entstehung verantwortlich sind. Über die Hälfte der Betroffenen berichtet von schwerwiegendem Mißbrauch, über 60% von emotionaler Vernachlässigung, fast alle aber über ein soziales Umfeld, in dem sie sich fremd, gedemütigt oder kontrolliert gefühlt haben. Persönlichkeitsstörungen werden in Cluster A / B und C unterteilt. Borderline gehört in die Cluster B – Gruppe, die durch ambivalentes emotional launenhaftes Verhalten und Nähe-Distanz-Probleme gekennzeichnet ist.

Für mich ist das Borderline Syndrom eine ausgeprägte Form von ängstlich vermeidendem Bindungsverhalten. Menschen mit dieser Problematik zeichnen sich durch eine starke Fragmentierung ihrer Persönlichkeit und einer “Unvereinbarkeit” der einzelnen Anteile gepaart mit sehr instabilen “Ich”-Grenzen aus. Das schwach ausgeprägte Selbst macht es unmöglich die verschiedenen Persönlichkeitsanteile gleichzeitig anzusteuern und zu erleben. Es gelingt also immer nur der Zugriff auf einen Anteil! Alle anderen sind in dem Moment gefühlt gar nicht existent!

Ursachen des Borderline Syndroms

Wenn ein Kind günstige Voraussetzungen im Elternhaus vorfindet, entwickelt es ein starkes “Ich”-Gefühl, einen stabilen Sinn für das, was es ist, was es braucht und was es möchte. Es lernt gut mit den eigenen Emotionen umzugehen und wird nicht von seinen Affekten beherrscht. Das Kind ist in der Lage sich selbst zu regulieren. Dieser gesunde Entwicklungsprozeß bleibt bei Menschen mit Borderline Tendenzen aufgrund der emotionalen Defizite der Bezugspersonen aus. Wenn ein Kind keine gesunde, ausgewogene Entwicklung durchläuft, bildet sich nur ein schwaches “Ich”-Bewußtsein aus. Ein solches Kind mußte sich selbst oft verlassen, um zu überleben. Botschaften, wie “Du bist böse.”, “Du bist schlecht!”, “Du bist ein Egoist.” usw. haben in ihm chronische Schamgefühle und ein tiefes Gefühl von Wertlosigkeit erzeugt. Die Angst, Liebe und Wohlwollen der Bezugspersonen zu verlieren, führt zur Ablehnung der schmerzliche Gefühle und Verunsicherung erzeugenden Anteile, was eine gesunde “Ich”-Entwicklung behindert.

Die Mechanismen des Borderline Syndroms

Jeder von uns ist “fragmentiert” und trägt verschiedene Persönlichkeitsanteile in sich, denn eine Anpassung an die Wünsche und Vorstellungen der Eltern ist bis zu einem gewissen Grad für jedes Kind notwendig. Die durch Abspaltung entstandenen inneren Anteile haben dann verschiedene Stärken, Schwächen, Aufgaben und Kompetenzen. Je mehr Anteile jedoch in uns sind, die sich quasi “nicht kennen”, die sich gegenseitig ablehnen und sich im Kampf miteinander befinden, desto schwieriger gestaltet sich unser Leben und insbesondere die Beziehung zu anderen Menschen. Es herrscht ein innerer Krieg. Manche Anteile werden aufgrund traumatischer Erfahrungen komplett ins Unterbewußte verdrängt. Ein Kind wird immer alles tun, um sich die Liebe der Eltern zu sichern. Das ist kein Problem solange ein stabiles “Ich” als Steuer-Instanz und Vermittler zwischen den einzelnen Anteilen vorhanden ist. Dann kann ein Mensch dennoch – der jeweiligen Situation entsprechend – sinnvolle Entscheidungen treffen. Die Fragmentierung selbst ist also nicht das Problem, sondern die Unfähigkeit diese Anteile miteinander zu vereinen! Dann wird eine sichere Entscheidungsfindung unmöglich. Als Folge dessen  entsteht ein ambivalentes und scheinbar zielloses Verhalten.

Einem Menschen mit Borderline Tendenzen gelingt immer nur der Zugriff auf EINEN Anteil seiner Persönlichkeit! Durch kleinste Reize im Außen (Trigger) wird er von einem Persönlichkeitsanteil in den nächsten katapultiert. So entsteht diese Sprunghaftigkeit im Verhalten und Befinden. Es kommt zur kompletten Identifikation mit diesem Fragment. Im Gegensatz dazu fühlen Menschen mit einem stabilen “Ich” bis zu einem gewissen Grad immer das Zusammenspiel der einzelnen Anteile, was sie stabiler und kontinuierlicher in ihrem Empfinden und in ihrem ganzen Sein macht. Menschen mit instabilem “Ich” haben in schmerzhaften Situationen keinen Zugriff auf ausgleichend wirkende vergangene positive Erfahrungen. Sie sind gefühlt nicht existent und nie da gewesen! Das verursacht die Vehemenz der negativen Gefühle. Man erlebt sie ungefiltert und unrelativiert. Um die Anspannung zu lindern neigen sie zu Selbstverletzung, Süchten und hochriskanten Hobbies. Umgekehrt verblaßt aber auch bei Glücksgefühlen alles negative! Es gibt nur schwarz oder weiß – alles oder nichts.

D.h.: Bei Menschen mit guter “Ich”-Struktur werden die Persönlichkeitanteile auf gewisse Weise zusammen gehalten. Wenn das “Ich” eines Menschen jedoch nicht ausreifen konnte, dann ist dieser Mensch komplett ungeschützt, wenn bedürftige Anteile die Oberhand gewinnen, weil dann der Zugriff auf schützende Anteile fehlt! Das erzeugt diese starke Angst davor, sich verletzlich zu zeigen. Entwickelt dieser Mensch z.B. ein Gefühl von Wut, dann hat das eine entsprechende Vehemenz! Aufgrund der Heftigkeit des Gefühls setzt oft der unterbewußte Kontrollmechanismus der Abspaltung von diesem Gefühl ein: Es entsteht Leere. Nach außen wirkt er dann nur noch kalt oder abweisend.

Unterbewußte Prozesse laufen schneller ab als bewußte. Aber das “Ich”, unsere Steuerungs-Instanz, kontrolliert normalerweise diese unterbewußten Abläufe. Insbesondere in stressigen Situationen funktioniert das bei schwach entwickeltem “Ich” einfach nicht! Es kommt zu Kurzschlußreaktionen, weil das momentane Empfinden nicht in den Kontext mit dem bisher erlebten gebracht werden kann.

Borderline Syndrom und Verliebtheit

Ein Mensch mit dieser Persönlichkeitsstruktur identifiziert sich in der Verliebtheit komplett mit dem Gegenüber. Das geht nur aufgrund seiner instabilen “Ich”-Grenzen. Er fühlt dann genau das, was sein Gegenüber fühlt und auch das, was beim Gegenüber unterdrückt ist. Er spiegelt die Gefühle, Sehnsüchte und Hoffnungen des anderen in Reinform! Das ist seine unterbewußte Art in Kontakt zu treten und das erzeugt ein außerordentlich starkes Gefühl von Verbindung auf tiefster Ebene: Der potenzielle Partner kommt dadurch in die Assoziation mit seinen eigenen verdrängten Emotionen. Das Gefühl noch nie so tief gefühlt zu haben entsteht! Das “Ich” des Partners wird in dieser Phase der Verschmelzung ebenso lahm gelegt.

Beide Partner identifizieren sich jetzt mit dem bedürftigen Anteil ihrer Persönlichkeit, der in der Tiefe verborgen war. Es entsteht das Gefühl endlich “ganz und angekommen” zu sein. Aber ACHTUNG! Dieses Gefühl kann nur bei Aufgabe der eigenen “Ich”- Grenzen entstehen. Genau dieses Phänomen ist es, was die Faszination und Besonderheit solcher Verbindungen ausmacht. Dieser symbiotische Zustand kann jedoch nicht von Dauer sein:

Das schwache “Ich” bringt zwangsläufig viel Unsicherheit und Instabilität mit sich. Die Ängste kommen bald wieder an die Oberfläche, sodaß dieser Mensch durch einen Außenreiz plötzlich wieder in einen anderen Anteil fällt. Er identifiziert sich mit dem anderen “Ich”-Fragment und mit dessen völlig anderer Gefühlswelt und Perspektive. Was in diesem Moment passiert kann er seinem Partner unmöglich mitteilen, denn alle anderen Fragmente werden zeitgleich wieder total ausgeblendet (abgespalten). Er kann sich auf der emotionalen Ebene nicht daran erinnern, daß er jemals anders gefühlt hat! Ein Partner reagiert darauf entsprechend ratlos und verwirrt. Er ist mit der Situation völlig überfordert. Da scheint plötzlich ein anderer Mensch vor ihm zu stehen und er bekommt keinerlei Erklärungen dafür. Es ist wichtig zu wissen, daß das Ganze keine bewußte Entscheidung ist, sondern ein unwillkürlicher Prozeß.

Intime Beziehungen von Betroffenen sind instabil aber sehr intensiv. Je intimer die Beziehung und je wichtiger der andere Mensch, desto vehementer die Angst und desto heftiger die Zurückweisungen.

Borderline Syndrom und Therapie-Möglichkeiten

Sie erfordert Geduld, Mut und die Fähigkeit Rückschläge in Kauf zu nehmen. Gelingen kann sie nur, wenn der Betroffene wirklich motiviert ist und beginnt sich selbst zu reflektieren. Letztlich muß die Therapie eine Stabilisierung des schwachen “Selbst” und die Re-Integration und Versöhnung der abgespaltenen Anteile zum Ziel haben.  Die Ansätze sind vielfältig und reichen von klassischer Psychoanalyse über Verhaltenstherapie bis hin zur Schematherapie. Die Entwicklung der Fähigkeit sich sicher zu binden ist Grundlage, denn letztlich haben wir es beim Borderline-Syndrom mit einem – wenn auch extrem starken – ängstlich vermeidenden Bindungs-Verhalten zu tun.

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