Co-abhängige Verhaltensweisen und Verstrickungsmuster gehen miteinander Hand in Hand. Besonders ausgeprägt sind sie beim ängstlich vermeidenden und ängstlich überinvolvierten Bindungstyp.

Was bedeutet Verstrickung?

Als Verstrickung bezeichnet man eine ungesunde emotionale Abhängigkeit von anderen Menschen. Sie entsteht durch fehlende oder mangelhafte Grenzsetzung für sich selbst (z.B. in einer Paarbeziehung oder in einem Familienverband). Verstrickung führt immer zum Verlust oder zumindest zur Einschränkung der Selbstidentität. Und ohne ein klares Selbstgefühl können wir keine glücklichen Beziehungen führen.

Was ist Co-Abhängigkeit?

Ein Mensch zeigt co-abhängiges Verhalten, wenn er einem Partner Liebe, Respekt und Fürsorge unbewußt aus eigennützigen Beweggründen entgegen bringt. Sein Verhalten entspringt einem im Innersten empfundenen Mangel, dem Glaube nicht zu genügen. Dieser unbewusste Glaube treibt ihn dazu zu geben, um etwas zu bekommen. Aufgrund seines tiefen pathologischen Gefühls von Einsamkeit ist er nicht dazu in der Lage, eine Beziehung, in der er so behandelt wird, wie er sich unbewusst selbst sieht, zu beenden. Es fühlt sich vertraut und richtig an, um Liebe kämpfen zu müssen.

Der Ursprung von Co-Abhängigkeit und Verstrickung

Co-Abhängigkeit und Verstrickung haben ihren Ursprung in den ersten Lebensjahren eines Menschen. In seiner Herkunftsfamilie gab es einen emotionalen Manipulator. Das heisst, es gab zumindest einen Elternteil, der das Kind zur emotionalen Stabilisierung und Befriedigung eigener Bedürfnisse benutzt hat. Dieser Erwachsene sah sein Kind als Verlängerung von sich selbst. Dieses Kind wurde nicht bedingungslos geliebt. Es hatte gewisse oft unausgesprochene Erwartungen zu erfüllen. Liebe und Anerkennung bekam das Kind, wenn es den Erwartungen gerecht wurde. Es musste lernen sich anzupassen, um keine negativen Gefühle bei diesem Erwachsenen auszulösen. So wurde das Weltbild des Kindes, dass wir Liebe nur dann bekommen, wenn wir andere Menschen glücklich machen, geboren. Menschen mit dieser Prägung werden Experten im Lesen der Bedürfnisse anderer. Der Preis ist zwangsläufig die Unterdrückung der eigenen Wünsche und Sehnsüchte. Sie werden zu reflexartigen Aufopferern für andere Menschen. Wenn andere Bedingungen an ihre Zuneigung knüpfen ist das für sie normal. Sie gehen oft so weit, Menschen, die sich missbräuchlich verhalten zu verteidigen und zu beschützen, um ihrer Angst vor dem verlassen zu werden nicht ins Auge sehen zu müssen. Vernachlässigung wird mit Liebe verwechselt. Abweisendes Verhalten wird gerechtfertigt, indem sie die Bedeutung von Werten, wie Loyalität und Hingabe verzerren.

Wenn ein Kleinkind in der Familie Verstrickungsmustern ausgesetzt ist, dann ist das traumatisierend, weil es unter diesen Umständen seine Emotionen nicht offen ausdrücken, geschweige denn gesund verarbeiten kann. Besonders dramatische Auswirkungen haben Situationen, in denen das Kind erlebt, dass es dem Elternteil, der diese Verstrickungsmuster lebt durch die Anpassung seines Verhaltens keine Erleichterung bringen kann, weil es emotional von ihm abhängig ist.

Wenn Eltern ihr Kind unbewusst als emotionale und/oder physische Stütze benutzen und ihm unausgesprochen und subtil suggerieren, dass es bestimmte Erwartungen zu erfüllen hat und für die Gefühle der Erwachsenen Verantwortung trägt, dann wird damit die Grundlage für den Glaubenssatz: „Ich bin verantwortlich für deine Gefühle so wie du für meine verantwortlich bist.“ gelegt. Jede Form von Verstrickung basiert auf dieser inneren Überzeugung durch kindliche Erfahrungen mit engen Bezugspersonen. Der Glaubenssatz  hat – wenn ungelöst – negative Auswirkungen auf die Beziehungen, die das Kind später als Erwachsener eingehen wird.

Verstrickungsmuster sind typisch für Familien mit einem narzisstischen, einem depressiven, einem emotional nicht erreichbaren und/oder einem co-abhängigen Elternteil.

Kombinationen sind dabei die Regel. In solchen Familienverbänden sind Kinder Schuld- und Schamgefühlen ausgeliefert, wenn sie dem Massstab der Erwartungen der Eltern nicht gerecht werden. Diese Kinder glauben der Verursacher des Schmerzes der Eltern zu sein. Oft neigen Eltern mit diesen Persönlichkeitsmerkmalen dazu, Fehlverhalten mit emotionalem Rückzug zu bestrafen.

Auf diese Weise lernt ein Mensch, dass passiv aggressives Verhalten eine normale und akzeptable Form der Kommunikation ist.

Verstrickung ist ein weit verbreitetes Phänomen. Viele Leser sind selbst in verstrickten Familienverbänden aufgewachsen. Deshalb kann es sein, dass sich beim Lesen Widerstand regt. Es wird sich die Überzeugung, für die Gefühle anderer verantwortlich zu sein, melden. Realität ist, dass wir lediglich Dinge tun oder sagen können, die Glaubensmuster oder Programme unseres Gegenübers aktivieren (triggern). Was wir sagen oder tun ist oft ein Katalysator für heftige Reaktionen, die aber nur durch die Art der Interpretation des gerade Geschehenen entstehen. Willentlich können wir die Gefühle eines anderen Menschen nicht durch unser Handeln beeinflussen.

Der Glaube emotional von anderen Menschen abhängig zu sein und umgekehrt muss zu Gefühlen wie Hilflosigkeit, Schuld, Scham, Enge und Überforderung führen. Der Glaubenssatz der gegenseitigen Verantwortlichkeit hindert uns nämlich daran, gesunde Grenzen zu setzen. Unsere Grenzen verwischen sich dadurch mit denen des Gegenübers. Beispiele zum Verständnis:

Beispiel1: Eine alkoholkranke Mutter ist im Entzug. Das Kind kommt nach Hause und tut etwas, was die Mutter verärgert. Sie beginnt wieder zu trinken und macht dem Kind am nächsten Tag Vorwürfe. Das Kind fühlt sich verantwortlich und entwickelt Schuldgefühle. Es ist der Situation hilflos ausgeliefert. Realistisch betrachtet wird von ihm etwas Unmögliches verlangt, nämlich Perfektion. Solche Verhaltensmuster (Projektion eigener Schwächen auf das Kind) führen in einen tiefen Morast ungesunder Verwicklungen.

Beispiel2: Eine depressive Mutter ist sehr Angst besetzt und angespannt. Sie zeigt auf die Handlung ihres Kindes oft eine den Situationen unangepasst heftige Reaktion, weil das Verhalten des Kindes ihre eigenen Wunden triggert. Sie schreit das Kind an und zählt dabei Folgen der Handlung des Kindes auf. Das können Aussagen, wie „Ich werde wieder nicht schlafen können.” oder ” Ich verliere schon meine Haare. Du machst mich krank.“ sein.

Der unbewusste Glaubenssatz „Ich bin für deine Gefühle verantwortlich und du für meine.“ ist immer noch in vielen Menschen aktiv. Deshalb erzeugt es auch bei manchem Leser Gedanken, wie: „Aber es ist doch wahr – wenn ich etwas Falsches tue oder sage, dann kann ich damit jemanden verletzen.“

Wenn wir das Ganze weit genug herunter brechen erkennen wir jedoch folgendes:

Wir verletzen lediglich die Erwartungen und Glaubensmuster des Gegenübers, wie die Dinge für ihn sein sollten.

Wir bemühen uns, liebevoll und achtsam mit anderen Menschen umzugehen und ihre Grenzen zu respektieren. Das ist gesund und richtig. Ungesund wird es dann, wenn wir den Anspruch entwickeln, im Umgang mit anderen absolut keine negativen Empfindungen auszulösen. Dann streben wir nach etwas unmöglichem. Wenn wir potenziell negative Emotionen auslösende Situationen vermeiden, dann müssen wir unsere eigenen Intentionen, Gefühle und Bedürfnisse aufgeben. Dann leben wir dysfunktionale Verstrickungsmuster aus und ebnen damit den Boden für inneren Groll und Entfremdung – von uns selbst und anderen.

Die Erkenntnis, dass unsere Gefühle und deren Verarbeitung in erster Linie in unserer Verantwortung liegen ist wichtig.

Eine einfache Illustration dazu:

Wenn ein anderer Mensch behauptet, dass wir ein grünes Monster sind, schenken der Aussage keine Bedeutung. Wir lachen vielleicht darüber, aber die Behauptung erzeugt in uns keine negativen Gefühle. Wir wissen, dass sie nicht der Wahrheit entspricht. Wenn wir aber in der Kindheit aufgrund eines körperlichen Merkmals gehänselt wurden und ein Mensch sagt zu uns: „Oh, du siehst heute aber schlecht aus.“, dann könnte das in uns eine heftige Reaktion auslösen, weil damit eine alte Wunde berührt wurde. Tragen wir Gefühle des Mangels und nicht genug seins in uns, dann löst das Verhalten anderer Menschen in Situationen, die uns unbewusst daran erinnern, starke der aktuellen Situation unangemessene Gefühle aus. Die schlummernde Verletzung wurde aktiviert. Wenn wir äussere Umstände für unsere Emotionen verantwortlich machen, dann bringen wir uns in die Position des machtlosen Opfers. Das entspricht nicht der Realität. Wir haben die Wahl, wie wir auf Situationen im Aussen reagieren, wenn wir die Zusammenhänge erkennen und Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen.

Wenn wir andere für unsere Gefühle verantwortlich machen und von ihnen erwarten, dass sie unsere unausgesprochenen Bedürfnisse erfüllen, geben wir die Macht darüber, wie wir uns fühlen  an andere Menschen ab. Es ist Zeichen unserer eigenen übernommenen Verstrickungsmuster. Daraus resultieren unfaire, schädliche Interaktionen, wie passive Aggression, Schuldzuweisungen, Sarkasmus oder emotionaler Rückzug. Wir neigen dann auch dazu, aus den Verhaltensweisen anderer im Stillen irreale Schlussfolgerungen zu ziehen.

Wenn wir uns mit anderen verbunden fühlen wollen, dann ist Transparenz wichtig. Wir müssen dazu in der Lage sein unsere Bedürfnisse klar zu kommunizieren, ohne davon abhängig zu sein, dass das Gegenüber sie erfüllt.

Typische Merkmale von Co-Abhängigkeit und Verstrickung

Gefallen wollen / Verlust der Selbstidentität / Schlechter Selbstwert / Bedürfnis gebraucht zu werden / innerer Groll / unbewusste Erwartungen / Angst andere zu enttäuschen / Schamgefühle / Furcht vor Ablehnung / Ängste / Depressionen / Ausgelaugt sein / unausgesprochene Annahmen

Was tun bei Co-Abhängigkeit und Verstrickung?

Entwickle ein gutes Selbstgefühl. Gesunde Morgenrituale und Gewohnheiten plus Fragen zur Selbstverbindung stellen: Was brauche ich gerade, um mich gut zu fühlen? Was fühle ich in diesem Moment? Wie kann ich am besten mit diesen Gefühlen umgehen? Was sind meine Interessen? Wie kann ich sie pflegen? (Pläne/Umsetzung)

Beachte die 6menschlichen Grundbedürfnisse. Bringe sie für dich in eine Hierarchie (Liebe und Verbindung, Sicherheit, Abwechslung, Bedeutung, Wachstum, einen Beitrag für andere leisten). Schreibe hinter jedes dieser Bedürfnisse 3Wege, wie du sie dir erfüllen kannst.

(Meine Beobachtung: Bei allen unsicheren Bindungstypen steht das Grundbedürfnis  nach Anerkennung/Bedeutung in der Hierarchie weit vorn. Das liegt in ihrem inneren, teils unbewussten Gefühl des “nicht gut genug” seins begründet)

Frage dich im Tagesverlauf ab und zu, wie du dich fühlst und notiere das. Beginne mit Basis-Emotionen (fröhlich, traurig, angespannt, ängstlich etc). Was brauche ich, um mich besser zu fühlen? Setze es um.

Finde heraus in welchen der 7Lebensbereiche Defizite bestehen. Gehe durch die 7Lebensbereiche (Beruf, Finanzen, Beziehungen, Emotionalität, Intellekt, Körperliche Gesundheit, Spiritualität). Wo gibt es sie? Warum? Wie kann ich das ändern?

Ein Geben aus dem Mangel heraus hat toxische Auswirkungen auf unsere Beziehungen. Wenn wir Verstrickungsmuster an uns erkennen geht es zuerst darum, uns selbst wieder zu finden. Wir müssen lernen, uns nicht mehr mit den alten Glaubens- und Gedankenmustern zu identifizieren. Das wird nicht nur in unseren intimen Beziehungen, sondern in allen Lebensbereichen erstaunliche Veränderungen bewirken.