Das Gefühl von Schuld

Menschen mit unsicherem Bindungsverhalten tun alles dafür, um ihre chronischen Schuldgefühle nicht spüren zu müssen. Sie tun das auf zwei verschiedene Arten:

Das Gefühl von Schuld / Vermeidung

Je stärker ihr ängstlicher Anteil ist desto mehr neigen sie dazu das Wort NEIN im sozialen Kontext und ganz besonders in ihren intimen Beziehungen zu vermeiden. Je vermeidender ihre Gefühls- Denk- und Verhaltensmuster sind desto mehr greifen sie zur radikalen Verdrängung von Schuldgefühlen.

Das heißt ganz egal was ihnen im Leben widerfährt, sie blenden ihre Eigenanteile konsequent aus und nehmen so (ihre) Schuld gar nicht wahr.

Beide Herangehensweisen sind fatal.

Die Erste bringt co-abhängiges Verhalten mit all seinen zerstörerischen Konsequenzen hervor. Die chronische Verleugnung von Bedürfnissen ist langfristig ein sicherer Weg in die Krankheit.

Erste Anzeichen sind oft Störungen des Befindens durch Kopf- oder Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Müdigkeit, Gefühle von Überforderung und häufige Infekte. Wenn sie nicht ursächlich und nur auf konventionelle Art behandelt werden entwickeln Betroffene nach Jahren oft chronische Erkrankungen oder Depressionen.

Laut Dr. Gabor Mate gibt es ein paar Merkmale, die besonders anfällig für schwere Pathologien machen:
1) Die zwanghafte Sorge um die emotionalen Bedürfnisse anderer Menschen
2) Die Identifikation mit Pflichten, Rollen und Verantwortungen unter Missachtung eigener Bedürfnisse
3) Die Unterdrückung gesunder Aggression und Grenzsetzung, um sich dem Umfeld perfekt anzupassen
4) Der Glaube für die Gefühle anderer Menschen verantwortlich zu sein und sie nicht enttäuschen zu dürfen

Die zweite Form der Vermeidung von chronischen Schuldgefühlen ist ein typisches Begleitsymptom narzisstischer und soziopathischer Beziehungsstrategien. Sie schützt oft lange Zeit effektiv vor der unangenehmen Realisierung persönlicher Anteile an ungelösten Konflikten. Durch die Weigerung eigene emotionale Defizite zu sehen bleibt Menschen, die diesen Weg eingeschlagen haben auch das Gefühl der Verantwortlichkeit erspart.

Die Verdrängung von Gefühlen hat aber ihren Preis. Sie bringt eine tiefe pathologische Einsamkeit mit sich, die mit Hilfe des “Konsums” von Menschen und Dingen gedämpft werden will. Im Laufe der Jahre funktioniert das oft nicht mehr so recht. Dann steuern auch Menschen mit diesem Schuldvermeidungsmuster in die körperliche Chronizität.

Das Gefühl von Schuld / naiver Freund

Der einzige Weg aus dem Dilemma beginnt mit dem Verständnis, was Schuld eigentlich ist und wo sie ihren Ursprung hat.

Ein Kind kann die Verbindung zu seinen Eltern nicht aufs Spiel setzen. Es muss mit ihren Erwartungen konform gehen. Wenn seine Wünsche von den elterlichen abweichen und es gegen ihre Vorstellungen aufbegehren will, dann sagt ihm ein Schutzmechanismus im Gehirn: “Tu das lieber nicht.”

Diesen Mechanismus nennen wir Schuld. Sie ist ursprünglich eine Art Freund des Kindes, der ihm über die Schulter schaut oder auf die Finger klopft, um es vor Gefahr zu schützen. Dieser Freund (das Schuldgefühl) hilft dem Kind die Zuwendung und Bindung zu den Eltern nicht aufs Spiel zu setzen und zu überleben.

Schuld ist also ursprünglich kein Feind. Später wird sie aber oft zu einem naiven Freund ohne Wachstumspotenzial.

Diese Form von Schuld hat nichts dazu gelernt. Ihr ist nicht klar, dass das Kind jetzt erwachsen ist und sich nicht mehr in einer Abhängigkeit befindet. Die chronische Form von Schuld gibt dem inzwischen erwachsenen Kind immer wieder den selben Rat. Er lautet: “Wenn du nein sagst bist du ein schlechter Mensch.”

Das Gefühl von Schuld verabschieden

Nimm deine Schuldgefühle wahr, begrüsse sie und nimm sie zunächst einmal an. Dann kannst du erforschen, ob sie als naiver Freund kommen oder ob sie da sind, weil du deine eigenen Werte verletzt hast.

Wenn du in den Schuldgefühlen deinen alten naiven Freund erkennst, der sich meldet, weil du gerade deine Grenzen gewahrt und zu etwas NEIN gesagt hast, dann kannst du dich freuen. Offenbar hast du dich gerade nicht selbst im Stich gelassen.

Vielleicht warst du zum allerersten mal tatsächlich für dich selbst da. Du könntest deinem naiven Freund z.B. sagen: “Danke Kumpel, dass du mich geschützt und mir in der Kindheit das Leben gerettet hast. Aber weisst du was, ich brauche deinen Rat nicht mehr. Ich hab dich gehört, aber ich folge dir nicht mehr. Ich treffe jetzt meine eigenen Entscheidungen.”

Wenn dagegen die erwachsene Form von Schuld in dir aufkommt, dann bringt sie dir eine wertvolle Botschaft. Sie zeigt sich, wenn dir bewusst wird, dass du in einer Situation deine eigenen Werte missachtet hast.

Sie kannst du als Richtschnur benutzen, so wie du es bei einem Fehler tun würdest. Sie ist eine Art Wegweiser, mit deren Hilfe du dir selbst treu bleibst, gleichzeitig aber auch anderen Menschen Wertschätzung entgegenbringst.

Mehr über die Hintergründe co-abhängiger und narzisstischer Persönlichkeitsstrukturen:

www.katikoerner.de/co-abhaengigkeit-und-manipulation

www.katikoerner.de/narzissmus-typen

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