Das Gefühl von Schuld

Menschen mit unsicherem Bindungsverhalten neigen dazu alles dafür zu tun, um ihre Schuldgefühle nicht spüren zu müssen. Sie tun das auf zwei verschiedene Arten:

Vermeidung von Schuld

Je stärker ihr ängstlicher Anteil ist desto mehr neigen sie dazu das Wort NEIN im sozialen Kontext und ganz besonders in ihren intimen Beziehungen zu vermeiden, um sich nicht schuldig zu fühlen. Je vermeidender ihre Gefühls- Denk- und Verhaltensmuster sind desto wahrscheinlicher greifen sie zur radikalen Verdrängung von Schuldgefühlen. Ganz egal was ihnen im Leben widerfährt, sie blenden Eigenanteile aus und nehmen so (ihre) Schuld nicht wahr.

Beide Herangehensweisen sind fatal.

Die Erste gebiert co-abhängiges Verhalten. Die Verleugnung von Bedürfnissen ist der sicherste Weg in die Krankheit. Erste Anzeichen sind wiederholte phasenweise Störungen des Befindens durch Kopf- oder Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Müdigkeit, Gefühle von Überforderung oder häufige Infekte. Wenn sie nicht ursächlich, sondern auf konventionelle obeflächliche Art behandelt werden entwickeln Betroffene nach Jahren oft eine chronische Pathologie oder Depression. Die zweite Form ist ein typisches Merkmal narzisstischer und soziopathischer Persönlichkeitsstrukturen. Diese Art der Schuldvermeidung schützt oft über Jahrzehnte vor der Wahrnehmung eigener Anteile an Konflikten und der Wahrnehmung eigener emotionaler Defizite. Sie zieht jedoch eine tiefe pathologische Einsamkeit nach sich, die mit Hilfe des Konsums von Dingen gedämpft wird, was irgendwann nicht mehr funktioniert. Dann steuern auch Menschen mit diesem Schuldvermeidungsmuster in die körperliche Chronizität.

Schuld als naiver Freund

Der einzige Weg aus dem Dilemma führt über die Erkenntnis dessen, was Schuld eigentlich ist und wo sie ihren Ursprung hat. Ein Kind kann die Verbindung zu seinen Eltern nicht aufs Spiel setzen. Es hat keine Wahl und muss mit ihren Erwartungen konform gehen. Wenn sein inneres Begehren mit den Wünschen der Eltern in Konflikt gerät sagt ihm ein Mechanismus im Gehirn: „Tu das lieber nicht.“ Diesen Mechanismus nennen wir Schuld. Schuld ist genau genommen eine Art Freund des Kindes, der ihm über die Schulter schaut oder auf die Finger klopft. Dieser Freund (das Schuldgefühl) hilft dem Kind die Zuwendung und Bindung zu den Eltern abzusichern und zu überleben.

Schuld ist ursprünglich kein Feind. Sie kann aber zum naiven Freund ohne Wachstumspotenzial werden.

Diese Form von Schuld hat nicht dazu gelernt. Sie versteht nicht, dass das Kind jetzt erwachsen ist und sich nicht mehr in einer Abhängigkeit befindet. Sie gibt dem inzwischen erwachsenen Kind immer wieder den selben Rat, der lautet: „Wenn du nein sagst bist du ein schlechter Mensch.“

Gesunder Umgang mit Schuld

Wenn wir Schuldgefühle wahrnehmen, sollten wir sie begrüssen und annehmen. Dann können wir erforschen, ob sie als naiver Freund kommen oder ob sie gerade da sind, weil wir unsere eigenen Werte verletzt haben.

Erkennen wir in den Schuldgefühlen unseren alten naiven Freund, der sich meldet, weil wir unsere Grenzen gewahrt und zu etwas NEIN gesagt haben, dann sollten wir uns freuen. Offenbar haben wir uns gerade nicht selbst im Stich gelassen. Vielleicht waren wir zum allerersten mal tatsächlich für uns selbst da. Wir könnten unserem naiven Freund z.B. sagen: „Danke Kumpel, dass du mich geschützt und mir in der Kindheit das Leben gerettet hast. Aber weisst du was, ich brauche deinen Rat nicht mehr. Ich hab dich gehört, aber ich folge dir nicht mehr. Ich treffe jetzt meine eigenen Entscheidungen.“

Kommt die erwachsene Form von Schuld in uns auf, dann bringt sie uns eine wertvolle Botschaft. Sie zeigt sich, wenn uns bewusst wird, dass wir in einer Situation die eigenen Werte missachtet haben. Wir können sie als Richtschnur benutzen, so wie wir es bei einem Fehler tun würden. Sie ist eine Art Wegweiser, mit deren Hilfe wir uns selbst treu bleiben, aber auch anderen Menschen die gleiche Wertschätzung entgegenbringen.

Mehr über die Hintergründe co-abhängiger und narzisstischer Persönlichkeitsstrukturen:

www.katikoerner.de/co-abhaengigkeit-und-manipulation

www.katikoerner.de/narzissmus-typen