Toxische Menschen gibt es nur in der Dynamik einer Beziehung

Einer der Gründe, warum wir die Bezeichnung des “toxischen Menschen” aus unserem Sprachgebrauch verbannen sollten, ist der, dass die Toxizität (Schädlichkeit) in der Wechselwirkung und des miteinander Interagierens zweier Menschen entsteht. Mit diesem Beitrag möchte ich Licht auf harsche Vorurteile werfen. Die Frage, ob sich Menschen mit unsicherem Bindungsverhalten denn überhaupt ändern können, wird mir sehr oft gestellt. Auf vielen Internetportalen wird propagiert, dass es sich um nicht therapierbare Menschen handelt, die ihren Partnern Schmerz und chronisches Leid zufügen. Also sollte man ihnen möglichst einfach aus dem Wege gehen. Es herrscht vielerorts eine ausgeprägte Täter-Opfer-Mentalität. Generalisierte Aussagen, wie “Narzissten können sich niemals ändern.”, “Abweisende Vermeider sind kalt.”, “Ängstliche Vermeider sind ambivalent.” oder “Ängstlich überinvolvierte Menschen respektieren keine Grenzen.” findet man unter den Kommentaren zum Thema. Das ist etwas, was mich traurig stimmt. Der Satz “Der, der das Böse hasst erschafft noch mehr davon.” entspricht aus meiner Erfahrung der Wahrheit.

Die unterschiedlichen Bindungs-Stile bringen gewisse Verhaltensmuster, die wir immer wieder beobachten können, mit sich. Ich möchte versuchen zu erläutern, wie wir unsere Wahrnehmung dessen verändern können, um Teufelskreise zu durchbrechen und handlungsfähig zu bleiben.

Das Vorurteil toxischer Mensch – Ursache und Wirkung

Wenn wir chronische Wut in uns tragen, Frust über etwas oder jemanden entwickeln, Menschen verurteilen, demonisieren und Angst verbreiten schaden wir uns in erster Linie selbst. Was wir nach aussen tragen passiert zuerst einmal in uns. Das ist nicht nur aus philosophischer Sicht so, sondern ganz besonders auch im Hinblick auf neurochemische körperliche Reaktionen, die Emotionen in uns auslösen. Zusätzlich verstärken wir mit diesen, mit der Ablehnung einhergehenden Gefühlen, unsere unterbewussten negativen Programme. Eine der schmerzhaftesten Erfahrungen, die der Mensch macht, ist das Gefühl von Trennung. Wenn wir Distanz zwischen uns und unserem Gegenüber durch Verurteilung, Ablehnung und Beschuldigung herstellen, dann erschaffen wir uns im Geist ein Feindbild. Unser Verstand fühlt sich dadurch regelrecht angegriffen. Das erzeugt in uns zwangsläufig den Impuls des Gegenangriffs und der Verteidigung.

Wir fühlen uns von Menschen be- oder verurteilt, solange wir unsere Kindheitsverletzungen nicht geheilt und abgelehnte Anteile nicht integriert haben. Wir nehmen die Dinge persönlich. Aussagen und Handlungen anderer Menschen lösen in uns verschiedenste in der Vergangenheit abgespeicherte Assoziationen aus, wie z.B. “Ich bin nicht gut genug.” oder “Ich bin schlecht.”. Unterbewusst sehen wir darin den Grund für das Verhalten des Gegenübers. Was wir nicht realisieren ist, dass dieser Mensch sein Verhalten aufgrund eigener Ängste zeigt, um einen Puffer zwischen sich selbst und der Realität zu erschaffen und sich dadurch sicherer zu fühlen. Wir geben der Sache eine andere (unsere individuelle) Bedeutung und fühlen uns wertlos oder kritisiert. Der Verstand attackiert sich in diesen Momenten selbst und der Glaube, dass wir angegriffen werden erzeugt in uns den Drang zur Verteidigung. Und schon haben wir sowohl ein Feindbild, als auch Trennung und Angst erzeugt. Dieser Teufelskreis hält uns gefangen. Durchbrechen können wir ihn nur, indem wir beginnen Verständnis für das Gegenüber und seine wahren Beweggründe zu entwickeln. Wir müssen die Geschichte, die wir uns selbst erzählen, entlarven und nach den Absichten hinter der Tat des anderen Menschen suchen.

Toxische Menschen – die Personalisierung ungesunder Verhaltensweisen

Mitgefühl entsteht im bewussten Bemühen, unser Gegenüber im Innersten zu verstehen. Es befreit uns vom Bedürfnis, uns verteidigen zu müssen. Wir sollten unser Gegenüber genau beobachten und uns fragen: “Was passiert gerade in diesem Menschen? Was erzeugt in ihm den Wunsch zu verurteilen?”

Achtung!!  Manche Menschen mit unsicherem Bindungsverhalten haben genau hier ihre Ur-Wunde: Sie fürchten sich davor andere Menschen in der Tiefe wahrzunehmen, offen zu sein und Mitgefühl zu entwickeln. Der Grund dafür ist in der Regel, dass sie sich selbst misstrauen, wenn es um eine adequate Grenzsetzung geht. Sie haben das Gefühl, die Taten anderer persönlich nehmen zu müssen, um für sich selbst Sicherheit zu erlangen! Dieser Problematik kann man über Schattenarbeit und über die Arbeit mit dem inneren Kind auf den Grund gehen, um sie aufzulösen.

Nelson Mandela sagte: “Groll hegen ist wie Gift trinken in der Hoffnung, dass der andere daran stirbt.”

Menschen bauen Widerstand und Groll auf, weil sie Angst davor haben, was passieren könnte, wenn sie ihn loslassen. Sie verbinden es mit Schwäche oder glauben damit destruktive Verhaltensweisen gut zu heissen. Aber wenn wir Wut und Groll loslassen, dann macht es das Verhalten anderer nicht automatisch okay. Wir entziehen diesen Dingen auf diese Weise lediglich unsere emotionale Energie! Wenn wir z.B. aufgrund der emotionalen Distanziertheit unseres Partners regelmäßig das Gefühl entwickeln, dass wir nicht gut genug sind und sein Verhalten aus unserer Unvollkommenheit resultiert, dann halten wir eine destruktive Dynamik aufrecht. Jedes mal, wenn diese Gefühle der Minderwertigkeit in uns getriggert werden, wird die alte unterbewusste Speicherung wieder bedient und gefestigt. Wir bauen damit genau diese zerstörerischen Schaltkreise weiter aus. Das Ganze wird immer mehr zum Filter, durch den wir unsere Umgebung wahrnehmen. Wir werden wieder und wieder diese Art Mensch in unser Leben ziehen. Als Resultat dessen erzeugen wir quasi “im Autopilot” auch zukünftig unser eigenes Leid. Es liegt daran, dass wir das Programm unterbewusst füttern und pflegen. Die Masse der Menschen weiss leider (noch) nicht um diese Prozesse. Erst Bewusstwerdung versetzt uns in die Lage, aus der verhängnissvollen Situation einen Ausweg zu finden. Ohne sie projezieren wir weiter unseren alten getriggerten Schmerz in die Welt. Unser sympathisches Nervensystem läuft ständig auf Hochtouren.

Schädigende Verhaltensmuster resultieren aus alten emotionalen Verletzungen

Werde also Meister im Verstehen deines Gegenübers, um gute Grenzen setzen zu können.

Zur Verdeutlichung soll eine Geschichte von Buddha dienen: Während ein Ehepaar die Lehren Buddhas studiert und die Frau absolut euphorisch, begeistert und aufmerksam alles in sich aufsaugt, wird ihr Mann zunehmend wütend. Eifersucht macht sich in ihm breit. Eines Tages macht er sich zu Buddha auf den Weg und beschimpft ihn auf’s fürchterlichste. Als der Mann sich endlich etwas beruhigt fragt Buddha ihn: “Bist du fertig?” “Ja bin ich.” antwortet der Mann. Buddha entgegnet darauf: “Wenn du mich besuchst und ich biete dir eine Mahlzeit an, die ich für dich gekocht habe, und du sie ablehnst, wem gehört dann das Essen?” “Dir, weil es dein Essen ist.” antwortet der Mann. Buddha antwortet darauf: “Ja, und das Gleiche gilt für deine Wut. Wenn ich mich weigere, sie anzunehmen indem ich erkenne, dass sie deine ist, kann ich versuchen zu verstehen, wo die Wut in dir herkommt. Dann bin ich frei davon. Die Wut fällt auf dich zurück.”

Wir haben einen Einfluss darauf, wie wir auf Situationen, die unsere alten Wunden berühren, reagieren. Vergessen sollten wir nicht, dass sich unser Unterbewusstsein weniger über Sprache, sondern mehr über Emotionen und Symbole ausdrückt. Generalisierte Aussagen über die verschiedenen Bindungs-Stile und deren Prognose entsprechen also weder der Wahrheit noch sind sie nützlich. Pflegen wir negative Gedanken, wie: “Er ist kalt.” oder “Sie ist ignorant.”, dann erzeugen wir im Kontakt mit dem Gegenüber zusätzlich negative Energie. Wir befinden uns im Verteidigungsmodus und reinszenieren die gleichen Muster immer wieder neu.

Jedes mal, wenn wir gegen ein Problem ankämpfen, dann füttern wir es. Wir sollten uns nicht auf das Problem ausrichten, sondern uns in Richtung Lösung bewegen. Generalisierungen, wie “Der ängstliche Vermeider ist entscheidungsunfähig.”, “Der abweisende Vermeider ist gefühlskalt.” oder ” Der ängstlich Überinvolvierte ist grenzverletzend.” personalisieren und richten Schaden an. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Wurzel aller unsicheren Bindungsmuster der Schmerz ist. Im Versuch diesen zu lindern greifen Menschen dann zu den verschiedensten Bewältigungsstrategien. Viele der Betroffenen wissen einfach nicht, dass diese Bewältigungsstrategien ihr Leben steuern, weil das unterbewusst ablaufende Prozesse sind.

Toxische Menschen – unsicheres Bindungsverhalten ist transformierbar

Wenn es Menschen gelingt in die Selbstreflexion zu gehen, dann wollen sie in der Regel ihren Heilungsprozess voran bringen. Wenn sie ihren Anteil an Beziehungsproblemen erkennen und plötzlich verstehen, dass sie anderen und sich selbst Schmerz zufügen und die Möglichkeit besteht, etwas zu ändern, dann sind die meisten Menschen sehr motiviert – egal um welchen Bindungs-Stil es sich handelt. Wenn der Prozess einmal ins Stocken kommt gilt es die Widerstände ausfindig zu machen und sie aufzulösen. Schattenarbeit und Parts-Work sind fantastische Werkzeuge dazu.

Jeder Bindungs-Stil ist transformierbar. Ich sehe es in meiner Praxis und ich bin den Weg selbst gegangen. Wir wurden nicht mit unsicherem Bindungsverhalten geboren. Er hat sich aufgrund wiederholter kindlicher Erlebnisse und den damit einher gehenden Ängsten entwickelt. Wir wissen heute sicher, dass wiederholte Erfahrungen mit emotionaler Folge zu unterbewussten Programmen werden. Diese Erkenntnis können wir uns zunutze machen, wenn wir unterbewusste Speicherungen verändern wollen. Vielen Menschen hilft dieses Wissen inzwischen dabei, an bestehenden Bindungsproblemen zu arbeiten und erstaunliche Veränderungen hervorzubringen.

Das Label “toxischer Mensch” ist eine Abwertung

Abwertung impliziert immer ein Bedürfnis nach eigener Aufwertung. Es dient der Selbstwertstabilisierung und lenkt von den Eigenanteilen ab. Ausserdem erzeugt ein Schubladen-Denken, wie dieses neuen Schmerz und kollektive Angst.

Wir werden auf diese Weise zu Tätern und retraumatisieren andere Menschen. Wer wirklich Willens ist, sich mit sich selbst und der Vergangenheit auseinanderzusetzen, der wird auch Erfolg haben. Sicherlich erfordert eine gesunde Grenzsetzung, dass wir uns von Menschen distanzieren, die uns nicht gut tun. Es sollte aber keinen Hass zur Folge haben.

Die Wahrscheinlichkeit, dass wir von unseren Mitmenschen gehört werden, dass wir Denkprozesse anstossen und Widerstände lösen, ist dann am grössten, wenn wir ihnen in der Energie ehrlicher Zugewandtheit und  des aufrichtigen verstehen Wollens entgegen treten.

Mehr zum Thema:      www.katikoerner.de/opfer-einer-toxischen-beziehung/