Kognitive Dissonanz

Der Fuchs und die Trauben

Als klassische Illustration des Konzepts der kognitiven Dissonanz dient meist die Parabel vom Fuchs und den Trauben (Aesop, griechischer Sklave und Fabeldichter, um 550 v.Chr.):

„Ein Fuchs schlich sich an einen Weinstock heran. Sein Blick traf die blauen, überreifen Trauben. Er stützte sich sehnsüchtig mit den Vorderpfoten gegen den Stamm, reckte den Hals empor und versuchte ein paar davon zu erwischen. Aber sie hingen zu hoch. Verärgert sprang er in die Höhe, aber er schnappte ins Leere. Er sprang aus Leibeskräften so hoch, dass er schließlich auf den Rücken fiel. Nicht einmal ein Blatt hatte sich bewegt. Der Fuchs rümpfte die Nase und sagte sich: Sie sind mir noch nicht reif genug. Ich mag keine sauren Trauben. Mit erhobenem Haupt stolzierte er in den Wald zurück.“

Der Begriff selbst stammt vom Sozialpsychologen Leon Festinger. Er definierte kognitive Dissonanz als unangenehmen Gefühlszustand, der durch Wahrnehmungen, Gedanken, Überzeugungen und Wünsche entsteht, die widersprüchlich sind und die man schwer miteinander vereinbaren kann.

Der Fuchs in der Parabel versucht seinen psychischen Stress, der durch sein Verlangen nach den Trauben und deren Unerreichbarkeit entsteht, zu verringern, indem er sich einredet, dass sie sowieso sauer und demzufolge unattraktiv sind.

Kognitive Dissonanz / Ursachen

Kognitive Dissonanz ist ein universelles menschliches Phänomen. Sie entsteht immer dann, wenn wir durch die Unvereinbarkeit von bestimmten Überzeugungen, Informationen, Wahrnehmungen und Handlungen einer inneren Spannung und psychischem Stress ausgesetzt sind.

Ein solcher Spannungszustand entsteht z.B., wenn:

  1. wir eine bestimmte Entscheidung getroffen haben, obwohl es dafür eine bessere Alternative gegeben hätte
  2. uns klar wird, dass eine begonnene Sache unangenehmer oder anstrengender wird als wir erwartet haben
  3. wir grosse Anstrengungen unternommen haben und feststellen, dass das Ergebnis nicht unseren Erwartungen entspricht
  4. wir uns konträr zu den eigenen Überzeugungen verhalten, ohne dass es dafür eine klare externe Rechtfertigung gibt.

Kognitive Dissonanz ist also keineswegs nur ein typisches Phänomen in dysfunktionalen Beziehungen. ABER: Je unreflektierter und unsicherer ein Mensch in seinem Bindungsverhalten ist, desto stärker neigt er generell, aber auch ganz besonders in seinen intimen Beziehungen dazu, denn er hat nicht gelernt konstruktiv mit seinen Gefühlen umzugehen. Kognitive Dissonanz ist neben dem Wirken von Intermittierender Verstärkung einer der Hauptgründe dafür, warum sich Menschen so schwer aus schmerzhaften, teilweise zerstörerischen und den Selbstwert immer weiter untergrabenden Beziehungen lösen können.

Kognitive Dissonanz / Kindheit

Ein Kind trägt das tiefe Bedürfnis nach einem harmonischen Zuhause und später auch eine gewisse Vorstellung darüber, was eine glückliche Familie ausmacht in sich. Was wird es dann tun, wenn es  von Vater oder Mutter regelmässig kritisiert wird, wenn es von einem Elternteil herabgesetzt wird, wenn ihm vermittelt wird, dass es nicht gut genug ist? Dann sind das Dinge, die seinem Bild von Familie nicht entsprechen, die eigentlich nicht passieren sollten und im Widerspruch zu seinen Vorstellungen stehen. Es hat dann verschiedene Möglichkeiten, um diesen unangenehmen Spannungszustand zu lindern: Vielleicht erklärt es sich deshalb ganz einfach selbst dafür verantwortlich. Es könnte aber auch das Verhalten dieser Bezugsperson mit dessen harter Arbeit für die Familie rechtfertigen oder das Problem auf ein anderes Familienmitglied projezieren, indem es sich z.B. sagt: „Mama nervt. Sie will ständig etwas von Papa. Deshalb ist er so reizbar und schlecht gelaunt.“

Kinder sind ganz besonders anfällig für die Auswirkungen von kognitiver Dissonanz. Wenn sie innere Widersprüche erleben sind sie dazu gezwungen, Rechtfertigungen zu generieren, weil die Akzeptanz der Realität für sie viel zu bedrohlich wäre. Und alles, was sich in der Kindheit etabliert wird in der Regel leider zu einem lebenslangen Muster! Durch kognitive Dissonanz erschafft sich das Kind eine Pseudo-Realität, an der es sich orientieren und festhalten kann. Sie hilft ihm weiterhin an seine glückliche Familie zu glauben. Ein Kind ist zu kognitiver Dissonanz gezwungen, wenn es Widersprüchlichkeiten erlebt, weil es seine Familie nicht verlassen kann. Es wird später wahrscheinlich auch dazu neigen, schlechtes Verhalten zu tolerieren und zu rechtfertigen.

Kognitive Dissonanz / Beziehungen

Kognitive Dissonanz wird zusammen mit der Wirkung von intermittierender Verstärkung in intimen Beziehungen zu einem extrem schwer lösbaren Klebstoff, der einen unterlegenen abhängigen Partner körperlich und emotional ruinieren kann. Vom zu Rate gezogenen Therapeuten erfordert das eine Menge Erfahrung, Geduld und Einfühlungsvermögen.

Menschen, die es gelernt haben sich anzupassen (Bindungsstil ängstlich überinvolviert) geraten bevorzugt in destruktive Beziehungsdynamiken mit abweisenden Vermeidern (Bindungsstil abweisend vermeidend), mit Personen, die stark narzisstische Züge zeigen (Narzissmus Typen) oder die starke Borderline Tendenzen (Borderline Syndrom) an den Tag legen. Diese Beziehungen entwickeln sich immer wieder nach ähnlichen Mustern. Die Begeisterung  für einen charismatischen, erfolgreichen, charmanten Menschen, der viele Interessen und Gemeinsamkeiten mit ihnen zu teilen scheint kennzeichnet den Anfang. Alles fühlt sich perfekt und richtig an. Man fühlt sich gesehen, geliebt und glaubt endlich angekommen zu sein. Zwar bemerken Betroffene oft frühzeitig, dass der Mensch an ihrer Seite sehr schnell überreagiert, dass er leicht reizbar ist und sich ihnen gegenüber nicht selten extrem kritisch verhält. Sie empfinden dieses Verhalten zwar verletzend, erkennen aber nicht, dass ihr Gegenüber sie damit unterbewusst einer Art Eignungsprüfung als Energiequelle und langfristige Projektionsfläche seiner Schwächen unterzieht. Aufgrund des mangelnden Selbstwerts und der inneren Unsicherheit fühlen sich Betroffene dazu genötigt, sich mehr anzustrengen und an ihren Schwächen zu arbeiten. Wenn ihre Gefühle und Wahrnehmungen immer öfter angezweifelt werden wächst der psychische Stress der kognitiven Dissonanz. Die emotionalen Angriffe stehen in massivem Kontrast zu den als so wundevoll erlebten Tagen. Sie vertragen sich nicht mit dem Leben, dass sie sich mit diesem Partner nun schon in den allerschönsten Farben ausgemalt haben. Was ist das Resultat? Sie müssen einen Weg finden. Erklärungen für das Verhalten ihres Partners müssen her. Wenn es ihnen gelingt, das Gaslighting, die Wutausbrüche, die Kritiksucht, die Ablehnung und Ignoranz zu rechtfertigen, dann passen Wahrnehmung, Wunsch und Realität wieder einigermassen zusammen und die Anspannung kann nachlassen.

Erklärungen sehen so oder ähnlich aus: „Er/sie lügt nicht wirklich. Es war wohl ein Missverständnis. Vielleicht hab ich das nur falsch verstanden.“ oder „Er ist oft wütend, aber das ist klar bei seinen Kindheitserfahrungen. Ich kann gut verstehen, wo es herkommt.“ An diesem Punkt möchte ich den Leser dazu aufrufen sich selbst gut zu beobachten. Mit diesen und ähnlichen Gedanken erzielst du unter Umständen etwas Wichtiges: Damit kannst du das Unvereinbare – den wunderbaren Menschen, der sich immer wieder schlecht benimmt –  miteinander in Einklang bringen. UND: Du schaffst dir so eine Rechtfertigung dafür, in dieser Beziehung zu bleiben, was dir wiederum andere unangenehme Gefühle, wie die Angst vorm allein sein erspart.

Das Phänomen der kognitiven Dissonanz erklärt, warum Menschen versuchen, das Verhalten ihres Partners zu rechtfertigen, obwohl es ihnen Schaden zufügt.

Die Parabel vom Fuchs und den Trauben versinnbildlicht, wie sich kognitive Dissonanz bei Menschen, die in Beziehungen vermeidende bzw. narzisstische Verhaltensmuster ausleben zeigt. (Die Neigung zu kognitiver Dissonanz wächst proportional zur Stärke der Ausprägung des unsicheren Bindungsmusters.) Diese Menschen sind es gewohnt ihren Willen durchzusetzen. Sie haben oft grosse Probleme Enttäuschungen zu tolerieren. Deshalb neigen sie dazu einen Partner, der sich von ihnen distanziert zur sauren Traube zu erklären: „Ich bin froh, dass er/sie endlich weg ist. Er/Sie war so schwierig, nervig und dumm.“

Wenn kognitive Dissonanz  zu einem gefährlichen fesselnden Muster wird und sich zusätzlich Auswirkungungen von intermittierender Verstärkung zeigen, dann entsteht das, was man Trauma-Bonding nennt: Dann versuchst du dir und der Welt krampfhaft zu verkaufen, wie toll der Mensch, den du nicht loslassen kannst in Wirklichkeit ist. Die unschönen Vorkommnisse verschwinden hinter dem Schwelgen in Erinnerungen an schöne Momente.

Ich rate Betroffenen unter anderem zur Anfertigung einer Liste aller asozialen Dinge, die vorgefallen sind und die der Partner getan hat. Das Zusammenbringen auf einem Zettel macht das schön reden schwer. Es rüttelt an der Macht der eigenen Leugnungsversuche. Denn nichts, was einem Menschen passiert ist rechtfertigt Missbrauch. Es rechtfertigt auch nicht dein Verweilen in einer dysfunktionalen, den Selbstwert und die Selbstachtung unterminierenden Beziehungskonstellation.

Oft ist es wichtig, die eigenen Märchen blosszustellen und die Augen nicht mehr als Schutz vor der Konfrontation mit den Tatsachen zu verschliessen.  Über Social Media können wir uns selbst und anderen sehr leicht etwas vorzumachen und so die Geschichte einer glücklichen Beziehung am Leben erhalten. Natürlich ist es schmerzhaft zuzugeben, wie leer diese Beziehung wirklich ist und wie verwirrt wir darüber sind.

Eine weitere Falle, in die Betroffene durch das Wirken kognitiver Dissonanz und des Glaubens nicht gut genug zu sein tappen, ist die verzweifelte Suche nach eigenen Fehlern und Verbesserungsmöglichkeiten. Sie denken: „Wenn ich gut genug bin, dann wird er/sie sich schon noch ändern.“ Man wird beim Suchen nach Mängeln immer fündig. Vielleicht denkst du, daß du noch nicht genug verdienst, zu dick, zu häßlich, zu unordentlich oder zu emotional bist … Hier ist es wichtig endlich in die Akzeptanz der Tatsache zu kommen, dass kein Nobelpreis das Verhalten eines unmotivierten, vermeidenden, sich egozentrisch verhaltenden Partners ändern wird! Der Wille zur Änderung kann in der Regel nur durch wachsenden Leidensdruck entstehen. Wenn du die Verantwortung für das schlechte Verhalten deines Partners übernimmst hilfst du ihm also nicht.

Kognitive Dissonanz / Lösung

Kognitive Dissonanz ist ein menschliches Phänomen, das nur durch die Qualität unserer bewussten Wahrnehmung und die Fähigkeit konstruktiv mit unseren Gefühlen umzugehen immer mehr an Bedeutung verlieren wird. Mit dem Verständnis dieser Zusammenhänge wird sicher klar, dass das teilweise in spirituellen Kreisen so propagierte positive Denken dafür auch keine Lösung ist. Im Gegenteil: Die Einstellung „Du musst einfach nur positiv denken.“ fördert die Entstehung kognitiver Dissonanz erheblich.

Wir können lernen mit psychischen Spannungszuständen zurecht zu kommen, wenn wir sie nicht mehr als existenzielle Bedrohung betrachten. Das bedrohliche Gefühl ist das Resultat kindlicher Traumata, die viele von uns noch zu lösen haben. Natürlich mögen wir Erkenntnisse wie die, dass der Held unserer Kindheit offenbar doch ein Mistkerl war, nicht wirklich. Aber den Schmerz darüber zu fühlen setzt uns frei. Der erleuchtete Fuchs könnte dann sagen: „Die Trauben sind sicher lecker und es ist echt schade, dass ich sie nicht erreichen kann. Es macht mich gerade traurig.“ Kognitive Dissonanz zwingt uns in ein Gefängnis der Selbstentfremdung, während die Wahrheit uns von alten einengenden Konditionierungen befreit.

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