Toxische Beziehung

Opfer einer "toxischen Beziehung"?

Per Definition ist jede Beziehung, die langfristig - oft schleichend und subtil - das körperliche und/oder seelische Wohlbefinden eines der beiden Partner angreift toxisch. Das heißt, toxisch (zerstörerisch/giftig) wird eine Beziehung nicht durch das lieblose Verhalten eines Partners, sondern durch das Verweilen des anderen in dieser schmerzhaften und entwürdigenden Situation!

Im Netz findet man eine Vielzahl von Beschreibungen "toxischer Persönlichkeitstypen". Der Grund-Tenor ist in der Regel der, daß "beziehungsgestörte Menschen" (Borderliner/Narzissten/verdeckte Narzissten/ Manisch-Depressive/Schizoide/Autisten  usw.) die Quelle und Ursache des Leidens eines gesunden empathisch mitfühlenden Menschen sind. Man findet Listen mit Merkmalen toxischer Beziehungen und diverse Ratschläge für Betroffene zum Umgang mit diesen Menschen und Hilfestellung, wie man sich daraus befreien kann. Der Kern der Beziehungs-Problematik und deren Dynamik (und teilweise sogar Sinnhaftigkeit) wird oft überhaupt nicht erkannt:

Ist der "Gefühls-Mensch" oder "Empath" tatsächlich nur ein Opfer der misslichen Umstände?

Ich möchte die Sicht auf das Thema erweitern und dazu die Dynamik, die dahinter steht beleuchten: Es ist wichtig zu verstehen, daß wir immer nur mit Menschen in Resonanz gehen (uns von ihnen angezogen fühlen oder uns in sie verlieben), die sich auf einem vergleichbaren Entwicklungsniveau befinden und die ähnliche Verletzungsmuster und unbewältigte Ängste aus der Kindheit in sich tragen. Der Unterschied liegt einzig und allein in den gewählten Bewältigungsstrategien des Erlebten! Kein Mensch kann einem unabhängigen, in sich gefestigten, sich in seiner Ganzheit angekommenen Erwachsenen - einem Menschen, der in der Lage ist, in allen Lebensbereichen für sich selbst zu sorgen und sich abzugrenzen - anhaltenden seelischen Schmerz zufügen! Wenn wir aufgrund des Verhaltens eines anderen Menschen Leid (chronischen Schmerz) verspüren, dann holt dieser Mensch alten Schmerz in uns hoch, den wir schon sehr lange in uns tragen. Dieser Schmerz will gesehen, angenommen und geheilt werden. Wir haben in der Kindheit aufgrund der existenziellen Abhängigkeit von der Liebe unserer Eltern - je nach individueller Situation in der Ursprungsfamilie und genetischer Veranlagung - verschiedene Verhaltens-Strategien entwickelt, um diese Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen und unangenehme Gefühle (Angst nicht zu genügen, Ablehnung, Trauer, Einsamkeit usw.) zu vermeiden: Der "Gefühlsmensch" hat gelernt durch Hochsensibilität die emotionalen Schwankungen der Eltern wahrzunehmen und durch entsprechende Verhaltensanpassung ausgleichend zu wirken, wohingegen der Mensch mit ausgeprägt narzisstischen Anteilen die Strategie entwickelt hat, sich abzuschotten und von starken Gefühlen einfach abzukoppeln, um die Lieblosigkeit des elterlichen Verhaltens nicht spüren zu müssen. Er hat gelernt, in einer Art Blase in seiner selbst kreierten Parallel-Realität zu leben, sodaß er andere weder fühlen kann noch muss.

Ist es also wirklich Zufall, daß der Empath immer wieder an Partner gerät, die ihn emotional aushungern, ausnutzen, belügen und verletzen? Nein, das ist es nicht. Es passiert ihm solange, bis er versteht, daß man Liebe nicht durch Tun, Unterordnung, Anpassung und die Verleugnung eigener Bedürfnisse und Werte erkaufen kann, muss und darf! Negative Glaubenssätze, wie "Ich bin nicht gut genug" , "Ich bin nicht liebenswürdig"oder "Ich kann nicht allein für mich sorgen" gilt es zu erkennen und aufzulösen. Der vermeintliche Narzisst (besser gesagt, der Mensch mit übermäßig egozentrischen Anteilen) stellt sich dem Gefühlsmenschen (dem Partner mit ausgesprochen nach aussen gerichtetem Fokus) unbewußt als eine Art Spiegel zur Verfügung: Er zeigt ihm durch sein unzuverlässiges verletzendes Verhalten, wie lieblos, unaufmerksam und gefühlskalt er mit sich selbst umgeht. Denn all seine Aufmerksamkeit richtet der Empath nach aussen, spürt jede "Befindlichkeitsschwankung" seines Gegenübers und passt sein Verhalten ohne Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse und Wünsche entsprechend an. Das ist nicht so "edel und uneigennützig", wie es auf den ersten Blick erscheint: Denn er erwartet im Gegenzug Liebe, Anerkennung, Schutz und Geborgenheit von seinem Partner - Dinge, die er glaubt, sich selbst nicht geben zu können. Er verhält sich in der Beziehung einfach nicht authentisch. Sein sich aufgeben und sich selbst verlassen für den Partner führt dazu, dass er sich die unterdrückten Wünsche und Bedürfnisse unterbewusst auf manipulative Art zu erfüllen versucht! Menschen mit co-abhängigem Verhalten müssen erkennen, daß ihre Unehrlichkeit eine gute Beziehung genauso unmöglich macht, wie das kalte ablehnende Verhalten des Partners. Diese eigenen "dunklen Seiten" müssen erkannt und angenommen werden. Sonst gibt es keine Heilung.

In schmerzhaften Beziehungen geht es im Prinzip um ein Finden der Mitte durch die Auflösung kindlicher Ängste und Verletzungen. Beide Partner sind hier aufgefordert, sich die Frage "Was lebt der andere, was ich nicht lebe?" zu stellen und diese abgelehnten Anteile zu re-integrieren. Der sogenannte Empath (sich selbst gegenüber zeigt er keinerlei empathische Züge) ist angehalten zu lernen, sich Wert zu schätzen und sich um die Befriedigung seiner Bedürfnisse zu kümmern. Der Narzisst wird durch diesen Prozess aufgefordert, seine Angst vor Hingabe und dem sich daraus ergebenden Kontrollverlust durch ein sich öffnen und verletzlich zeigen zu überwinden. Die Rückkehr in die eigene Mitte ist Voraussetzung für ein erfolgreiches glückliches Leben, denn dafür benötigen wir gesunde empathische UND narzisstische Anteile.

Jede Beziehung - und diese im besonderen - gibt uns die Möglichkeit der Weiterentwicklung und "Ganz-Werdung". Erkennen wir das nicht, dann wird uns das Leben immer wieder ähnliche Herausforderungen stellen, bis sich ein Leidensdruck entwickelt, der es endlich ermöglicht, Widerstände zu überwinden und mit Hilfe von Selbstreflexion die eigenen Defizite zu erkennen, abgelehnte Anteile anzunehmen und in diesem Prozess zu reifen.

Um eine langfristig stabile und erfüllte Liebesbeziehung möglich zu machen hilft es dem Betroffenen also nicht im Geringsten, die Aufmerksamkeit nach aussen auf den Partner zu richten und durch Aneignung von Wissen und das Kennen der Leitsymptome zum Thema "Toxische  Beziehung" ein Gefühl von Kontrolle zu erlangen. Solange die Unfähigkeit des Empathen, sich selbst zu genügen und für sich gut zu sorgen, zu heftigsten Verlustängsten führt wird der dadurch erzeugte "Gefühls-Coctail" oft mit einer ganz besonderen und unsterblichen Liebe verwechselt. Man glaubt den anderen zu brauchen um weiter existieren zu können und sieht sich deshalb trotz aller Not nicht in der Lage, die Beziehung zu beenden. Das Ganze wird dann tatsächlich toxisch.

Zusammengefasst gibt es also weder Opfer noch Täter in einer solchen Konstellation, sondern zwei Menschen, die das Leben zusammengeführt hat, um ihnen die Chance zu geben, ihre Wunden zu heilen und erwachsen zu werden. Es kommt einzig und allein darauf an, ob man diese Chance erkennt und nutzt..

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