Was ist Projektion?

Projektion ist eine weit verbreitete menschliche Bewältigungsstrategie. Es ist ein psychologischer Abwehrmechanismus. Wir projizieren in dem Bestreben, uns vor dem bewusst werden von bestimmten Gefühlen, Impulsen und Eigenschaften zu bewahren, die wir in uns tragen und bisher erfolgreich verdrängt haben. Wir übertragen sie zu diesem Zweck unbewusst auf unser Gegenüber. Oder anders ausgedrückt, wir schreiben den Ursprung unserer unangenehmen inneren Wahrnehmungen einem anderen Menschen zu. So könnten könnten wir zum Beispiel annehmen, dass ein Mensch wütend auf uns ist und uns zu kontrollieren versucht, ohne uns dessen bewusst zu sein, dass das genau die Emotionen und Bestrebungen sind, die wir gerade gegenüber dieser Person empfinden. Bis zu einem gewissen Grad projiziert jeder von uns ab und zu. Wenn wir unsere Projektionen als solche erkennen, dann können wir sie nutzen und daran wachsen. Davon kann die Qualität unserer sozialen Interaktionen und unserer Beziehungen enorm profitieren.

Eine Externalisierung entsteht ganz ähnlich, wie die Projektion. Wir machen andere für unsere Probleme verantwortlich, und umgehen somit die Notwendigkeit, Verantwortung für den eigenen Anteil am Geschehen zu übernehmen. Wir begeben uns in eine recht bequeme Opferrolle. Der Preis dafür ist allerdings hoch, denn wir verzichten nicht nur auf die Möglichkeit, einen positiven Einfluss auf die jeweilige Situation zu nehmen. Der Lerneffekt bleibt aus und es entsteht ein energetischer Aufwand zur Verdrängung der daraus resultierenden Schuldgefühle.

Die Art unserer Bewältigungsstrategien und die Häufigkeit der Anwendung ist eine Reflexion unserer emotionalen Reife. Projektion wird als ein primitiver Abwehrmechanismus betrachtet, da er die Wahrheit ignoriert und verzerrt, um ein weiteres Funktionieren zu gewährleisten und um das eigene Ego zu schützen. Durch Projektion kommt es zu einem reaktiven Umgang mit Konflikten, ohne Rücksicht auf daraus entstehende Konsequenzen. Es ist ein Abwehrverhalten, welches Kinder sehr oft benutzen. Man kann also davon ausgehen, dass Menschen, die stark zur Projektion ihrer Schwächen auf andere neigen und sich dessen vollkommen unbewusst sind, Defizite in ihrer emotionalen Entwicklung aufweisen. Der Grund dafür ist im mangelnden Reifegrad ihrer Bezugspersonen in der kindlichen Prägungsphase zu suchen:

Die Bedeutung gesunder Grenzen der Mutter für’s Kind

Eine emotional reife Mutter mit gutem Selbstwert und stabiler Grenzsetzung ist dazu in der Lage, ihr Baby auch dann zu lieben, wenn es ihr Schmerz zufügt. Beisst das Kind sie z.B. beim Stillen in die Brust, dann wird sie nicht wütend werden und abweisend reagieren. Das heisst, sie wird dem Kind aufgrund des Geschehens keine Boshaftigkeit unterstellen.

Eine Mutter mit schwachen Grenzen reagiert ihrem Kind gegenüber unter Umständen in Situationen, die ihr Unwohlsein bereiten, mit Ärger oder Rückzug. Das Kind, was sich noch nicht als Individuum, sondern als eins mit der Mutter fühlt, hat sehr durchlässige Grenzen. Es saugt die Reaktionen der Mutter regelrecht in sich auf. Für das Kind ist die Art und Weise, wie die Mutter reagiert und wie sie mit ihm in Kontakt tritt ein Spiegel seines Wesens, seines Werts und seiner Liebenswürdigkeit. Es fühlt sich unter diesen Umständen nur bedingt geliebt und verinnerlicht, dass es Aspekte in sich trägt, die nicht okay sind oder nicht genügen. Mit anderen Worten – das Kind wächst mit auf Schamgefühlen basierenden Überzeugungen über sich selbst auf.

Dieses Kind wird später als Erwachsener besonders in seinen intimen Beziehungen anfällig für Manipulation und Mißbrauch sein https://www.katikoerner.de/aengstlich-ueberinvolviertes-bindungsverhalten   oder es wird unbewusst selbst zum Täter werden  https://www.katikoerner.de/abweisend-vermeidendes-bindungsverhalten/ .

Wenn ein Elternteil ausgeprägt narzisstische Züge hatte, dann hat er seine Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle immer an erste Stelle gesetzt. Das Kind hat aufgrund des permanenten Gefühls, “nicht richtig” zu sein im Laufe der Zeit verinnerlicht, dass die eigenen Bedürfnisse und Befindlichkeiten keinen Stellenwert haben. Folglich wird es in späteren Beziehungen zu co-abhängigem Verhalten neigen.

Selbstverurteilung und Projektion

Menschen mit chronischen Schamgefühlen verurteilen sich unbewusst selbst. Sie haben einen starken inneren Kritiker (eine innere Stimme), der sie als Person in Form von Gedanken abwertet (Handlungen, Fähigkeiten, Eigenschaften, Erscheinungsbild etc.). Da das Ganze ins Unterbewusstsein verdrängt wird, kommt auch in diesem Zusammenhang Projektion oft zum tragen. Die intern ablaufende Selbstkritik wird durch sie nach aussen gebracht: Wir könnten z.B. auf banale Meinungsverschiedenheiten heftig reagieren und uns dadurch stark angegriffen fühlen. Durch das Ereignis im Aussen wurde unsere Selbstkritik einfach nur aktiviert. Wir nehmen durch geringe Auslöser an, dass andere uns verurteilen und ablehnen, wenn wir das im Innersten mit uns selbst immer wieder tun.

Je mehr wir uns selbst annehmen und wertschätzen, desto wohler fühlen wir uns im Umgang mit anderen Menschen.

Fehlende Abwehr von Projektion

Von einer toxischen Beziehung sprechen wir, wenn einer der beiden Partner chronischen Schmerz spürt, ihn erduldet und die eigenen Bedürfnisse zugunsten des Gegenübers vernachlässigt  https://www.katikoerner.de/toxische-beziehung-heilen/  .

Menschen mit ängstlich überinvolviertem Bindungsverhalten tendieren zu dieser Art von Selbstaufopferung, um Konflikte mit dem Partner zu vermeiden. Letztlich geht es ihnen dabei aber darum, ihre grösste Angst (die Angst, verlassen zu werden) erträglich zu halten. Dadurch kommt die Beziehung jedoch in eine fatale Schieflage. Es entsteht ein Machtgefälle, was zum weiteren Schrumpfen ihrer Autonomie und ihres Selbstwerts führt. Wenn der Partner stark vermeidende bzw. narzisstische Züge zeigt (was meist der Fall ist), dann wird er sich in der Beziehung mehr und mehr egozentrisch und unsensibel verhalten. Das verstärkt wiederum das unterwürfige Verhalten (“Ich muss mich mehr anstrengen, um geliebt zu werden.”), selbst wenn eigene Bedürfnisse unbefriedigt bleiben.

Aufgrund ihres schwachen Selbstwerts werden sie zur idealen Leinwand für Projektionen von Schamgefühlen, die genau wie bei ihnen selbst, auch bei ihrem Partner, eine ins Unterbewusstsein verdrängte Ursache des unsicheren Bindungsverhaltens sind. Co-abhängige Menschen / Menschen mit starken Verlustängsten nehmen Projektionen in der Regel an. Sie versuchen einfach noch verständnisvoller zu sein und kämpfen weiter um Anerkennung und ein Gefühl von Verbundenheit. Obwohl sie den Partner mit Samthandschuhen anfassen werden sie die Angst vor dessen Ablehnung nicht los. Es entsteht ein diffuses Gefühl von tiefer Wertlosigkeit, was sie glauben lässt, nichts besseres verdient zu haben. Im Versuch, die eigenen Ängste und negativen Gefühle abzuwehren, könnte der Partner z.B. sagen, dass “das Gras auf der anderen Seite nicht grüner” ist und es würde auf fruchtbaren Boden fallen.

Projektive Identifikation

Menschen mit starkem Selbstwert haben eine gesunde Grenzsetzung. Die Projektion von Schwächen auf einen solchen Menschen gelingt nicht. Sie prallt ab, weil ein Gespür dafür vorhanden ist, dass das Gesprochene nicht der Wahrheit entspricht und letztlich nur etwas über den Redner selbst vermittelt.

Menschen mit schwachem Selbstwert haben ihre sensiblen Themen. Wenn sie sich mit ihnen konfrontiert sehen, sind sie besonders anfällig dafür, eine Projektion als Tatsache anzunehmen. Sie stimmen ihr, wenn auch oft unbewusst, im Innersten zu. Das führt dazu, dass die Projektion förmlich an ihnen klebt und nicht abweisbar ist. Wenn sie nun auf die Beschämung ihres Partners durch Projektion auch noch mit Rechtfertigung reagieren, bestätigen sie seine “Idee” über sie. Der Partner gewinnt dadurch noch mehr Autorität und Kontrolle. Er bekommt schliesslich subtil die Botschaft, grossen Einfluss auf den Selbstwert des Gegenübers haben.

Antwort auf Projektion

Menschen mit schlechter Grenzsetzung und starkem Aussenfokus sind anfällig dafür, Projektionen zu schlucken. Sie neigen dazu, das Gesagte als eigene Eigenschaft anzunehmen. Um sich besser schützen zu können ist es (neben dem Aufbau eines gesunden Selbstwerts) wichtig zu verstehen, wie projektive Identifikation funktioniert. Die Projektion des Gegenübers (die Abwehr seiner eigenen Gefühle und Schwächen) zu erkennen ist Gold wert, denn sie ist wie eine Art Fenster in sein Unterbewusstsein. Wir können in diesem Moment tatsächlich beobachten, was unser Gegenüber denkt und fühlt. Wenn wir von einem Menschen verbal angegriffen werden, dann ist das eine Reaktion auf seine inneren unbewussten negativen Gefühle und Konflikte.

Indem wir unseren Selbstwert aufbauen und Selbstliebe entwickeln entwaffnen wir unseren inneren Kritiker. Das ist der beste Schutz vor Projektion.

Wenn wir erkennen, dass ein Mensch gerade etwas auf uns projiziert, ist es wichtig eine Grenze zu ziehen, die die Projektion auf den Sprecher zurück wirft. Wir können dazu Sätze, wie diese verwenden:

  1. “Das sehe ich anders.”
  2. “Ich stimme nicht zu.”
  3. “Dafür übernehme ich keine Verantwortung.””
  4. “Das ist deine Meinung.”

Wir sollten uns nicht zu Argumenten verleiten lassen und nicht versuchen, uns zu verteidigen. Es würde der verzerrten Realität des Projizierenden nur Glaubwürdigkeit verleihen. Besteht er trotzdem weiter auf dem Gesagten, dann antworten wir am besten mit so etwas, wie:  “Wir sind einfach unterschiedlicher Meinung.”

Das Gespräch sollte damit enden. Der Projizierende wird dadurch auf seine eigenen Gefühle zurückgeworfen.

Umgang mit den eigenen Projektionen

Das, was wir im Aussen sehen und in unserer Umgebung wahrnehmen, sagt tatsächlich mehr über uns selbst, als über die Welt da draussen aus. Wenn wir es schaffen, die eigenen Projektionen aufzudecken, dann wachsen wir enorm. Wir werden stärker, autonomer und flexibler.  Und wir lernen, anderen Menschen mit Präsenz statt Reaktivität zu begegnen.

Es gibt Hilfsmittel, um die eigenen Projektionen zu entlarven. Wenn wir uns bei der Beurteilung anderer ertappen, dann können wir uns diese Fragen stellen:

1) “Was hat das eigentlich mit mir zu tun?”

2) “Werfe ich dem anderen gerade vor, was ich selbst in mir trage?”

3) “Oder werfe ich dem anderen etwas vor, was ich mir selbst nicht erlaube?”

4) “Oder werfe ich dem anderen vor, etwas zu haben bzw. zu können, was ich nicht habe bzw. nicht kann?”

Eine weitere Möglichkeit ist, die eigene Urteile niederzuschreiben und sie um zu formulieren:

Aus “Er/sie ist …” wird “Ich bin …”. Man schaut sich den neuen Satz an und hinterfragt sich: “Bin ich auch so und kann/will es nur nicht sehen?” ODER “Sollte ich etwas mehr von dieser Eigenschaft haben/leben?” Auf diese Weise kommt man sich wunderbar selbst auf die Spur. Es ist eine Chance, blinde Flecken zu entdecken.

Natürlich erfordert es Mut, sich diese Fragen zu stellen und sie ehrlich zu beantworten. Aber er wird reichlich belohnt: Das daraus resultierende Wachstum unserer emotionalen Kompetenz führt zu mehr Frieden, Gelassenheit und Wohlbefinden im Umgang mit anderen Menschen. Und unsere Interaktionen in Beziehungen verlieren immer mehr ihr Konfliktpotenzial.