Was ist Selbsthass?

Selbsthass ist die Folge der Ablehnung von Aspekten, die unser individuelles Sein ausmachen. Ein Mensch, der Selbsthass in sich trägt, glaubt im Innersten nicht liebenswert zu sein. Wenn man sich der Liebe nicht wert fühlt, dann ist es unmöglich, Liebe zu empfangen. Sie dringt nicht zu unserem Kern durch bzw. wird unbewusst abgewehrt. Selbsthass entsteht ursprünglich im Interesse unseres Selbstschutzes in der Prägungsphase. Er dient dazu, ein Kind vor Isolation und vor Verlust von Sicherheit in einem dysfunktionalen familiären Umfeld zu bewahren. Ich werde das später noch genauer erklären. Selbsthass erzeugt im Heilungsprozess von unsicherem Bindungsverhalten oft Widerstände, die dann als erstes gelöst werden müssen. Solange Selbsthass in uns schlummert versuchen wir uns unbewusst vor Liebe zu schützen, weil wir die verurteilenden internalisierten Stimmen der Vergangenheit nicht reaktivieren wollen, die uns dazu gebracht haben, bestimmte Aspekte in uns zu unterdrücken. Wir hassen diese abgelehnten Aspekte, so wie es die Eltern ursprünglich taten. Dazu internalisiert unsere Psyche den am stärksten antagonistischen Elternteil. Uns selbst zu hassen dient dazu, der Angst, von anderen gehasst zu werden, zuvor zu kommen. Widerstände gegen Veränderung bestehen, weil wir unterbewusst glauben, den Selbsthass intakt halten zu müssen, um die Liebe unserer Eltern (bzw. unseres Partners im Jetzt) nicht aufs Spiel zu setzen. Mit den vernachlässigten, abgelehnten Aspekten in Verbindung zu treten setzt uns unweigerlich der ursprünglichen, damals existenziell bedrohlichen Ablehnung der Eltern erneut aus. Das zwingt uns dazu, den Selbsthass intakt und aufrecht zu erhalten. Ein selbstzerstörerisches Paradoxon, was in der Therapie durchbrochen werden muss. Wie das möglich ist erläutere ich später.

Was sind Bewältigungsstrategien?

Als Bewältigungsstrategie bezeichnet man die Art und Weise, wie wir mit einer als schwierig oder konfliktreich empfundenen Situation oder Erfahrung umgehen, um sie für uns erträglicher zu machen. Wir wenden Bewältigungsstrategien an, wenn wir für uns entschieden haben, dass wir nicht dazu in der Lage sind, die Situation aufzulösen oder positiv zu verändern.

Selbsthass ist eine der gefährlichsten Bewältigungsstrategien überhaupt. Wir  müssen uns den Ursprung und die Entwicklung von Selbsthass anschauen, um zu begreifen, dass Selbsthass tatsächlich eine Bewältigungsstrategie ist und ursprünglich in der Kindheit zur Reduktion von Stress geführt hat.

Wie entsteht Selbsthass?

Wir tendieren dazu die Aspekte in uns, die in der Kindheit von unseren engsten Bezugspersonen abgelehnt oder als exzessiv bzw. unangebracht betrachtet wurden, zu verdrängen. Das können z.B. Bedürfnisse, Eigenschaften, Charakterzüge, Vorlieben, Gefühle und Verletzlichkeiten sein.

Wenn wir in einem dysfunktionalen Familiensystem aufgewachsen sind, dann basierte das Selbstkonzept der Familienmitglieder auf Schamgefühlen, die oft von Generation zu Generation weitergereicht wurden. Schamgefühle sind generell der Haupt-Stress-Faktor in einem Familienverbund, denn jedes Familienmitglied ist dann darum bemüht, für sich selbst Wege zu finden, um mit diesen Schamgefühlen zurecht zu kommen. Die Art und Weise, wie das getan wird bestimmt, welche Rolle den einzelnen Familienmitgliedern zufällt. Wenn Eltern Schamgefühle in sich tragen, dann bringen die Aspekte eines Kindes, die den Wünschen und Vorstellungen der Eltern widersprechen, die an der Basis ihres Selbstkonzepts liegenden Schamgefühle an die Oberfläche. Wenn ein Kind nicht dazu in der Lage ist, störende Eigenschaften zu ändern, um den Elternteil gut spiegeln zu können, dann fühlt sich der Erwachsene von diesem Kind in seiner Identität bedroht. Ein Kind, das es dagegen schafft, sich perfekt anzupassen, indem es die eigene Identität verwirft, löst keine negativen Gefühle aus. Es wird zum idealisierten Goldkind. Dieses Kind ist bereit, die eigenen Grenzen aufzugeben. Es wird zum Spiegelbild des Erwachsenen und passt sich bestmöglich an, um im Familienverbund akzeptiert, integriert und gewertschätzt zu werden.

Selbsthass ist die Bewältigungsstrategie eines Kindes, das nicht dazu in der Lage ist, sich gut an den antagonistischen Elternteil anzupassen.

Der Grund kann zum Beispiel eine hohe Sensibilität sein. Dann wird sein Nervensystem in bestimmten Situationen mit Gefühlen überflutet, die ihm die Anpassung schwer machen, selbst wenn es Mutter und Vater gefallen möchte. Diese Unfähigkeit zur Anpassung an die familiären Gesetze und Gepflogenheiten führt dazu, dass es als störend empfunden wird. Wenn das passiert stellt sich der davon besonders betroffene Elternteil unbewusst gegen das Kind. Es wird zum Ziel seiner Projektionen.

siehe auch:  www.katikoerner.de/projektion-erkennen/

Nach aussen hin mag dieser Elternteil durchaus zum Ausdruck bringen, dass er das Kind liebt. Im Innersten fühlt er aber anders. Die einzige Möglichkeit, die er nun hat, seinen Schamgefühlen, die dieses Kind in ihm triggert zu entkommen ist, es emotional abzulehnen und seine negativen Gefühle auf das Kind zu übertragen. Das Kind wird zum schwarzen Schaf der Familie. Im Prinzip sagt sich der erwachsene Elternteil: “Ich bin nicht schlecht, sondern du. Du bist mein Problem und ich bin das Opfer der Umstände.” Die Familie hat mit diesem Kind eine Projektionsfläche für ihre unterdrückten Schamgefühle gefunden. Es wird zum Problemkind deklariert, das korrigiert werden muss. Wenn es als Familienproblem zur Therapie gebracht wird und man damit nach aussen hin demonstriert, die familiären Konflikte lösen zu wollen, fühlen sich die Erwachsenen in ihrer Retter-Rolle wohl. Sie sind nicht Täter sondern Heiler, was ihr Ego bedient.

Für das Kind ist das eine ausserordentlich schwer zu verkraftende Erfahrung: Die Menschen, von denen es existenziell abhängig ist und von denen es am meisten Zuwendung und Liebe braucht, stellen sich ihm entgegen. Es ist eine qualvolle, nicht tolerierbare Situation, weil sich das Kind permanenter Unsicherheit ausgesetzt sieht. Man darf auf keinen Fall vergessen, dass sich das Nervensystem des Kindes unter diesen untragbaren Bedingungen erst noch zur vollen Reife entwickeln muss. Ein solches Nervensystem verdrahtet sich anders. Das Kind fühlt sich ganz besonders von dem Elternteil, der der Haupt-Antagonist ist, abgelehnt. Es wächst mit einem Widersacher auf, von dem es komplett abhängig ist und kann sich vor ihm nicht schützen und in Sicherheit bringen.

Die Art und Weise, wie das Kind damit fertig wird, hilft ihm diesen Stress erträglich zu machen. Es zerstört aber auf lange Sicht sein Leben. Ein Kind, was in die Rolle des schwarzen Schafes gebracht wird lehnt sich selbst ab. Das ist eine ganz natürliche Reaktion. Auf der körperlichen Ebene ist ihm das nicht möglich. Deshalb spaltet sich sein Bewusstsein in den Teil seiner Aspekte, die in den Eltern Ablehnung hervor rufen und in den Teil der Aspekte, die gut dazu geeignet sind, von den Eltern angenommen zu werden. Der Teil, der dem Kind hilft, die Eltern zu spiegeln übernimmt von diesem Zeitpunkt an unbewusst die Aufgabe, den abgelehnten Teil zu hassen. Er wird zum internalisierten Antagonisten und übernimmt die Rolle der Ablehnung durch den Elternteil. Dieser innere Kritiker beschämt und kritisiert das Kind (und später den Erwachsenen) nun unablässig bezüglich aller Aspekte, die von den Bezugspersonen als schlecht, falsch oder inadequat eingestuft wurden. Der Vorteil für das Kind ist, dass es damit den Schmerz nicht nur kontrollierbar sondern auch vorhersehbar macht. Indem das Kind sich selbst hasst und missbraucht kommt es dem antagonistischen Elternteil zuvor.

Für ein besseres Verständnis dieses Schachzugs der menschlichen Psyche soll diese Analogie dienen:

Wir stellen uns vor, dass ein Mensch wütend auf einen zweiten ist. Er will in seiner Wut auf ihn los gehen, um ihn zu verprügeln. In dem Moment beginnt sich sein Gegenüber selbst mit den Fäusten ins Gesicht zu schlagen. Der Wunsch ihn zu verprügeln löst sich schlagartig auf. Warum? Das passiert, weil sich Mitgefühl regt. Wenn nicht, dann beschwichtigt es zumindest die Wut, da das Gegenüber offenbar selbst der Meinung ist, sich strafen zu müssen. In beiden Fällen nimmt es dem Antagonismus die Kraft.

Wir lernen also, dass ein Kind unbewusst Selbsthass entwickelt, um sich vor einem ablehnenden (antagonistischen) Elternteil zu schützen. Das tragische an der Sache ist folgendes:

Die Dinge, die wir im gehassten, abgespaltenen Anteil finden, sind genau die Aspekte unseres Wesens, die uns ursprünglich sehr wichtig waren.

Wenn wir ein glückliches Leben führen wollen, dann sollten wir demzufolge unbedingt herausfinden, was diese von uns im Innersten ersehnten, geschätzten, bedeutenden Dinge sind, die wir uns aufgrund der Existenz dieses Selbsthass-Anteils unbewusst verweigern. Wir verweigern sie uns, weil uns das Unterbewusstsein suggeriert, dass wir uns vor Ablehnung und Liebesentzug (der Eltern/des Partners) schützen müssen.

 Selbsthass – eine destruktive Bewältigungsstrategie

Selbsthass ist so gefährlich und destruktiv, weil er ein Leben unter ständiger Angst, Anspannung und Negativität verursacht. Selbsthass in sich zu tragen bedeutet mit dem Feind im Inneren zu leben. Er zieht zerstörerische Verhaltensmuster nach sich, wie das Verweilen in missbräuchlichen Beziehungen, die Verweigerung von Intimität, Unterdrückung von Gefühlen und Bedürfnissen, riskantes oder selbstzerstörerisches Verhalten, Isolation und nicht authentische Kommunikation.

Selbsthass überwinden

Wenn wir den ablehnenden, hassenden Anteil in uns (den internalisierten antagonistischen Elternteil) gefunden haben, dann ist es im ersten Schritt wichtig anzuerkennen, dass er uns schützen wollte. Es gibt also einen guten Grund für dessen Existenz. Wir sollten erkennen, dass seine Strategie unter den Umständen, in denen er entstanden ist, genial war. Wir sollten aber auch verstehen, dass er ein lebenswertes Leben in der Gegenwart verhindert. Die Aspekte in uns, gegen die sich dieser Hass-Anteil wendet, wollen von uns angenommen, geliebt und integriert werden. Das ermöglicht uns erst ein Leben, was wir wirklich leben wollen. Wir können den Beschluss fassen, dem antagonistischen Elternteil, der von uns erwartet, das Leben eines anderen zu führen, zu widersprechen.

Solange wir abgelehnte Aspekte in uns tragen und sie nicht zurück geholt und integriert haben neigen wir dazu, diese Aspekte auf andere (insbesondere auf unseren Partner) zu projizieren. Das birgt eine einmalige Chance in sich:

Wir können die schon erwähnte Hürde starker interner Widerstände umgehen, wenn wir beginnen, die projizierten abgelehnten Aspekte im Gegenüber zu lieben.

Das toleriert unser System viel besser. Es erzeugt nicht die selben starken Widerstände, denn unser primitives Reptilien-Hirn kann Liebe, die wir anderen entgegen bringen nicht von Selbstliebe unterscheiden.

Selbsthass ist wie eine Mauer, die uns von Liebe fern hält. Um sie empfangen zu können muss zuerst diese Mauer zum Fallen gebracht werden.