Toxische Menschen (?)

Toxische Menschen gibt es nicht

Es gibt nur toxische Beziehungsmuster und Beziehungsdynamiken. Wir sollten die Bezeichnung “Toxischer Mensch” aus unserem Sprachgebrauch verbannen, denn er ist in sich selbst toxisch.

Wovon wir eigentlich sprechen ist eine zerstörerische Art der Interaktion zweier Menschen in einer Beziehung. Die Bezeichnung “Toxischer Mensch” verdankt ihre Existenz dem Standpunkt, dass es da draußen viele kranke nicht therapierbare Menschen gibt, die anderen chronischen Schmerz und Leid zufügen. Noch herrscht vielerorts diese Täter-Opfer-Mentalität. Generalisierte Aussagen, wie “Narzissten können sich niemals ändern.” oder “Abweisende Vermeider sind gefühlskalt.” untermauern das. Aber der Satz “Der, der das Böse hasst erschafft noch mehr davon.” entspricht leider der Wahrheit.

Aber sind das nicht nur Worte? In diesem Fall nicht: Mit der Personalisierung toxischer Verhaltensweisen tun wir nämlich genau das, was das Problem ursprünglich erzeugt hat: Wir beschämen Menschen, indem wir ihnen vermitteln, daß sie nicht normal sondern kaputt und defizitär sind.

Die unterschiedlichen Bindungs-Stile bringen gewisse typische Verhaltensmuster mit sich. Ich möchte versuchen zu erläutern, wie wir unsere Wahrnehmung dafür schulen können, um Teufelskreise zu durchbrechen und um handlungsfähig zu bleiben.

Vorurteil “toxischer Mensch”

Wenn wir chronische Wut in uns tragen, Frust über etwas oder jemanden entwickeln, Menschen verurteilen, demonisieren und Angst verbreiten schaden wir uns in erster Linie selbst. Was wir nach aussen tragen existiert zuerst einmal in uns. Das ist nicht nur aus philosophischer Sicht so, sondern ganz besonders auch im Hinblick auf neurochemische körperliche Reaktionen, die Emotionen in uns auslösen. Zusätzlich verstärken wir mit diesen ablehnenden (trennenden) Gefühlen eigene unterbewusste negative Programme. Das Gefühl des getrennt seins und der Isolation ist eine der schmerzhaftesten Erfahrungen, die ein Mensch überhaupt machen kann. Wenn wir durch Verurteilung, Ablehnung und Schuldzuweisung Distanz zwischen uns und unserem Gegenüber erzeugen, erschaffen wir uns im Geist ein Feindbild. Unser Verstand fühlt sich angegriffen, was zwangsläufig den Impuls des Gegenangriffs und der Verteidigung auslöst.

Außerdem sollten wir daran denken, daß wir Dinge persönlich nehmen und uns von anderen angegriffen fühlen, solange wir unsere Kindheitsverletzungen nicht geheilt und abgelehnte Anteile nicht integriert haben. Aussagen und Handlungen anderer Menschen lösen dann in uns verschiedenste in der Vergangenheit abgespeicherte Assoziationen aus, wie z.B. “Ich bin nicht gut genug.” oder “Ich bin schlecht.”. Wir sehen darin unterbewußt den Grund für das Verhalten unseres Gegenübers. Was wir so zwangsläufig übersehen ist, dass dieser Mensch sein Verhalten aufgrund eigener Ängste zeigt, um einen Puffer zwischen sich selbst und der Realität zu schaffen und sich sicherer zu fühlen. Wir geben der Sache eine andere (unsere individuelle!) Bedeutung. Der Verstand attackiert sich in diesen Momenten selbst. Der Glaube, dass wir angegriffen werden erzeugt den Drang zur Verteidigung. Und schon haben wir nicht nur ein Feindbild, sondern auch Trennung und Angst erzeugt. Dieser Teufelskreis hält uns gefangen. Durchbrechen können wir ihn nur, indem wir beginnen Verständnis für das Gegenüber und seine wahren Beweggründe zu entwickeln. Wir können die Geschichte, die wir uns selbst erzählen, entlarven und nach den Absichten hinter der Tat des anderen Menschen suchen.

Personalisierung von Verhaltensweisen

Mitgefühl entsteht im Bemühen, unser Gegenüber im Innersten zu verstehen. Es befreit uns vom Bedürfnis, uns verteidigen zu müssen. Wir können unser Gegenüber genau beobachten und uns dann fragen: “Was passiert gerade in diesem Menschen? Was erzeugt in ihm den Wunsch zu urteilen?”

Manche Menschen mit unsicherem Bindungsverhalten haben genau hier ihre Ur-Wunde: Sie fürchten sich davor sich auf Menschen emotional einzulassen, offen zu sein und Mitgefühl zu entwickeln. Der Grund dafür ist in der Regel, dass sie sich selbst misstrauen, wenn es um adequate Grenzsetzung geht. Sie haben das Gefühl, die Taten anderer persönlich nehmen zu müssen, um für sich selbst ein Gefühl der Sicherheit zu erlangen. Über Schattenarbeit kann man dieser Problematik auf den Grund gehen und sie lösen.

Nelson Mandela sagte: “Groll hegen ist wie Gift trinken in der Hoffnung, dass der andere daran stirbt.”

Widerstand und Groll entsteht aus der Angst davor, was passieren könnte, wenn man ihn losläßt. Viele Menschen setzen das mit Schwäche gleich. Sie glauben damit destruktive Verhaltensweisen gut zu heissen. Wenn wir Wut und Groll loslassen macht es das Verhalten anderer nicht automatisch okay. Wir entziehen diesen Dingen auf diese Weise lediglich unsere emotionale Energie. Wenn wir z.B. aufgrund einer emotionalen Distanz des Partners das Gefühl entwickeln, dass wir nicht gut genug sind und dass sein Verhalten aus unserer Unvollkommenheit resultiert, dann halten wir eine destruktive Dynamik ungewollt aufrecht. Jedes mal, wenn Gefühle der Minderwertigkeit in uns getriggert werden, wird die alte unterbewusste Speicherung erneut bedient und gefestigt. Wir bauen damit diese zerstörerischen Schaltkreise weiter aus. Sie werden zum Filter, durch den wir unsere Umgebung wahrnehmen und wir werden diese Art Mensch immer wieder in unser Leben ziehen. Als Resultat dessen sorgen wir quasi im Autopilot weiterhin für unser eigenes Leid, weil wir das Programm unterbewusst füttern und pflegen. Die Masse der Menschen weiss leider (noch) nicht um diese Prozesse. Erst das Bewusstsein dafür versetzt uns in die Lage, aus der verhängnissvollen Situation den Ausweg zu finden. Ohne sie projizieren wir unseren alten Schmerz in die Welt und das sympathische Nervensystem läuft ständig auf Hochtouren.

Emotionale Verletzungen

Werde Meister im Verstehen deines Gegenübers und lerne gute Grenzen zu setzen.

Eine Geschichte von Buddha:

Während ein Ehepaar die Lehren Buddhas studiert und die Frau begeistert alles in sich aufsaugt, wird ihr Mann zunehmend wütend. Eifersucht macht sich in ihm breit. Eines Tages macht er sich zu Buddha auf den Weg und beschimpft ihn auf’s fürchterlichste. Als der Mann sich endlich beruhigt fragt Buddha: “Bist du fertig?” “Ja bin ich.” antwortet der Mann. Buddha entgegnet: “Wenn du mich besuchst und ich biete dir eine Mahlzeit an, die ich gekocht habe und du sie ablehnst, wem gehört das Essen?” “Dir. Es ist ja dein Essen.” antwortet der Mann. Buddha antwortet: “Ja. Das Gleiche gilt für deine Wut. Wenn ich mich weigere, sie anzunehmen, weil ich erkenne, dass sie dir gehört kann ich versuchen zu verstehen, wo die Wut in dir herkommt. Dann bin ich frei. Die Wut fällt auf dich zurück.”

Wir haben Einfluss darauf, wie wir auf Situationen, die unsere alten Wunden berühren, reagieren. Unser Unterbewusstsein drückt sich weniger über Sprache, sondern mehr über Emotionen, Empfindungen und Symbole aus. Generalisierte Aussagen über die Bindungs-Stile und deren Prognose entsprechen weder der Wahrheit noch sind sie nützlich. Wenn wir negative Gedanken, wie: “Er ist kalt.” oder “Sie ist ignorant.” pflegen, dann schaffen wir zusätzliche negative Energie. Wir befinden uns im Verteidigungsmodus und reinszenieren die gleichen Muster immer wieder neu.

Jedes mal, wenn wir gegen ein Problem ankämpfen, dann füttern wir es. Wir sollten uns nicht auf das Problem ausrichten, sondern uns in Richtung Lösung bewegen. Generalisierungen, wie “Der ängstliche Vermeider ist entscheidungsunfähig.”, “Der abweisende Vermeider ist gefühlskalt.” oder ” Der ängstlich Überinvolvierte ist grenzverletzend.” personalisieren und richten Schaden an. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Wurzel aller unsicheren Bindungsmuster ein Schmerz ist. Im Versuch ihn zu lindern greifen Menschen zu den verschiedensten Bewältigungsstrategien und viele Betroffene wissen noch nicht, dass diese Bewältigungsstrategien ihr Leben steuern, weil das unterbewusst ablaufende Prozesse sind.

Bindungsverhalten ist transformierbar

Wenn es Menschen gelingt sich selbst zu reflektieren, dann wollen sie ihren Heilungsprozess voran bringen. Wenn sie ihren Anteil an Beziehungsproblemen erkennen und verstehen, dass sie anderen und sich selbst Schmerz zufügen suchen sie nach Wegen es zu ändern. Sie sind motiviert – ganz egal um welchen Bindungs-Stil es sich handelt. Und wenn der Prozess ins Stocken kommt gilt es die Widerstände ausfindig zu machen und sie aufzulösen. Schattenarbeit ist ein fantastisches Werkzeug dafür.

Jeder Bindungs-Stil ist transformierbar. Ich sehe es in meiner Praxis und bin den Weg selbst gegangen. Wir wurden nicht mit unsicherem Bindungsverhalten geboren. Er hat sich aufgrund wiederholter kindlicher Erlebnisse und den damit einhergehenden Ängsten entwickelt. Wir wissen heute sicher, dass wiederholte Erfahrungen, die emotional nicht verarbeitet wurden zu unterbewussten Programmen werden. Diese Erkenntnis können wir nutzen, wenn wir unterbewusste Speicherungen verändern wollen. Vielen Menschen hilft dieses Wissen inzwischen dabei, an bestehenden Bindungsproblemen zu arbeiten und erstaunliche Veränderungen hervorzubringen.

Abwertung “toxischer Mensch”

Abwertung impliziert das Bedürfnis nach Aufwertung. Es dient der Selbstwertstabilisierung, lenkt von Eigenanteilen ab und führt zu Schubladen-Denken, zu neuem Schmerz und kollektiver Angst. Wir werden zu Tätern, wenn wir Menschen retraumatisieren. Natürlich wollen wir uns von Menschen distanzieren, die uns nicht gut tun. Das sollte aber keinen Hass zur Folge haben.

Die Wahrscheinlichkeit, dass wir von unseren Mitmenschen gehört werden ist dann am grössten, wenn wir ihnen mit ehrlicher Zugewandtheit und aufrichtigem verstehen wollen begegnen. Schlüssel zur Heilung des abweisend vermeidenden Bindungsstils. Vielleicht stösst das in ihnen Denkprozesse an, sodass sich ihre Widerstände lösen.

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