Wo liegen die Ursachen meiner Zweifel?

Unsicheres Bindungsverhalten hat seinen Ursprung in ungeheilten Kindheitsverletzungen. Solange wir uns nicht bewusst mit unserer Prägung auseinandergesetzt haben, bestimmt die “Klangfarbe” unserer ersten Liebesbeziehung, der Beziehung zu unseren Eltern, wie wir uns später in unseren intimen Beziehungen fühlen und verhalten.

Folgende Fragen werden mir oft in meiner Arbeit mit Patienten gestellt:

“Wenn in mir Zweifel an meiner Beziehung aufkommen, wie kann ich erkennen, ob die Ursache dafür eine ungeheilte Kindheitsverletzung ist?”

“Wie unterscheide ich, ob die negativen Gefühle bei einem Konflikt mit meinem Partner aus altem getriggerten Schmerz resultieren oder rein in der momentanen Situation begründet sind?”

“Wie finde ich heraus, ob die negativen Assoziationen, die ich im Zusammenhang mit meinem Partner habe, meinen unbewusst ablaufenden Deaktivierungsstrategien entspringen?”

“Wie unterscheide ich zwischen realen, berechtigten Zweifeln an der Beziehung und negativen Gedanken in Bezug auf die Beziehung als Folge meiner Deaktivierungsstrategien?”

Um diese Fragen beantworten zu können musst du zuerst einmal verstehen, was genau passiert, wenn du zu einer Deaktivierungsstrategie greifst. Im Prinzip konstruierst du im Kopf eine Geschichte rund um eine dir nahestehende Person und bringst alten erlebten Schmerz aus Kindertagen mit ihr in Verbindung. Du könntest dir zum Beispiel gedanklich Dinge sagen, wie “Er/sie interessiert sich nicht für mich.” oder “Er/sie will mich kontrollieren.”. Indem du das tust erzeugst du sofort eine Trennung und Distanz zwischen dir und dem in Gedanken kritisierten Gegenüber.

Ängstliche Vermeider und abweisende Vermeider deaktivieren auf unterschiedliche Art und Weise. Während ängstliche Vermeider mehr dazu neigen zwischen Aktivierung und Deaktivierung hin und her zu wechseln sieht man bei abweisenden Vermeidern oft eine stetigere, dafür aber weniger extreme Form von Deaktivierung. Die Vehemenz und Dramatik der Deaktivierungsmassnahmen ist natürlich auch davon abhängig, wieviel gespeicherter Schmerz in der jeweiligen Situation an die Oberfläche dringt.

Deaktivierung basiert auf Schmerz durch Angst und starke Verletztheit.

Ohne unsere unterbewusst gespeicherten Programme wäre die Zukunft nicht Angst besetzt. Wir würden ihr gefühlsmässig neutral gegenüberstehen.

Ich möchte zur Verdeutlichung eine Analogie nutzen: Wenn eine Mutter ihr Kind zum ersten mal ins Auto setzt, dann wird es nicht in Panik verfallen, weil es keine Angst machenden Konzepte über die Bedeutug des Auto fahrens in sich trägt. Es wird demzufolge den Akt des Auto fahrens auch nicht als bedrohlich empfinden. Erst wenn in uns Programme entstehen und wir aufgrund dieser Programme vergangene Erlebnisse in die Zukunft projizieren entsteht Angst und Misstrauen. Wenn wir immer wieder hören, dass Autos gefährlich sind und unsere Mutter vielleicht einen Unfall hatte, von dem sie dauernd erzählt, dann beginnen wir die Angst zu entwickeln, vielleicht in eine ähnliche Situationen zu geraten.

Unbewusste Programme sind Quelle individueller Ängste vor zukünftigen Geschehnissen.

Das heisst Deaktivierung basiert eigentlich nicht auf der Angst vor Hingabe, der Angst davor verschlungen zu werden, der Angst die Kontrolle zu verlieren oder der Angst vor Nähe. Deaktivierung basiert auf den unbewussten Wunden der Vergangenheit, die in einem ungeheilten Zustand sind. Sie brauchen unsere Zuwendung, damit wir in Beziehung zu anderen Menschen treten können ohne immer wieder in Situationen zu geraten, in denen wir deaktivieren (uns schützen) müssen.

Im Gegensatz zu berechtigten nicht veränderlichen Zweifeln an einer Beziehung sind Zweifel als Folge von Deaktivierung ein lösbares Problem. Du bist durch ein aktuelles Ereigniss getriggert worden, wenn du dich zur Deaktivierung gezwungen siehst. Diese Triggersituation zieht dich in einen Strudel heftiger Gefühle. Viele Vermeider sagen, daß sie sich in solchen Situationen  “wie in einem Tunnel” fühlen. Ein Film der negativen Dinge, die passieren könnten und im Zusammenhang mit dem Partner stehen, läuft automatisch ab. Dabei wird unbewusst massiver Schmerz erzeugt, der bewältigt werden muss. Das passiert dann durch Kampf- oder Fluchtverhalten. Beides führt zu Distanz und Trennung. Ein Gefühl von Sicherheit kehrt zurück. Die Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Deaktivierung sind vielfältig. Es kann sein, dass du den Partner anschreist, ihn körperlich weg stösst, verletzende Bemerkungen machst, davon rennst und vieles andere mehr. In der Tiefe basiert Deaktivierung immer auf einer alten Wunde, die gerade berührt wurde. Durch die Berührung werden in dir Gedanken und Gefühle erzeugt, die Schmerz verursachen. Das daraus resultierende Verhalten ist ein  Versuch, die Situation so zu verändern, dass du dich wieder besser (sicher) fühlen kannst.

Wie erkenne ich Deaktivierung?

Frage dich in der jeweiligen Situation:

1) Fühle ich so, weil ich ein Bedürfnis habe, was nicht erfüllt wird, weil ich es nicht kommuniziert habe? Wenn ja, dann hast du dich eine Zeit davor schon nicht verbunden und verstanden gefühlt, was in dir Schmerz erzeugt hat. Dieser Schmerz basierte auf Assoziationen mit vergangenen Erlebnissen. Du hast dann die Quelle des Schmerzes fälschlicherweise deinem Partner zugeordnet. Und du hast nicht erkannt, daß es ein Bedürfnis gibt, was kommuniziert werden muss. Deshalb siehst du dich gezwungen, die Person, von der du glaubst, dass sie die Ursache deines Leidens ist wegzustossen, um dich zu schützen.

Zusammengefasst passiert auf unterbewusster Ebene also folgendes:

Du hast eine alte Wunde, die aktiviert wurde und ein Bedürfnis, was nicht befriedigt ist. Das bereitet dir Schmerz und du erklärst deinen Partner zu dessen Quelle, obwohl dieser Schmerz in Wirklichkeit auf das unbewusste Programm in dir zurückzuführen ist. Du bist nicht in der Lage, die Situation objektiv zu betrachten. Indem du die vermutete (aber falsche) Quelle weg stösst ändert sich nichts. Die alte Wunde bleibt bestehen.

2) Deaktiviere ich, weil es ein Bedürfnis gibt, was unbefriedigt geblieben ist, weil ich es nicht kommuniziert habe? Wenn ja, dann frage dich, wie du ein Gespräch mit deinem Partner führen kannst, um daraus ein lösbares Problem zu machen. In dem Moment, wo du einen Weg findest, dir deine Bedürfnisse zu erfüllen, werden deine Deaktivierungsmassnahmen überflüssig.

3) Fühle ich so, weil ich getriggert wurde oder ist es tatsächlich das aktuelle Ereignis zurückzuführen? Wenn du von deinem Partner respektlos behandelt wirst, dann kannst du natürlich negative Gefühle entwickeln, ohne dass es eine alte Verletzung in diesem Kontext gibt. Achte einfach auf die Intensität deiner Reaktion. An ihr erkennst du, ob es ein Trigger war oder nicht. Wenn die Reaktion unproportional heftig im Vergleich zum Auslöser ausfällt, dann wird es sich wahrscheinlich um eine alte Wunde handeln, die durch die aktuelle Situation berührt wurde. Wenn du getriggert wurdest, dann tendierst du dazu, dich durch Deaktivierungsmassnahmen vor einem anderen Menschen zu schützen, obwohl die alte Wunde nach deiner Aufmerksamkeit, nach deiner Beachtung und nach Heilung schreit.

Klarheit über diese Fragen ist wichtig. Sie hat einen wesentlichen Einfluss darauf, wie sich deine Beziehung entwickeln wird. Mit der ehrlichen Beantwortung dieser Fragen veränderst du in jedem Fall die Beziehungsdynamik zum positiven.

Was verbessert die Prognose für meine Beziehung?

Auf der einen Seite ist es wichtig, deine alten Wunden aufzuspüren und sie zu heilen, damit sich deine Reaktivität durch geringfügige Auslöser auflösen kann. Und auf der anderen (wenn negative Gefühle tatsächlich aus einer aktuellen Situation und dem Verhalten des Partners resultieren) spielt die offene Kommunikation deiner Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche und Grenzen eine ganz bedeutende Rolle. Nur so gibst du deinem Gegenüber überhaupt die Chance, sie zu berücksichtigen und damit eure Beziehung zu verbessern und zu stärken.

Was sind berechtigte Zweifel?

Wenn du wiederholt auf deinen Partner zugehst, um ihm deine Bedürfnisse zu kommunizieren oder um konkrete Probleme zu lösen und das bei ihm auf Unwillen, Abwehr oder Ignoranz stösst, dann bewegst du dich tatsächlich auf einem Territorium, was Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Beziehung rechtfertigt. Wahrscheinlich sind Zweifel dann wirklich angebracht. Desinteresse und Ignoranz  gehören zu den sogenannten “Red Flags” in einer Beziehung. Das kann toxische Formen annehmen, wenn du es zulässt.

Wenn unverhandelbare Grundsätze von deinem Gegenüber nicht ernst genommen werden, dann solltest du dich unbedingt fragen:

“Ist es diese Beziehung wert, weiterhin daran festzuhalten? Ist sie es wert, weiter Energie hinein zu investieren, in der Hoffnung dass sich die Situation irgendwann doch verbessert?”

Eine Beziehung gelingt nur, wenn beide bereit sind, daran zu arbeiten und Probleme konstruktiv zu lösen. Beachte, dass du dich selbst verletzt, wenn du die Nichtachtung deiner Werte und Grundsätze weiter tolerierst. Dein Selbstwert würde langfristig darunter leiden. In einer solchen Situation solltest du der Tatsache, dass das nicht der richtige Partner für dich ist, ins Auge sehen.